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Goerdeler, Carl Friedrich

H.A.M. 0

Carl Friedrich Goerdeler
Politiker

Geb. 31. 6. 1884 in Schneidemühl/ Provinz Posen (heute: Pila)
Hingerichtet 2.2.1945 in Berlin Plötzensee


Der ehemalige Oberbürgermeister von Leipzig Carl Friedrich Goerdeler ist eine umstrittene Figur. Die Initiatoren des „Exil-Archiv“ möchten vor allem die vielen Unbekannten, die Gegner und Opfer der NS-Diktatur oder des kommunistischen Regimes in der DDR waren, nach und nach auf diesen Internetseiten vorstellen. Mit ihren Biografien soll auch das reale Zentrum der verfolgten Künste und Intellektuellen arbeiten.


Daß dabei nicht nur Menschen vorgestellt werden, die ins ausländische Exil flüchten konnten (und mussten), haben die Autoren dieser Internetseiten mehrfach dargestellt. Zwangsläufig müssen auch Personen des 20. Juni 1944 vorgestellt werden, die in Kontakt waren mit demokratischen Widerständigen, von denen sie eigentlich (politische) Welten trennten. Denn vor allem adlige Offiziere waren früh in die Hitler’sche NSDAP eingetreten, um Karriere zu machen oder etwa um Land im Osten Europas für ihre eigenen wirtschaftlichen Pläne „geschenkt“ zu bekommen. Sie waren begeistert von den Eroberungskriegen, solange gesiegt wurde. 
Einige von ihnen machten sich Kriegsverbrechen schuldig. Demokraten waren längst nicht alle. Ein Ständestaat war ihr Ziel nach den Erfahrungen mit der Weimarer Republik. Ein Befürworter solcher Ideen war auch Carl Friedrich Goerdeler, der anfangs im NS-Staat mitgearbeitet hat, aber wegen der Rassen- und Kirchenpolitik der Nazis in Opposition ging und zum Mittelpunkt des zivilen bürgerlichen Widerstands wurde.


Wie einst sein Vater studiert er Jura, doch schlägt er nicht wie dieser eine Gerichts-Laufbahn ein, sondern geht in die Kommunalpolitik. Zunächst in Solingen als Erster Beigeordneter in der Kommunalverwaltung. Er nimmt als Offizier am Ersten Weltkrieg und Verwaltungsexperte in Weißrußland teil und lässt sich 1920 zum Zweiten Bürgermeister von Königsberg wählen. Zugleich tritt er in die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) ein. In dieses Bild passt, dass sich Goerdeler 1923 an den antiparlamentarischen Verfassungsplänen Hans von Seeckts, des Oberbefehlshabers der Reichswehr beteiligte.


Beruflich geht es stetig voran. Goerdeler wird 1930 Oberbürgermeister von Leipzig und von Reichskanzler Heinrich Brüning zugleich als Reichskommissar für die Preisüberwachung berufen. Und obwohl er den Beitritt in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) ablehnt, bleibt Goerdeler Oberbürgermeister und Reichskommissar bis 1935. Da wird er aus diesem Amt von Kanzler Hitler entlassen wegen seiner Bedenken gegen die Wirtschaftspolitik und seines Widerspruchs gegen die Autarkieforderung des Diktators.
Honorig ist sein Rücktritt als Oberbürgermeister aus Protest gegen die Entfernung des Leipziger Denkmals für den jüdischen Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) durch das NS-Regime.


Aber Goerdeler kann sich die Demissionierung leisten. Er hat längst gute Kontakte zur Industrie geknüpft, wird von den Unternehmern Robert Bosch und Gustav Krupp von Bohlen und Halbach gefördert und kann zahlreiche Geschäftsreisen ins Ausland unternehmen. Zugleich versucht er mit Berichten an Hermann Göring auf die Gefahr des außenpolitischen Kurses des Deutschen Reichs hinzuweisen.


Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs kehrt Goerdeler nach Deutschland zurück und wird gemeinsam mit Ludwig Beck, zu dem er seit 1935 Kontakt hat, zum führenden Vertreter des konservativen Widerstands gegen Hitler. Im Februar 1940 beteiligt sich Goerdeler an den Planungen der Gruppe um Ulrich von Hassell für einen Staatsstreich zur Ausschaltung Hitlers. Zugleich warnt er in einer Denkschrift, daß trotz des Sieges über Frankreich eine dauerhafte neue europäische Ordnung unter dem „politischen Terror“ des NS-Regimes nicht möglich sei. In einem Flugblatt zur Atlantik-Charta der Westalliierten fordert er 1942 eine Restauration des Deutschen Reichs in den Grenzen von 1914 und spricht sich für eine neue staatliche Verfassung in Deutschland mit Stärkung der Gemeindever-waltung sowie für eine internationale Völkervereinigung aus.


Mit Flugblättern und Denkschriften versucht Goerdeler eine Verständigung mit den Westmächten vorzubereiten. Dabei nutzt er auch seine zahlreichen Kontakte im Ausland, wo er Unterstützung für einen Putsch gegen Hitler zu finden hofft. 
Zusammen mit Vertretern der Wehrmachtsführung arbeitet er auf eine Gelegenheit zum Staatsstreich hin. Ein Attentat auf den Reichskanzler lehnt er aus moralischen Gründen ab. So bleiben seine Putschüberlegungen ohne echte Möglichkeit zur Ausführung. Mit Generalmajor Henning von Tresckow und Beck entwirft er Planungen für eine Regierung nach dem Sturz des NS-Regimes. Goerdeler selbst ist dabei als Regierungschef vorgesehen. Gleichzeitig verschärfen sich aber die Spannungen zu jüngeren Vertretern des Widerstands im Kreisauer Kreis. Vor allem Goerdelers außenpolitische Absichten bringen ihn auch in Gegensatz zum sozialistischen Widerstand.


Vor der Verhaftung durch die Geheime Staatspolizei (Gestapo) rechtzeitig gewarnt, flieht Goerdeler bereits am 18. Juli 1944 nach Westpreußen. Einen Monat wird er in einem Gasthof in Ostpreußen erkannt und festgenommen. Der „Volksgerichtshof“ verurteilt ihn zum Tode, doch die Gestapo lässt ihn zunächst leben, erhofft sich in Verhören über mehrere Monate weitere Informationen über die Widerstandsbewegung. Dabei verfasst Goerdeler noch in der Haft Schriften zur Wirtschaftspolitik und Gemeindereform, bis er am 2. Februar 1945 auf Drängen des Reichsjustizministers Otto Georg Thierack in Berlin-Plötzensee hingerichtet wird.


Autor:

Hajo Jahn


Literatur:  

  • Sabine Gillmann/Hans Mommsen (Hrsg.): Politische Schriften und Briefe Carl Friedrich Goerdelers K. G. Saur Verlag, München 2003; 2 Bde
  • Horst Sassin: Carl Goerdeler. Hitlers Widersacher in der Solinger Kommunalpolitik 1911 bis 1920, Verlag V&R unipress, Göttingen, ISBN 978-3-8471-0088-1, 229 Seiten mit 57 Abbildungen ,  44,99 Euro

 


Links (deutsch):
http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/GoerdelerCarlFriedrich
http://193.22.36.128/kultur/1483787.html
http://www.gegen-diktatur.de/beispiel.php?beisp_id=418&tafel_id=15&thema=0#
http://www.welt.de/data/2004/07/17/306006.html
http://www.zeit.de/2004/30/P-Goerdeler
http://www.kas.de/db_files/dokumente/die_politische_meinung/7_dokument_dok_pdf_4992_1.pdf
http://www.gedenkstaette-ploetzensee.de/13_dt.html
http://www.bpb.de/publikationen/IDN9WE,2,0,Widerstand_traditioneller_Eliten.html

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