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Heym, Stefan

H.A.M. 0

Stefan Heym (eigtl. Helmut Flieg)
Journalist und Schriftsteller


Geb. 10.4.1913 in Chemnitz
Gest. 16.12.2001 in Israel


„Es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen nach all den Jahren der Stagnation, der geistigen wirtschaftlichen, politischen, den Jahren von Stumpfheit und Mief, von Phrasengewäsch und bürokratischer Willkür, von amtlicher Blindheit und Taubheit…Einer schrieb mir, und der Mann hat recht: Wir haben in diesen letzten Wochen unsere Sprachlosigkeit überwunden und sind jetzt dabei, den aufrechten Gang zu erlernen.
Und das, Freunde, in Deutschland, wo bisher sämtliche Revolutionen danebengegangen, und die Leute immer gekuscht haben, unter dem Kaiser, unter den Nazis und später auch.
Aber sprechen, frei sprechen, gehen, aufrecht gehen, das ist nicht genug. Laßt uns auch lernen, zu regieren. Die Macht gehört nicht in die Hände eines einzelnen oder ein paar weniger oder eines Apparates oder einer Partei. Alle müssen teilhaben an dieser Macht, und wer immer sie ausübt und wo immer, muß unterworfen sein der Kontrolle der Bürger, denn Macht korrumpiert, und absolute Macht, das können wir heute noch sehen, korrumpiert absolut.“

(Stefan Heym auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. 11. 1989)


Der Kaufmannssohn und Sproß einer Familie mit osteuropäischen Wurzeln besucht das Chemnitzer Gymnasium. Angeregt durch die Nachricht, dass deutsche Reichswehroffiziere Instrukteure bei der chinesischen Kuomintang–Armee werden sollten, schreibt der 18Jährige 1930 unter der Schulbank mit „Exportgeschäft“ sein erstes antimilitaristisches Gedicht, dessen Veröffentlichung am 7.9.1931 in der „Volksstimme Chemnitz“ zum Schulverweis des Oberprimaners führt.

„Exportgeschäft“

„Wir exportieren!
Wir exportieren!
Wir machen Export in Offizieren!
Wir machen Export!
Wir machen Export!
Das Kriegsspiel ist ein gesunder Sport!

Die Herren exportieren deutsches Wesen
zu den Chinesen!
Zu den Chinesen!

Gasinstrukteure,
Flammengranaten,
auf arme, kleine gelbe Soldaten –
denn davon wird die Welt genesen.
Hoffentlich
lohnt es sich!

China ist ein schöner Machtbereich.
Da können sie schnorren und schreien.
Ein neuer Krieg –
sie kommen sogleich,
mit Taktik und Reglement und Plänen
Generale, Majore!
Als ob sie Hyänen der Leichenfelder seien.

Sie haben uns einen Krieg verloren.
Satt haben sie ihn noch nicht –
wie sie am Frieden der Völker bohren!
Aus Deutschland kommt das Licht!
Patrioten!
Zollfrei Fabrikanten von Toten!

Wir lehren Mord! Wir speien Mord!
Wir haben in Mördern großen Export!
Ja!
Es freut sich das Kind, es freut sich die Frau.
Von Gas werden die Gesichter blau.
Die Instruktionsoffiziere sind da.

Was tun wir denn Böses?
Wir vertreten doch nur die deutsche Kultur.“


1932 legt Helmut Flieg an der Berliner Heinrich-Schliemann-Schule das Abitur ab, schreibt erste Beiträge für diverse Berliner Zeitschriften – darunter Ossietzkys „Weltbühne“ – und immatrikuliert sich für Philosophie, Germanistik und Zeitungswissenschaften.

Aus Rücksicht auf seine Familie nimmt er 1933 das Pseudonym Stefan Heym an und flieht nach dem Reichstagsbrand ins tschechische Prag, wo er als Journalist für deutschsprachige und tschechische Zeitungen arbeitet.
Sein Vater begeht Selbstmord; andere Familienmitglieder kommen später in den nationalsozialistischen Vernichtungs-lagern ums Leben. 1935 übersiedelt Stefan Heym in die Vereinigten Staaten und beendet dort seine Studien an der Universität von Chicago mit einer Magisterarbeit über Heinrich Heine.

In den Folgejahren schlägt er sich als Kellner, Tellerwäscher, Verkäufer und Korrektor durch, arbeitet als Redakteur, schließlich (bis 1939) als Chefredakteur der antifaschstischen New Yorker Wochenzeitung „Deutsches Volksecho“ und als Druckereivertreter. Seit 1938 ist er Mitglied der German-American-Writers-Association, der er bis 1940 angehört.


1942 veröffentlicht Heym mit „Hostages“ seinen ersten Roman in englischer Sprache, tritt im darauffolgenden Jahr in die US-Armee ein und nimmt 1944 als Sergeant in der Abteilung für psychologische Kriegsführung an der alliierten Invasion in der Normandie teil. Bei seiner Rückkehr nach Deutschland 1945 übernimmt er eine leitende Stellung im US-Radio Frankfurt/ Main und begründet in München die Zeitung „Neue Zeit“, wird allerdings kurz darauf in die Vereinigten Staaten zurück-beordert und wegen „prokommunistischer Haltung“ aus der Armee entlassen.

1948 veröffentlicht Stefan Heym seinen Kriegsroman „The Crusaders“, der zum Weltbestseller werden soll. Aus Protest gegen den Koreakrieg gibt er 1951/52 alle militärischen Auszeichnungen zurück, verläßt die USA, geht über Warschau nach Prag, und übersiedelt 1952 mit seiner amerikanischen Frau nach Ost-Berlin, wo er 1953 zum Mitglied des PEN-Zentrums Ost und West gewählt wird.

Von 1953 bis 1956 schreibt Heym als Kolumnist für die „Berliner Zeitung“, seit 1954 ist er Vorstandsmitglied im Deutschen Schrift-stellerverband, wird mit dem „Heinrich-Mann-Preis“ der Akademie der Künste der DDR ausgezeichnet und erhält 1959 den DDR-Nationalspreis II. Klasse.


Sein Manuskript „5 Tage im Juni“, eine Darstellung der Ereignisse um den 17. Juni 1953, wird 1965 von Erich
Honecker scharf kritisiert, und die Veröffentlichung seines Romans „Lassalle“ in der Bundesrepublik bringt dem unbeque-men Dichter eine Geldstrafe ein. Erst 1974 darf das Buch auch in der DDR. erscheinen; im selben Jahr wird „5 Tage im Juni“
im Westen veröffentlicht.

In seinem 1972 veröffentlichten Roman „Der König David Bericht“ thematisiert Heym die Stellung der Intellektuellen zwischen Macht und Wahrheit und avanciert in diesen Jahren im Westen, wo seine Bücher überwiegend gedruckt werden, zum meistgelesenen DDR-Autor.


„Es obliegt mir nicht, zu werten. Ich sammle, ich ordne, ich teile ein, ein bescheidener Diener im Hause des Wissens; ich deute und versuche, die Gestalt der Dinge darzustellen und ihren Lauf zu verzeichnen. Doch das Wort hat sein eigenes Leben: es läßt sich nicht greifen, halten, zügeln, es ist dop-peldeutig, es verbirgt und enthüllt, beides; und hinter jeder Zeile lauert Gefahr…

Man kann die Geschichte nicht gänzlich von den Tatsachen trennen und erwarten, glaubwürdig zu bleiben. Wer kann kochen ohne Feuer, wer kann einen waschen, ohne ihn zu nässen?“

(aus: „Der König David Bericht“)


1976 gehört Stefan Heym zu den Mitunterzeichnern der Protesterklärung gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns.

1979 erscheint sein Roman „Collin“ – eine Auseinandersetzung mit der stalinistischen Vergangenheit der DDR und ihrer Verdrängung – in der Bundesrepublik; Heym wird daraufhin 22.
Mai 1979 wegen Devisen-Vergehens verurteilt und einen Monat später aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen.

1984 erscheint Heyms Roman „Schwarzenberg“, in dem er auf eine tatsächliche historische Begebenheit zurückgreift: 1945 bleibt der erzgebirgische Landkreis durch einen historischen Zufall eine Zeitlang sowohl von den Amerikanern als auch von der Roten Armee unbesetzt. In dem Niemandsland ist, als „die Macht auf der Straße lag“, die Möglichkeit gegeben, einen demokratischen und sozialistischen Staat aufzubauen. Doch das Experiment, eine sozial gerechte Staatsordnung für und durch das „einfache Volk“ einzurichten, scheitert im Erzge-
birge ebenso wie später der „reale Sozialismus“ sowjetischer Prägung in der DDR.


1989, im Jahr der Wende, wird Stefan Heym zum politischen Aktivisten und bei der Kundgebung auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz für seine engagierte Rede bejubelt. Nach der Maueröffnung tritt Heym, angewidert vom „Kaufrausch der Massen aus der DDR“, in dem er eine „würdelose Jagd nach
dem glitzernden Tinnef“ sieht, für eine sozialistische Alterna-tive zur Bundesrepublik ein und gehört zu den Initiatoren des Aufrufs „Für unser Land“.

1990 verleiht ihm die Universität Bern die Ehrendoktorwürde,
und im darauffolgenden Jahr wird er Ehrendoktor der Universität Cambridge, der er später auch sein Privatarchiv schenkt. Der Mitbegründer des „Komitees für Gerechtigkeit“, und seit 1993 Ehrenpräsident des Deutschen PEN-Zentrums Ost, wird für sein Engagement gegen Rassismus und Xenophobie als erster deutscher Schriftsteller mit dem Jerusalem-Preis für Literatur ausgezeichnet.


Für die Bundestagswahl 1994 läßt sich Heym von der SED-Nachfolgepartei PDS („Partei des Demokratischen Sozialismus“) als Kandidat des Wahlkreises Berlin Mitte/Prenzlauer Berg gewinnen. Nach monatelangem Zögern begründet er diesen Schritt damit, daß in der PDS ein „Prozeß innerer Wandlung“ erkennbar sei, die „westdeutsche Politikerkaste“ ihn dagegen „politikverdrossen“ mache. Einen Eintritt in die Partei lehnt er allerdings ab. Heym gewinnt das Direktmandat gegen den SPD-Politiker Wolfgang Thierse und zieht mit zwei weiteren Schriftstellern, Gerhard Zwerenz und Heinrich Graf von Einsiedel, für die PDS in den Bundestag ein. Als Alterspräsident hält Heym im November die Eröffnungsrede im Bundestag, der die CDU/CSU-Fraktion (außer Rita Süssmuth) demonstrativ den Applaus versagt.

1995 erscheint Heyms Roman „Radek“, in dem die Spuren des KPD-Politikers Karl Radek nachzeichnet werden, der 1919 aus Berlin ausgewiesen, in der Sowjetunion wegen Opposition gegen Stalin verbannt und in einem Schauprozeß verurteilt wurde. Im September 1995 legt der Bundestagsabgeordnete Heym aus Protest gegen die geplante Diätenerhöhung sein Mandat nieder. 1997 gehört er zu den 34 Politikern, Gewerk-schaftern, Schriftstellern, Künstlern und Theologen, die in der „Erfurter Erklärung“ ein Linksbündnis von SPD und Bündnis 90/Die Grünen ohne Ausgrenzung der PDS fordern, um die Bundesregierung bei der nächsten Wahl abzulösen.

2000 erhält Stefan Heym die Friedensmedaille der Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges|IPPNW.

Kurz nach Verleihung der Ehrenbürgerschaft durch seine Geburtsstadt Chemnitz im Oktober 2001 stirbt der 88Jährige an Herzversagen während eines Heine-Kongresses in Israel.
Stefan Heym wird am 21. Dezember auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt.


Bibliografie:

Nazis in USA. An Expose of Hitlers Aims and Agents in
the USA (1938)
Hostages (Roman, 1942, dt. 1958: „Der Fall Glasenapp“)
Of Smiling Peace (1945)
The Crusaders (Roman, 1948, dt. 1950: „Bitterer Lorbeer,
DDR-Ausgabe: „Kreuzfahrer von heute“)
The Eyes of Reason (1951, dt. 1964: „Die Augen der Vernunft“)
Goldsborough (Roman, 1953)
Im Kopf – sauber. Schriften zum Tage (1954)
Reise ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
Ein Bericht (1954)
Offen gesagt. Neue Schriften zum Tage (1957)
Die Kannibalen und andere Erzählungen (1957)
Das kosmische Zeitalter. Ein Bericht (1959)
Schatten und Licht. Erzählungen (1960)
Die Papiere des Andreas Lenz (Roman, 1963)
Lassalle (Roman, 1965)
Casimir und Cymbelinchen. Zwei Märchen (1966)
Die Schmähschrift. Erzählung (1970)
Der König David Bericht (Roman, 1972)
Fünf Tage im Juni (Roman, 1975)
Cymbelinchen oder der Ernst des Lebens. Vier Märchen für
kluge Kinder (1975)
Erich Huckniesel und das fortgesetzte Rotkäppchen –
Märchen für kluge Kinder (1975)
Der kleine König, der ein Kind kriegen mußte und andere
neue Märchen für Kinder (1979)
Die richtige Einstellung und andere Erzählungen (1979)
Collin (Roman, 1979)
Ahasver (Roman, 1981)
Schwarzenberg (Roman, 1984)
Reden an den Feind (1986)
Nachruf (Memoiren, 1988)
Meine Cousine, die Hexe und weitere Märchen für kluge
Kinder (1989)
Einmischung. Gespräche, Reden, Interviews (1990)
Auf Sand gebaut (1990)
Stalin verläßt den Raum. Politische gegenwärtige
Publizistik (1990)
Filz. Gedanken über das neueste Deutschland (1992)
Radek (Roman, 1995)
Der Winter unseres Missvergnügens. Aus den Aufzeichungen des OV Diversant (1996)
Immer sind die Weiber weg und andere Weisheiten (1997)
Pargfrider (1998)
Die Architekten (Roman, 2000)
Immer sind die Männer schuld (2002)
Offene Worte in eigener Sache (2003)


Links (deutsch):

http://www.luise-berlin.de/Lesezei/blz98_04/text01.htm

http://www.dhm.de/ausstellungen/4november1989/htmrede.html

http://www.juedisches-archiv-chfrank.de/literatur/heym.htm

http://www.freitag.de/2001/52/01520302.php

http://www.wsws.org/de/2002/dez2002/hey1-d17.shtml

http://www.aussagekraft.de/heym.html

http://www.epilog.de/Person/H/Hes_Hez/Heym_Stefan_1913.htm

http://www.onlinekunst.de/april/10_Heym_Stefan.htm

http://www.inidia.de/heym.htm

http://www.titel-forum.de/modules.php?op=modload&name=News&file=article&sid=2458

http://www.ippnw.de/frieden/kdf/ehrung.htm

http://www.dradio.de/dlr/sendungen/kalender/264323/?drucken

http://www.hagalil.com/archiv/2001/12/heym.htm


International:

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