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Herrmann-Neisse, Max

H.A.M. 0

Max Herrmann-Neisse, (eigtl.: Max Herrmann)
Schriftsteller


Geb. 23.5. 1886 in Neisse/ Deutsches Reich
Gest. 8.4. 1941 in London/ Großbritannien


Der 1886 in der alten oberschlesischen Bischofsstadt Neisse geborene Dichter, der seinem Namen den der Stadt anfügte, schrieb im Exil: „Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,/ Die Heimat klang in meiner Melodie,/ Ihr Leben war in meinem Lied zu lesen,/ Das mit ihr welkte und mit ihr gedieh./ Die Heimat hat mir Treue nicht gehalten,/ Sie gab sich ganz den bösen Trieben hin,/ So kann ich nur ihr Traumbild noch gestalten,/ Der ich ihr trotzdem treu geblieben bin.“

Die Erfahrung des Exils spricht aus vielen seiner Gedichte: „Bitter ist es, das Brot der Fremde zu essen, bittrer noch das Gnadenbrot, und dem nächsten eine Last zu sein.“ Oder: „In fremder Sprache schweigt mir jeder Stein/ und stürbe ich und würde hier begraben,/ die Seele könnte keine Ruhe haben und fühlte sich in Ewigkeit allein.“ Zwei Jahre, nachdem er diese hellsichtigen Zeilen zu Papier gebracht hatte, starb er im englischen Exil. In seinem Buch „Die verbrannten Dichter“ porträtiert Jürgen Serke den schlesischen Dichter wie folgt (auszugsweise):

Die Schweiz suchte auch Max Herrmann-Neisse als erste Station auf seinem Weg ins englische Exil auf. In einem Zürcher Cafe sitzend, schrieb er an seine schon nach London vorausgereiste Frau Leni: „… habe auch alles gelesen, aber was nutzt das, wenn die anderen Völker nichts Ernstliches unternehmen und den deutschen Verbrechern Zeit lassen, ihre Luftflotte und ihre sonstigen Mordinstrumente auszubauen. Na, und hast Du diese schädlichen Scenen der Bücherverbrennung gelesen – ja, nun muß ich Euch ernsthaft sagen, daß es ausgeschlossen ist, daß ich jemals wieder in dieses Land zurückkehre, solange diese Zustände herrschen, und das dürfte zumindest das nächste Jahrzehnt sein..“


Empört über »die Mord- und Gewaltsphäre, diesen Blutgeruch, der von Deutschland ausgeht«, stellte Max Herrmann-Neisse fest: „Ich, selber rein-arischer Deutscher, lyrischer, unexaltierter Mensch, erkläre, daß dort eine Mörder- und Verbrecherbande herrscht, von der man sich alles vergegenwärtigen kann und gegen die jeder zivilisierte Mensch Stellung nehmen muß.“

Die seelische Not, aus der Heimat verbannt zu sein, beschrieb Max Herrmann-Neisse in einzigartigen Gedichten, die besten, die er je verfasst hatte. Seit Ende 1933 in London ansässig, dauerte es drei Jahre, bis sich ein Verlag fand, der einen Teil seiner Exil-Gedichte veröffentlichte. Im Schweizer Verlag Oprecht erschien der Lyrikband Um uns die Fremde – in einer Auflage von 500 Exemplaren. Im gleichen Jahr arrangierte Ernst Toller für den 50jährigen in London eine Geburtstagsfeier, die ihn für einen Tag aus seiner Verlorenheit in der Millionenstadt riss. Danach streifte er wieder durch den Hyde-Park oder den Regent’s Park, setzte sich auf eine Bank und schrieb hier seine Gedichte weiter.


Einmal wöchentlich durchquerte er die große Stadt, um im Eastend einen Hotelportier zu besuchen, der aus Schlesien stammte, mit dem er schlesisch sprechen konnte. Die ergreifende Art, wie Max Herrmann-Neisse schuldlos die deutsche Schuld im Exil mit sich herumtrug, kommentierte Heinrich Mann so: „Da ist einer vor den Deutschen davongelaufen, wozu sie ihm jeden erdenklichen Anlass gegeben hatten. Anstatt die Deutschen zu vergessen, wie sie es verdient hätten, lebte er weiterhin mit ihnen, bezieht auf sie allein, was eine ganze Welt ihm fortan von Problemen aufgibt, fühlt Reue an ihrer Statt und Sehnsucht nach ihnen bis in das Unmögliche.“


Das Gefühl, ein Ausgestoßener zu sein, ging durch Max Herrmann-Neisses ganzes Leben. Er war ein Krüppel, gnomisch kurz gewachsen wie Toulouse-Lautrec: Auf einem fragilen, schmächtigen Körper saß ein übergroßer Schädel. George Grosz und Ludwig Meidner hielten den Dichter in mehreren Zeichnungen in all seiner Hinfälligkeit fest. Max Herrmann-Neisse war der Sohn eines Gastwirts und einer Bauersfrau. Als der Vater 1916 starb, nahm sich dessen Frau an seinem Grabe das Leben. Der Sohn, nach nicht beendetem Studium in München und Breslau Theaterkritiker für eine Zeitung in Neisse, verließ die Heimatstadt und ging nach Berlin. Von den überschaubaren Linien der schlesischen Stadt träumte und schrieb er sein ganzes Leben. In Berlin veröffentlichte der Schlesier Gedichte in der Aktion und im Pan. Doch es blieb still um ihn, bis der gefürchtete Kritiker Alfred Kerr in der Zeitung donnerte: „Findet sich in drei Teufels Namen nicht endlich ein großer Verlag für diesen Dichter!“ Es reagierte der S. Fischer Verlag und veröffentlichte Max Herrmann-Neisses Gedichtband Sie und die Stadt. Sie war Leni Gebeck, die Frau, die Max Herrmann-Neisse liebte, die ihm aus Neisse nach Berlin gefolgt war.


Immer wieder kreiste sein literarisches Schaffen um diese Frau. In dem Gedichtband Verbannung schrieb er: „Ich weiß, du gäbest gern dein Leben hin, / Dem Dunkel meiner Not mich zu entreißen, / Von dem ich rettungslos umgeben bin…“

Immer wieder gewannen Ohnmachtsgefühle in Max Herrmann-Neisses Leben die Übermacht. Sein leidenschaftlicher Ruf gegen den Kriegstaumel 1914 verhallte ungehört. Die Revolution 1918/19 wurde für Max Herrmann-Neisse eine Hoffnung. „Hoffnung kann jetzt allein bei der unverbrauchten Klasse der Proletarier sein«, schrieb er, »daß sie den Zwangbau der kapitalistischen Gesellschaft überwinden…“


Max Herrmann-Neisses Deutung der politischen Situation ist scheinbar ganz weit weg von dem, was passierte. Doch eben nur scheinbar! In Weltuntergang heißt es: „In den Felderfurchen nächtigten Attentäter / Vor dem Morgen, der allen Tod verheißt,/ Fluchend wurden die Armen der Ärmsten Väter, / Der Hilflose erwachte und war verwaist.“


Max Herrmann-Neisse schrieb neben Gedichten Romane und Theaterstücke. Im Jahr 1919 wurde am Kleinen Schauspielhaus in Berlin unter der Regie von Carl Heinz Martin sein Stück Albine und Aujust aufgeführt. Es wurde ein Serienerfolg von 37 Vorstellungen. „Sich verteidigen, indem man sich selbst preisgibt“, hatte er geschrieben. Auf der Bühne präsentierte er seine verhutzelte Gestalt, machte sie sichtbar für alle und versteckte seinen Schmerz darüber mit zynisch-intellektuellen Bemerkungen als Kommentator seines eigenen Stückes.


Else Lasker-Schüler sah in Max Herrmann-Neisse den Seelenverwandten. Für sie war er ihr grüner Heinrich: „…und alle glauben, wenn ich das sage… seine Augen sind grün, sein Haar ein geschorener grüner Wiesenfleck; seine Eidechsennase – immer schlängelt sie sich. Und sein grüner Primanermund schwellt an vor Erwartung. Und seine Seele ist grün und tief, ein heller Schilfteich, man kann daraus Schachtelhalme, Leuchtkäfer, Jesusblumen und gesprenkelte Blätter fürs Herbarium sammeln.“ Max Herrmann-Neisse widmete ihr Zeilen wie diese: „Mitternacht lädt zu Gast die Gelähmten, / Hat für die Blinden Früchte und Wein; / Die sich des Leids vor der Sonne schämten, / Hüllt sie behutsam ein. / Bucklige, die sich mit Eifersucht grämten,/ Finden den Sesam, Götter zu sein -Die sich des Leids vor der Sonne schämten, / Gehn durch den Mond in den Himmel hinein.“

Sein bester Freund war ein Vagabund „mit dem niederträchtigen Dichterblick für die Kleinzüge allen Außenseitertums“. Er hieß Ringelnatz. Mit ihm erprobte er seine Trinkfestigkeit. Ihn nannte er „etwas herrlich Veralkoholisiertes, Urviechiges“.


Max Hermann-Neisse erhielt 1914 den Eichendorff-Preis, eine Auszeichnung also, die den Namen des Mannes trug, der in Max Herrmann-Neisses Geburtsstadt sein letztes Refugium gefunden und dort gestorben war. Und er bekam 1927 den Gerhart-Hauptmann-Preis. Doch moralisch schwach wie der Alte von Agnetendorf war, wurde Max Herrmann-Neisse nicht. Er wußte, wo sein Platz 1933 war: bei denen, die Adolf Hitler verfolgte. Dabei blieb ihm im englischen Exil die Einsicht nicht versagt, „daß Opposition nirgends beliebt ist. Daß es eine international einige Ablehnung grundsätzlicher Störenfriede gibt. Eher läßt man den erfolgreichen Verbrecher gelten, der die Macht erobert hat, als daß man einem machtlosen Empörer aus Überzeugung, einem anhanglosen Freiheitskämpfer, Gerechtigkeit widerfahren läßt.“


Der 52jährige Dichter schrieb 1938 über die Beziehung zu seiner Frau Leni so: „Wir wollen näher aneinanderrücken, / Und laß mir auch im Schlafe deine Hand! / Nur so vertrag ich der Verbannung Tücken / Und bin geborgen in dem fremden Land.“ Doch dann verband sich Leni Herrmann mit einem Bankier in London. Max Herrmann-Neisse nahm es hin, schrieb weiter, schrieb, daß er nun sterben werde:
„Ihr merkt es nicht: es geht mit mir zu Ende; / Halt‘ ich mich aufrecht heut – wie lange noch? / Das Sterben steht an jeder Wegeswende / Und findet den auch, der sich feig verkroch./ Ich ließ mich auf ein totes Gleise schieben, / Dem Leben fern, das in die Zukunft fährt.“


Am 8. April 1941 erlag der 55jährige einem Herzschlag. In der Nachbarschaft des von ihm so oft aufgesuchten Regent’s Park auf dem Marylebone Cemetery in London fand Max Herrmann-Neisse seine letzte Ruhestätte. Seine Frau Leni nahm sich nach dem Kriege das Leben.


Autor:

Jürgen Serke


Links (deutsch):

http://de.wikipedia.org/wiki/Max_Herrmann-Neisse

http://www.luise-berlin.de/Lesezei/Blz01_06/text08.htm

http://www.aisthesis.de/titel/kschuh.htm

http://www.silesia.biz/personen-herrmann-neisse-max.htm

http://wwwalt.phil-fak.uni-duesseldorf.de/germ2/b_witte/mhn/index.html

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