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Mannheimer, Max

H.A.M. 0

Max Mannheimer

Kaufmann, Autor und Maler

Geb. 06.02. 1920 in Neutitschein (Nordmähren)/ Tschechoslowakei

Gest. 23.09. 2016 in München

 

“Es kommt mir nicht darauf an, mein Leid zu klagen, sondern es kommt mir darauf an, zu vermitteln, wie eine Diktatur entsteht und wie man sie verhindern kann.“ *)

 

Er ist das älteste von fünf Kindern einer deutsch-jüdischen Kaufmannsfamilie aus Mähren. Von  1934 bis 1936 besucht Max Mannheimer in seiner nordmährischen Geburtsstadt die Handelsschule und erhält danach eine Anstellung in einem Kaufhaus der Firma J. Schön & Co. in Znoimo-Starý Šaldorf (Znaim-Alt-Schallersdorf).

 

Im März 1938 erfolgt der “Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland, der vorher schwelende Antisemitismus wird nunmehr öffentlich, und für die jüdischen Bürger bedeutet dies vielfach Diskriminierung, Berufsverbot, Verfolgung und Inhaftierung. Die, die das Land verlassen können, nehmen oftmals beschwerliche Fluchtwege auf sich. Zu denen, die helfen, gehört auch die Familie Mannheimer, die, grenznah wohnend, geflohene österreichische Juden vorübergehend aufnimmt und ihnen bei der weiteren Flucht ins Landesinnere behilflich ist. Aber auch die Tschechoslowakei ist kein sicherer Ort mehr für Verfolgte: Mit dem Münchener Abkommen vom September 1938 wird Neutitschein als Teil des sogenannten “Reichsgaus Sudetenland“ an Nazi-Deutschland  angegliedert. Das hat Konsequenzen, nicht zuletzt auch für die Familie von Max Mannheimer: Das Firmenauto des Vaters wird wenige Tage später von einem Angestellten des Geschäfts für die NS-Volkswohlfahrt beschlagnahmt, er selber  im Zuge der Verhaftungsaktionen während der Novemberpogrome 1938 inhaftiert, im Dezember 1938 wieder freigelassen. Allerdings muss Jakob Mannheimer innerhalb von acht Tagen den vom Deutschen Reich besetzten Teil des Landes verlassen. Er flieht nach Ungarisch Brod, dem Geburtsort der Mutter, der Rest der Familie folgt Anfang 1939.

 

Nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei im März 1939 nimmt Mannheimer im Sommer 1939 eine Arbeit im Straßenbau an, da Juden nur körperliche Arbeiten ausüben dürfen. Ende 1940 lernt er Eva Bock kennen und heiratet sie Anfang September 1942 in der Hoffnung, dadurch bei der drohenden Deportation nach Theresienstadt zusammen bleiben zu können. Sein Bruder Erich wird 1942 verhaftet und in das für seine Foltermethoden berüchtigte Gestapogefängnis Kaunitz-Kolleg nach Brünn gebracht.

 

Am 27. Januar 1943 werden auch Max Mannheimer und seine Frau Eva, seine Eltern Jakob und Margarethe sowie seine Geschwister Käthe, Ernst und Edgar ins Ghetto Theresienstadt deportiert (wo u.a. auch {ln:Klingsberg, Greta ‚Greta Klingsberg}, {ln:Krása, Hans ‚Hans Krása} {ln:Dicker-Brandeis, ‚Friedl Friedl Dicker-Brandeis}, {ln:Fritta, Bedřich ‚Bedřich Fritta}, {ln:Gerron, Kurt ‚Kurt Gerron}, {ln:Haas, Leo ‚Leo Haas}, {ln:Haas, Pavel ‚Pavel Haas}, {ln:Jonas, Regina ‚Regina Jonas}, {ln:Kien, Peter ‚Peter Kien}, {ln:Klein, Gideon ‚Gideon Klein}, {ln:Klüger, Ruth ‚Ruth Klüger}, {ln:Schumann, Coco ‚Coco Schumann} und {ln:Ullmann, Victor ‚Victor Ullmann} inhaftiert sind).

 

Wenig später erfolgt der Weitertransport ins KZ Auschwitz-Birkenau, wo die Mannheimers in der Nacht vom 1. auf den 2. Februar 1943 ankommen. Max Mannheimers Eltern, seine Ehefrau und seine Schwester werden noch an der Rampe von ihm getrennt und im Februar 1943 umgebracht. Auch Bruder Ernst wird das Lager nicht überleben. Der schwer Erkrankte wird, trotz Intervention von Max und Edgar Mannheimer, am 7. März 1943 ermordet.

 

Die beiden überlebenden, durch Zwangsarbeit und Krankheit geschwächten,  Brüder werden im Oktober 1943 ins Konzentrationslager Warschau transportiert, das die Nazis auf den Ruinen des Ghettos errichtet haben. Und hier werden Max und Edgar gezwungen, auch noch die letzten Reste des nach dem Aufstand zerstörten Ghettos zu beseitigen. Im August 1944 erreichen die beiden Brüder ihre nächste Leidensstation, das Konzentrationslager Dachau bei München, in dem über 200 Tausend Häftlinge aus über 30 Nationen inhaftiert sind, zahlreiche Intellektuelle und Künstler, Politiker, Antifaschisten, Sozialdemokraten, Kommunisten und Pazifisten (darunter {ln:Matejka, Viktor ‚Viktor Matejka}, {ln:Geschonneck, Erwin ‚Erwin Geschonneck}, {ln:Blum, Léon ‚Léon Blum}, {ln:Schumacher, Kurt ‚Kurt Schumacher}, {ln:Ferber, Walter ‚Walter Ferber}, {ln:Grünbaum, Fritz ‚Fritz Grünbaum}, {ln:Rost, Nico ‚Nico Rost}, {ln:Soyfer, Jura ‚Jura Soyfer}, {ln:Leopoldi, Hermann ‚Hermann Leopoldi} und {ln:Aigner, Korbinian ‚Korbinian Aigner}).

 

Wenig später werden die Brüder Mannheimer ins KZ-Außenlager Karlsfeld zur Zwangsarbeit verlegt, und sind von Januar 1945 bis zur Räumung des Lagers durch die SS am 28. April 1945 im Außenkommando Mühldorf. Die folgende sogenannte “Evakuierung“ überleben Max und Edgar Mannheimer abgemagert und an Typhus erkrankt bis zu ihrer Befreiung durch die US-amerikanischen Truppen am 30. April 1945 in Tutzing.

 

Nach seiner Entlassung aus dem Lazarett kehrt Max Mannheimer in seinen Heimatort Neutitschein zurück. Nie mehr wieder will er deutschen Boden betreten – und verliebt sich kurz darauf in eine Deutsche, Elfriede Eiselt, die als Widerständlerin gegen die Nazis gekämpft hat. Sie wird seine zweite Frau, und mit ihr und der gemeinsamen Tochter Eva betritt Max Mannheimer dann doch wieder deutschen Boden: 1946 zieht die Familie nach München. Die Folgejahre bis 1964 engagiert sich Max Mannheimer in unterschiedlichen jüdischen Hilfsorganisationen und schreibt über seine Lebens- und Leidensgeschichte ein Buch. Bereits in den 1950er Jahren hat er begonnen, zu malen, und in Erinnerung an seinen ermordeten Vater signiert Mannheimer seine Bilder mit dem Namen “ben jakov“.  1975, 1995, 2001 und 2015 werden seine Werke in München ausgestellt, 1977 in Zürich, 1992 in seiner Geburtsstadt Nový Jičín, sowie 2000 und 2010 in Dachau. Im Januar 1956 wirkt der Holocaust-Überlebende Mannheimer an einem Projekt der Wiener Library in London mit und berichtet von seinen Erlebnissen im Nationalsozialismus. Transkripte des Interviews sind in der Bibliothek in London, in Yad Vashem in Jerusalem und im Archiv der Gedenkstätte KZ Dachau abgelegt. 1976 gelangen die Aufzeichnungen von 1964 in das Archiv in Dachau, wo sie im Frühjahr 1985 gefunden werden, als man hier die erste Ausgabe der Dachauer Hefte vorbereitet. Die Leiterin der Gedenkstätte Barbara Distel und der Historiker Wolfgang Benz, damals am Münchner Institut für Zeitgeschichte tätig, suchen Mannheimer auf mit der Bitte, den Text für die erste Ausgabe der wissenschaftlichen Zeitschrift freizugeben (im Jahr 2000 vollständig veröffentlicht unter dem Titel “Spätes Tagebuch“). Mit der Veröffentlichung 1985 besucht Max Mannheimer als Zeitzeuge und Diskutant zahlreiche Schulen (wie auch u.a. {ln:Burger, Adolf ‚Adolf Burger}, Überlebender des Fälscher-Kommandos im KZ Sachsenhausen). Sein Engagement für Demokratie und gegen Rechtsextremismus stellt der der (ab 1988) Vorsitzende der Lagergemeinschaft Dachau unter das Motto: “ Ich komme als Zeuge jener Zeit in die Schulen, nicht als Richter oder Ankläger.“

 

Der gelernte Kaufmann, Buchautor, Maler und vor allem unermüdliche Aufklärer,  Mahner und Gesprächspartner von Tausenden junger Menschen stirbt hochbetagt im Alter von 96 Jahren in seiner bayerischen Wahlheimat.

 

Literatur-Tipps:

  • Max Mannheimer: “Spätes Tagebuch. Theresienstadt – Auschwitz – Warschau – Dachau“. Piper Verlag 2010, ISBN 978-3-492-26386-3
  • “Max Mannheimer – Überlebender, Künstler, Lebenskünstler“. Ausgewählte Schriften und Reden von und über Max Mannheimer. Herausgeber: Ilse Macek, Horst Schmidt, ca. 200 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen, ISBN: 978-3-86222-012-0

 

Quellen:

{ln:nw:https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Mannheimer }

*) Das Eingangszitat wurde entnommen aus: {ln:nw:http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/26584 }

{ln:nw:http://www.sonntagsblatt.de/news/aktuell/2015_05_muc_11_01.htm }

{ln:nw:http://www.volkverlag.de/shop/max-mannheimer-uberlebender-kunstler-lebenskunstler }

 

Links (deutsch):

{ln:nw:http://www.sueddeutsche.de/muenchen/reaktionen-es-liegt-nun-an-uns-sein-vermaechtnis-fortzufuehren-1.3177414 }

{ln:nw:http://www.sueddeutsche.de/muenchen/zum-tod-des-holocaust-ueberlebenden-max-mannheimer-konnte-die-schueler-in-seinen-bann-ziehen-1.3177992 }

film{ln:nw:http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-09/max-mannheimer-tod-zeitzeuge-holocaust-ueberlebender-kaufmann }

film{ln:nw:https://www.youtube.com/watch?v=QSbEsgluZX8 }

film{ln:nw:http://www.br.de/nachrichten/max-mannheimer-nachruf-kz100.html }

volume_up{ln:nw:http://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/erlebtegeschichten/maxmannheimer100.html}

{ln:nw:http://www.derweisserabe.de/ }

{ln:nw:http://www.kz-gedenk-mdf.de/max-mannheimer }

{ln:nw:https://www.asf-ev.de/de/friedensdienste/einblicke/weggefaehrt-innen/wir-trauern-um-max-mannheimer/?L=0 }

 

International:

{ln:nw:http://www.wsj.com/articles/max-mannheimer-holocaust-survivor-dies-at-96-1474723438 }

{ln:nw:https://www.theguardian.com/world/2013/mar/24/dachau-survivor-recalls-ss-terror }

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