Irene Harand
Autorin und Journalistin
Geb. 07.09. 1900 in Wien/ Österreich-Ungarn
Gest. 02.02. 1975 in New York/ USA
“Eine Welle des Hasses durchflutet das Land. Die Politiker wetteifern in ihrem Hassgesang gegen die Juden. Es herrscht jetzt Hochkonjunktur im Antisemitismus. Als Christin und Arierin schäme ich mich dieses Treibens.“ *)
“Ob Klassen- oder Rassenhass: Am Ende steht das Verderben beider: der Gehassten wie der Hassenden!“ **)
“Was sie verkörperte ist Toleranz und Respekt. Das Europa des 21. Jahrhunderts ist ein Europa der Multikulturalität, welches ohne diese Toleranz und diesen Respekt kaum bestehen kann.“ ***)
Die Tochter aus einer kaisertreuen, erzkatholischen Bürgerfamilie besucht die Mittelschule und wird anschließend, wie damals in jenen Kreisen üblich, an einem Bildungsinstitut in Haushaltsführung, Französisch und guten Umgangsformen unterwiesen. Die erst 19Jährige heiratet den fünf Jahre älteren Frank Harand, Weltkrieg-I-Teilnehmer und Hauptmann, nunmehr Manager in einer Schokoladenfabrik. Ende der zwanziger Jahre lernt Irene Harand den jüdischen Rechtsanwalt Dr. Moritz Zalman kennen und arbeitet für ihn im “Verband der Kleinrentner und Sparer Österreichs“, zuerst als Sekretärin, später dann als Stellvertretende Vorsitzende, und schreibt für die Verbands-Zeitung “Welt am Morgen“. 1930 gründen Zalman und Harand die “Österreichische Volkspartei“ (nicht zu verwechseln mit der ÖVP der Zweiten Republik), die sich für Kleinrentner und Ärmere einsetzt und aktiv gegen den Antisemitismus auftritt. Bei den Wahlen am 9. November 1930 erhält die Partei allerdings nur 0,4 Prozent der Wählerstimmen und verpasst den Einzug in den Nationalrat.
Die überzeugte Katholikin ist seit ihren Jugendjahren schon Gegnerin von judenfeindlichen Tendenzen, und das auch und vor allem in der Zeit des aufkommenden Nationalsozialismus in Österreich. In ihrem Engagement gegen Nazismus und Rassenhass sucht sie sich jedoch anfänglich die falschen Verbündeten, ja, sympathisiert mit der rechtsgerichteten “Vaterländischen Front“ und steht damit auf der Seite derjenigen, die eigentlich ihre Gegner hätten sein müssen, aber: “Nur im klerikalfaschistischen Regime von Engelbert Dollfuß, der seit 1932 regiert, sieht sie noch eine Chance, den Anschluss Österreichs an das „Dritte Reich“ zu verhindern.“ (Hier zitiert aus: {ln:nw:http://www.zeit.de/2013/44/irene-harand-weltbewegung-gegen-rassenhass-nationalsozialismus/seite-2}). Weder als Dollfuß die “Vaterländische Front“ zu einer totalitären Organisation ausbaut, das Parlament auflösen lässt, die Versammlungs- und Pressefreiheit aufhebt und politische Gegner in Sondergefängnissen verschwinden, noch als im Februar 1934 die Sozialdemokraten und Gewerkschaften aufbegehren und ihr Widerstand blutig gebrochen wird, regt sich Widerstand auf Seiten von Irene Harand. Es ist schlussendlich der zunehmende Judenhass, der sie und die “Vaterländische Front“ einander auf Abstand gehen lassen. Ihre “Weltbewegung gegen Rassenhass und Menschennot“ wird unter polizeiliche Aufsicht gestellt und “Ende 1935 erhält Harand eine Vorladung. Bei Strafandrohung verlangt man „eine Mäßigung Ihrer Schreibweise, insbesondere in Bezug auf das Staatsoberhaupt und die Mitglieder der Regierung des Deutschen Reiches“. (Hier zitiert aus: {ln:nw:http://www.zeit.de/2013/44/irene-harand-weltbewegung-gegen-rassenhass-nationalsozialismus/komplettansicht} )
Zwei Jahre zuvor, im Herbst 1933 haben Zalman und Harand die oben bereits erwähnte “Weltbewegung gegen Rassenhass und Menschennot“, bekannter unter dem Namen “Harand-Bewegung“ gegründet. Zwischen 1933 und 1938 verzeichnet die Organisation mehrere tausend Mitglieder und Ortsgruppen in zahlreichen europäischen Staaten, allein die Zahl der Sympathisanten schätzt Irene Harand auf rund 80 Tausend. Ihr Sprachrohr ist die Wochenzeitung “Gerechtigkeit“, die von 1933 bis 1938 in einer Auflage von ca. 28.000 Exemplaren – vorübergehend auch in polnischer und französischer Sprache – erscheint. “Ich bekämpfe den Antisemitismus, weil er unser Christentum schändet“ (hier zitiert aus: {ln:nw:http://www.mediathek.at/atom/1378E0D2-1C3-00070-00000ADC-13783121/}) – auf jeder Nummer der “Gerechtigkeit“ steht dieses Leitmotiv der Irene Harand. Am 12. März 1938, als die Hitler-Wehrmacht in Österreich einmarschiert, wird die Zeitschrift zum letzten Mal gedruckt – ausgeliefert wird sie nicht mehr.
Bereits 1935 hat Harand – auf eigene Kosten – das Buch “Sein Kampf. Antwort an Hitler“ veröffentlicht, in dem sie diverse antisemitische Stereotype widerlegt und in einem eigenen Kapitel auf die Fälschung der Protokolle der Weisen von Zion eingeht. 1936 erscheint das Buch auf Französisch, 1937 in englischer Sprache. In ausgedehnten Vortragsreisen durch Europa und die USA versucht Irene Harand, die Öffentlichkeit gegen Nationalsozialismus und Antisemitismus zu mobilisieren. Getragen von der Überzeugung, dass nicht zuletzt prekäre wirtschaftliche Verhältnisse einen Nährboden für die Ideologie der Nationalsozialisten bilden, übernimmt die Autorin Firm-Patenschaften, organisiert Weihnachtsbescherungen für die Kinder Mittelloser und organisiert die Zusendung von Lebensmittelpaketen an Bedürftige. Hoteliers, vor allem in ländlichen Regionen, erhalten von ihr Zusagen für Gratis-Inserate in der Zeitung “Gerechtigkeit“, vorausgesetzt, sie abonnieren die Zeitschrift und verpflichteten sich, jeden Gast – unabhängig von Herkunft und Religionszugehörigkeit – aufzunehmen. Als Protest gegen die Münchner Goebbels-Ausstellung “Der ewige Jude“ gibt die “Harand-Bewegung“ Verschlussmarken mit Porträts berühmter jüdischer Persönlichkeiten heraus, und Sympathisanten gelingt es sogar, in den Ausstellungsräumen Klebezettel (u.a. mit den Porträts von Heinrich Heine, Albert Ballin und Paul Ehrlich) an Wänden und Vitrinen anzubringen. Aber die Unterstützung für die Harand-Bewegung wird immer schwieriger. Es fehlt schlichtweg an Geld. Ein geplanter Weltkongress scheitert 1937 sowohl an den finanziellen Möglichkeiten der Organisation wie auch an der mangelnden Unterstützung durch die österreichischen Behörden.
1938 wird ein Kopfgeld von 100.000 Reichsmark auf Irene Harand ausgesetzt und ihre Bücher werden in Salzburg öffentlich verbrannt. Harand, die zu dieser Zeit auf Vortragsreise in Großbritannien weilt, hilft von London aus ihrem Mann, aus Nazi-Deutschland zu fliehen und will auch dem bereits untergetauchten Dr. Moritz Zalman ermöglichen, mit falschen Papieren Österreich Richtung Schweiz zu verlassen. Beim Grenzübertritt jedoch wird der jüdische Rechtsanwalt verraten und ins KZ Sachsenhausen deportiert, wo er ums Leben kommt. Über Kanada emigriert das Ehepaar Harand später in die USA.
Hier begründet Irene Harand die Exilorganisation “Austrian Forum“ mit und wird in den 1940er Jahren zu einer der führenden Persönlichkeiten innerhalb der Frauenorganisation der amerikanischen “Non-Sectarian Anti-Nazi League to Champion Human Rights“. Mit ihrer Hilfe erhalten zahlreiche österreichische Juden Visa für die USA, an die 100 Menschen werden so vor der nationalsozialistischen Verfolgung gerettet. 1941 ist Irene Harand in London an der Gründung des “Free Austrian Movements“ beteiligt.
1969 wird sie von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem als “Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet und erhält 1971 das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich. Die Asche der im Alter von 74 Jahren in ihrer US-amerikanischen Exilheimat Verstorbenen wird nach Europa überführt und am 27. Juni 1975 in einem ehrenhalber gewidmeten Grab der Gemeinde Wien im Urnenhain der Feuerhalle Simmering beigesetzt. Erst anderthalb Jahrzehnte nach ihrem Tod wird 1990 ein Wohnhaus in der Judengasse im I. Wiener Gemeindebezirk nach ihr benannt, und im IV. Bezirk gibt es seit 2006 einen Irene-Harand-Platz, auf dem auch seit 2010 ein Denkmal steht, das an die Nazi-Gegnerin und Schriftstellerin erinnert, deren 1935 erschienenes Buch “Sein Kampf – Antwort an Hitler“ 2005 in einer Neuauflage vom Wiener Ephelant-Verlag herausgegeben wird.
Quellen:
*) Eingangszitat: {ln:nw:http://maislinger.info/gerechte/rassenhass.htm }
**) Eingangszitat:
{ln:nw:http://www.mediathek.at/atom/1378E0D2-1C3-00070-00000ADC-13783121/ }
***) Eingangszitat: {ln:nw:http://www.imdialog.org/bp2009/04/06.html }
{ln:nw:https://de.wikipedia.org/wiki/Irene_Harand }
{ln:nw:http://www.zeit.de/2013/44/irene-harand-weltbewegung-gegen-rassenhass-nationalsozialismus/komplettansicht }
{ln:nw:https://www.wien.gv.at/wiki/index.php/Irene-Harand-Platz }
{ln:nw:http://david.juden.at/buchbesprechungen/61-65/65-Gruber.htm }
{ln:nw:https://www.meinbezirk.at/wieden/lokales/in-memoriam-skulptur-zu-ehren-irene-harand-d35158.html }
Lesetipp:
“Gegen Rassenhass und Menschennot. Irene Harand – Leben und Werk einer ungewöhnlichen Widerstandskämpferin“. Von Christian Klösch/ Kurt Scharr/ Erika Weinzierl, Studienverlag Innsbruck, 2004
Links (deutsch):
{ln:nw:https://portal.dnb.de/opac.htm?method=simpleSearch&query=123630797 }
{ln:nw:http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=gtk }
{ln:nw:http://maislinger.info/gerechte/rassenhass.htm }
{ln:nw:http://derstandard.at/1981444/Kommentar-der-anderen-Wer-war-Irene-Harand }
{ln:nw:http://www.christenundjuden.org/artikel/geschichte/106-koettl-irene-harand-gelebte-gerechtigkeit }
{ln:nw:https://austria-forum.org/af/Biographien/Harand%2C_Irene }
{ln:nw:https://www.gedenkdienst.at/index.php?id=229 }
{ln:nw:http://ldn-knigi.lib.ru/JUDAICA/Harand_dt.pdf }
{ln:nw:http://ldn-knigi.lib.ru/JUDAICA/HarBrief.htm}
{ln:nw:http://ldn-knigi.lib.ru/JUDAICA/Foto/Hard_spricht.jpg}
{ln:nw:http://www.bild-video-ton.ch/bestand/objekt/Sozarch_F_Ob-0001-197 }
{ln:nw:http://www.christiankloesch.at/harandbewegung.html }
{ln:nw:https://www.youtube.com/watch?v=Kmhr9mthT8Y}
International:
{ln:nw:http://www.sehepunkte.de/2006/04/10833.html }
{ln:nw:http://db.yadvashem.org/righteous/family.html?language=en&itemId=4015210 }
{ln:nw:http://web.nli.org.il/sites/NLI/English/library/reading_corner/Pages/HisStruggle.aspx }
{ln:nw:https://en.wikipedia.org/wiki/Irene_Harand }
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