Hedwig Hintze
Historikerin
Geb. 06.02. 1884 in München
Gest. 19.07. 1942 in Utrecht/ NL
Ihr Vater hat wichtige Positionen im Wirtschafts- und politischen Leben Münchens inne und kann es sich leisten, seiner Tochter zunächst Privatunterricht erteilen zu lassen. Ab 1895 besucht Hedwig Guggenheimer, wie sie mit Mädchennamen heißt, eine höhere Mädchenschule in der bayerischen Hauptstadt und erhält dazu weiterhin privat Unterweisung in Staats-, Kunst- und Literaturgeschichte. Durch diverse Aufenthalte im französischsprachigen Ausland kann sie ihre Sprachkenntnisse vervollkommnen und 1901 die bayerische Staatsprüfung zur Französischlehrerin ablegen. Im Herbst desselben Jahres noch geht die damals gerade erst einmal 17Jährige für ein Jahr an ein Mädcheninternat ins belgische Brüssel. Drei Jahre später ist sie Gasthörerin bei germanistischen Vorlesungen an der Universität München, übersiedelt 1908 nach Berlin und legt dort als eine der ersten Frauen ihr Abitur ab.
Während in der Schweiz, Frankreich, Spanien und Großbritannien die Türen der Universitäten für die akademische Bildung von Frauen längst offenstehen, ist dies in Preussen erst seit 1908 der Fall. Viele Frauen, unter ihnen {ln:Augspurg, Anita ‚Anita Augspurg}, Ricarda Huch, {ln:Stöcker, Helene ‚Helene Stöcker}, Franziska Tiburtius und {ln:Luxemburg, Rosa ‚Rosa Luxemburg} müssen noch an ausländischen Hochschulen (vor allem der Schweiz) studieren – die junge Hedwig Guggenheimer hat es da leichter: Sie schreibt sich 1910 für die Fächer Geschichte und Germanistik an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin (heute: Humboldt-Universität) ein, konzentriert sich ab 1912 hauptsächlich auf das historische Studium – und lernt in dieser Zeit den Historiker für preußische Verfassung, Otto Hintze, kennen, der wenig später dann auch ihr Ehemann werden wird.
Während des Ersten Weltkrieges unterbricht sie ihr Studium und arbeitet zeitweise beim Roten Kreuz. In den Jahren 1918 bis 1920 muss sich Hedwig Hintze immer wieder auch der Pflege ihres erheblich älteren und häufig schwer erkrankten Mannes widmen. Ihr Studium nimmt sie aber immer wieder auf, hört unter anderem Vorlesungen bei Ernst Troeltsch, seines Zeichens Professor für Religions-‚ Sozial- und Geschichts-Philosophie und christliche Religionsgeschichte an der Philosophischen Fakultät der Universität Berlin. Neben Vorlesungen ihres Mannes besucht sie auch Veranstaltungen von Friedrich Meinecke über das Zeitalter der Französischen Revolution und der Befreiungskriege und beschäftigt sich bei Heinrich Herkner mit Fragen der Nationalökonomie. Ihr auch und vor allem durch Meinecke gewecktes Interesse für die Französische Revolution vertieft sie durch diverse Forschungsreisen nach Frankreich. Ende des Jahres 1923 reicht sie ihre Arbeit über die “Municipalgesetzgebung der Constituante“ als Promotionsthema ein, Doktorvater ist Friedrich Meinecke. Am 24. Juni 1924 wird ihr die Promotionsurkunde mit dem Prädikat Summa cum laude ausgehändigt.
Hedwig Hintze erweitert ihre Doktorarbeit, Teil eines umfangreichen Forschungsvorhabens zur französischen Verfassungs- und Revolutionsgeschichte, um habilitiert zu werden, ein Vorhaben, bei dem sie ihr Ehemann unterstützt. Bereits 1928 kann Hintze ihre Habilitationsschrift zum Thema „Staatseinheit und Föderalismus im alten Frankreich und in der Revolution“ einreichen. Zuvor sind bereits zahlreiche Aufsätze von ihr zum Thema in Zeitschriften und Büchern erschienen, die ihre Sympathie für demokratische Ideen durchscheinen lassen, aber bei der Mehrzahl der deutschen Historiker nicht auf Gegenliebe stoßen. Die streng nationalistische Geschichtswissenschaft (in jenen Jahren vertreten durch Adalbert Wahl, Martin Spahn, Heinrich von Srbik, Wilhelm Schüßler und Erich Botzenhart) hegt seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine deutlich-unmissverständliche Antipathie gegen die Französische Revolution des Jahres 1789, verstärkt noch durch die deutsche Nachkriegs-Revolution 1918/ 19. Demokratisch gesinnte Geister wie Hedwig Hintze haben es da auch in der Weimarer Republik nicht leicht, vor allem, wenn sie Bismarck-kritisch eingestellt sind und darüber hinaus auch noch für sozialistische Publikationen schreiben. Trotz aller Widerstände erhält die Neuzeit-Historikerin jedoch eine Stelle in der renommierten (1859 gegründeten) “Historischen Zeitschrift“ (HZ), deren Redaktion sie ab 1926 angehört und im Rezensionsteil für Bücher über die Französische Revolution und moderne französische Geschichte verantwortlich zeichnet.
1933 wird der jüdischen Wissenschaftlerin im nationalsozialistischen Deutschland die Lehrberechtigung entzogen. Auch ihre Mitarbeit bei der Historischen Zeitschrift muss Hedwig Hintze 1933 beenden: Der HZ-Herausgeber Friedrich Meinecke kündigt, um die Unabhängigkeit der Zeitschrift zu erhalten, seinen jüdischen Mitarbeitern.
Nach einem Forschungsaufenthalt in Paris kehrt Hedwig Hintze 1935 nach Berlin zurück und emigriert 1939 in die Niederlande. Kurz nach dem Tod ihres in Berlin zurückgebliebenen Mannes am 25. April 1940 erhält die Historikerin am 4. Oktober 1940 einen Ruf an die University in Exile an der “New School for Social Research“ in den USA, finanziell ausgestattet durch die Rockefeller-Foundation. Das Berufskomitee erwartet ihr Eintreffen im Frühjahr 1941 und hofft durch ihr fulminantes Fachwissen auf eine Bereicherung der US-amerikanischen Geschichtswissenschaft.
Derweil ist die Hitler-Wehrmacht im Frühjahr 1940 in die Benelux-Staaten einmarschiert. Der Besatzung der Niederlande folgt auch hier die Verfolgung jüdischer Bürger. Hedwig Hintze kann das Land nicht mehr verlassen, eine Situation, die für sie besonders erschwerend nachwirkt, da – neben der Tatsache, dass die aus Deutschland geflohenen Emigranten im Fokus der Gestapo sind – nach dem Tod ihres Mannes dessen Schutzwirkung als “arischer Ehemann“ beendet ist. Die in großer Armut lebende und oft auf Hilfe von Freunden angewiesene Historikerin lebt in der Umgebung von Utrecht, im Kreis anderer deutscher Emigranten jüdischen wie auch evangelischen Glaubens. Laut einer Verordnung vom 26. November 1941 verfällt das Vermögen von Juden, die ihren Aufenthalt im Ausland haben, automatisch dem Deutschen Reich. Damit verliert Hedwig Hintze nun auch sämtliche Ansprüche auf die ihr zustehende Witwenrente, um die sie seit dem Tod ihres Mannes kämpft.
Im April 1942 versucht sie, mit Hilfe eines befreundeten Schweizer Historikers, in die Schweiz auszuwandern. Aber die Eidgenossen lehnen ihr Gesuch ab. Ende April 1942 werden alle in den besetzten Niederlanden lebenden Juden gezwungen, den Gelben Stern zu tragen. Am 4. Juni erhält die mittlerweile 58Jährige die Aufforderung, am 10. Juni alles in ihrem Besitz befindliche Silber, eine Teedose und sechs Silberlöffel, entschädigungslos bei der deutschen Agentur für Enteignungen in Amsterdam abzuliefern. Am 15. Juli findet der erste Abtransport von Juden zum Durchgangslager Westerbork statt, von dem aus die Züge in die Vernichtungslager im Osten starten. Am 19. Juli 1942 stirbt Hedwig Hintze im Krankenhaus Utrecht, wobei ihre Todesursache bis heute nicht eindeutig geklärt werden kann.
1996 wird in Bremen von Wissenschaftler- und StudentInnen die “Hedwig Hintze-Gesellschaft für historische Forschung und Bildung e.V.“ gegründet. Ziel der Gesellschaft mit einem eigenen Institut an der Universität Bremen ist es, Leben, Werk und Wirkung der Historikerin Hedwig Hintze zu dokumentieren. Der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands verleiht im Gedenken an Hedwig Hintze einen nach ihr benannten und mit fünf Tausend Euro dotierten Preis für hervorragende Dissertationen aus dem Gesamtbereich der Geschichtswissenschaft, und der seit 2007 vergebene Frauen-Förderpreis des Fachbereichs Geschichts- und Kulturwissenschaften an der Freien Universität Berlin trägt ebenfalls ihren Namen. Seit 2008 erinnern am Haus Kastanienallee 28, dem letzten Wohnort der Hintzes in Berlin-Charlottenburg, zwei Porzellan-Gedenktafeln an das Historiker-Ehepaar.
Quellen:
{ln:nw:https://de.wikipedia.org/wiki/Hedwig_Hintze }
{ln:nw:http://www.geschkult.fu-berlin.de/service/frauenbeauftragte/hedwighintzepreis/index.html }
{ln:nw:https://www.morgenpost.de/printarchiv/berlin/article102648392/Gedenktafeln-fuer-renommiertes-Historiker-Paar.html }
{ln:nw:http://www.elisabethdickmann.de/texte.html }
Links (deutsch):
{ln:nw:http://www.hhi-bremen.de/institut.html }
{ln:nw:https://portal.dnb.de/opac.htm?method=simpleSearch&query=119368196 }
{ln:nw:http://www.zeit.de/2006/44/Glosse-Lit}
{ln:nw:https://www.perlentaucher.de/buch/otto-hintze-hedwig-hintze/39-verzage-nicht-und-lass-nicht-ab-zu-kaempfen-39.html }
{ln:nw:http://meta-katalog.eu/Record/23838fmt }
International:
{ln:nw:https://rockfound.rockarch.org/documents/20181/35639/Cancellation+of+grant-in-aid+for+Hedwig+Hintze.pdf/452e2a71-01f1-4c75-b5b9-680ee0358457 }
{ln:nw:http://documentin.com/article/les-antinomies-socialistes-et-levolution-du-socialisme-franais-etudes-economique_593988701723ddc2b61a4166.html }
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