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Eckstein-Schlossmann, Erna

H.A.M. 0

Erna Eckstein-Schlossmann

Kinderärztin


Geb. am 28.06.1895 in Dresden

Gest. am 19.03.1998 in Cambridge, Großbritannien


Istanbul, die pulsierende Metropole am Bosporus, beschreibt sie in ihren Aufzeichnungen ebenso wie einen Besuch in Van im hintersten Winkel der Türkei, ihrem Exil. Die Menschen, die das Glück hatten, Erna Eckstein-Schlossmann zu begegnen, waren von ihr so beeindruckt, dass viele behaupteten, diese Frau nie zu vergessen. Eine Frau, die im hohen Alter noch in den Atlantikwogen schwimmen ging. Und die mit 20 Jahren eine der ersten Medizinstudentinnen in Deutschland war, damals in Heidelberg. Christlich getauft, hat sie erst spät von ihrer jüdischen Herkunft erfahren. Diese Herkunft zwang sie im Alter von 40 Jahren mit ihrer Familie zur Flucht aus Deutschland in die Türkei.

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Dort gehörte zur großen Emigrantenszene auch Ernst Reuter, der spätere Regierende Bürgermeister von Berlin, und dessen Sohn Edzard, der spätere Chef von Daimler-Benz in Stuttgart. Der türkische Staatspräsident hatte als Reformer im ehemaligen Kernland des Osmanischen Reiches systematisch jene meist jüdischen Intellektuellen angeworben, die aus Deutschland fliehen mussten: Mediziner, Juristen, Städteplaner und Architekten, sogar Musiker und Byzantisten. Kemal Atatürk wusste, was seinem Land gut tat und was Deutschland verlorenging durch dessen Antisemitismus.


Erna Schlossmann war von prominenten Kinderärzten aus drei Generationen umgeben: Ihrem Vater, dem zu seiner Zeit legendären Pädiater Arthur Schlossmann, ihrem Mann Albert Eckstein und ihrem Sohn Herbert. „Während andere Kinder mit Püppchen spielten, übte ich eben mit lebenden Säuglingen. Als wir 1906 (von Dresden) nach Düsseldorf zogen, habe ich hier in der Kinderklinik im Ammensaal die Babys gefüttert und die Bettchen bezogen“, erinnerte sie sich hochbetagt an ihre Kindheit in einem Gespräch für die „Düsseldorfer Hefte“. Da war sie als erste Frau Ehrensenatorin der Heinrich-Heine-Universität und die älteste noch lebende Studentin der ehemaligen Medizinischen Akademie – der Vorgängerin der heutigen Universität. Sie war das letzte Gründungsmitglied der Universität.


Erna Eckstein-Schlossmanns Vater hatte 1919 die Wiederaufnahme des Lehrbetriebs in der Düsseldorfer Akademie für Praktische Medizin durchgesetzt. Er gilt als eigentlicher „Spiritus rector“ der Hochschulausbildung in Düsseldorf. 1995 benannte die Heinrich-Heine-Universität ihre neue Kinderklinik nach ihm.


Tochter Erna hatte 1925 Prof. Dr. Albert Eckstein, den Direktor der Kinderklinik geheiratet.  Er war als Angehöriger der Düsseldorfer Akademie in der Stadt hochangesehen. Doch da auch Albert Eckstein jüdische Vorfahren, wurde er von den Nazis entlassen. Ein Leben in Deutschland war unmöglich geworden. Er reiste der Familie voraus in die Türkei, wo die „Jungtürken“ um Atatürk inzwischen die lateinische Schrift eingeführt und die Gesetze und die Hochschulen an europäischen Vorbildern ausgerichtet hatten. Für diesen Sprung vom osmanischen Mittelalter in die westliche Neuzeit waren qualifizierte Fachleute gesucht. Das kleinasiatische Land wurde so zum rettenden Exil für Tausende.


In Düsseldorf hatte die Gestapo das gesamte Vermögen der Familie beschlagnahmt. Mit zehn Mark in der Tasche bestieg die Ärztin mit ihren drei kleinen Kindern im November 1935 den Zug in die Freiheit, um dem Ehemann in die Türkei nachzufolgen. Der hatte damit begonnen, eine zeitgemäße Säuglings- und Kinderfürsorge aufzubauen. „Die gleiche Aufgabe, die mein Vater um die Jahrhundertwende für Deutschland begonnen hatte“, schrieb viele Jahre später Dr. Erna Eckstein-Schlossmann in ihren Erinnerungen.


In ihrem Nachruf auf Prof. Dr. Erna Eckstein-Schlossmann schildert Bärbel Broer die Zeit in der Türkei so: „Die Familie (wurde) in der Emigrantenkolonie zu einem Zentrum von Gastfreundschaft und Kommunikation schlechthin. Alle trafen sich hier: Wissenschaftler, alliierte Diplomaten, politische Flüchtlinge aus Deutschland und später aus Österreich. Es wurden deutsche Feste gefeiert – ein bisschen Heimat mit Sankt Martin und Weihnachtsbaum wollte man sich auch in Ankara bewahren. Zum Freundeskreis der Familie gehörten u. a. auch Ernst Reuter und seine Familie, der an der Universität Politikwissenschaft lehrte und später als Bürgermeister von Berlin eine der großen Persönlichkeiten im Nachkriegsdeutschland werden sollte.“


Prof. Dr. Eckstein hatte es zu Ansehen und Einfluss gebracht, was es ihm ermöglichte, Hunderten von  jüdischen Kindern nach Palästina ausreisen zu lassen: „Über die Jewish Agency war man über die Vorgänge im Nazi-Deutschland mit seinem KZ-System unterrichtet, auch die Ecksteins verloren viele Angehörige. Die Aktivitäten innerhalb der deutschen Kolonie wurden von Berlin aus sorgfältig überwacht – immer wieder enttarnten die Emigranten Spitzel“, so Bärbel Broer. Und weiter: „Die Ecksteins blieben bis 1949 in der Türkei. Dann nahm Prof. Dr. Albert Eckstein eine Professur in Hamburg an. Nach seinem Tode kehrte Dr. Erna Eckstein-Schlossmann noch einmal in die Türkei zurück und baute in Ankara ein Kinderkrankenhaus auf. Vorher hatte sie sich in der Düsseldorfer Medizinischen Akademie die notwendigen betriebswirtschaftlichen, verwaltungstechnischen und organisatorischen Erfahrungen geholt. (Sie) kehrte später noch einmal nach Deutschland zurück und wurde Beraterin der UNO für einzelne Projekte. Unter anderem widmete sie sich den Schwierigkeiten der ‚Besatzungskinder‘ – eine Frage die gerade bei farbigen Vätern im Nachkriegsdeutschland von großer Aktualität und Brisanz war.


Dr. Erna Eckstein-Schlossmann lebte in den vergangenen Jahren in Cambridge. Doch blieb sie Düsseldorf und insbesondere der Universität immer treu verbunden: Jedes Jahr zur Martinszeit besuchte sie die Landeshauptstadt. 1988 wurde sie Ehrensenatorin der Heinrich-Heine-Universität, der sie auf vielfältige Weise verbunden war.“
In dem Interview mit den „Düsseldorf Heften“ erklärte die Medizinerin, dass sie vor der Emigration nur den Satz kannte: „Dahinten in der Türkei“. Mehr wusste sie von dem Land nichts. Aber: „Gerade diese 15 Jahre in der Türkei wurden die glücklichsten unseres Lebens.“


Bearbeitung:

Hajo Jahn


Quellen:

Anne Broer und „Eigentlich bin ich nirgendwo zu Hause“ von Erna Eckstein-Schlossmann. Herausgegeben von Lorenz Peter Johannsen, Jüdische Memoiren, Band 17, Hentrich &Hentrich

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