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Reich, Maximilian

H.A.M. 0

Maximilian Reich
Journalist, Österreich

Geboren am 18. Juni 1882 in Wieselburg (heute: Moson-Magyarova, Ungarn)
Gestorben am 26. März 1952 in Wien


Im Herbst 2006 beschloss die Gemeinde Wien, drei Straßen im Stadtentwicklungsgebiet des 21. Bezirks nach bekannten Sportjournalisten zu benennen: Heribert Meisel, Edi Finger und Maximilian Reich. Während die ersten der mittleren und älteren Generation von Radiohörern noch geläufig sind, ist letzterer heute völlig vergessen. Dabei gilt Maximilian Reich (1882-1952) als einer der Pioniere des österreichischen Sportjournalismus.


Selbst aktiver Fußballer, startet Reich bereits 1913 eine Karriere als Sportredakteur beim „Fremdenblatt“. Ab 1918 leitet er die Sportredaktion  des im sozialdemokratischen Vorwärts-Verlag erscheinenden „Kleinen Blatt“. Unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Österreich im März 1938 wird er aus der Redaktion entlassen, verhaftet und von April 1938 an in den Lagern Dachau und später Buchenwald interniert. Ende 1938 gelingt die Ausreise nach Großbritannien, wo er nach einer weiteren Internierung als „feindlicher Ausländer“ ab 1942 beim German Service der BBC tätig ist.
Ende 1946 kehrt die Familie Reich nach Wien zurück, wo Maximilian Reich im Auftrag des Bundespressedienstes die Zeitung „Wiener Montag“ gründet und als Chefredakteur leitet.


Maximilian Reich war unter den 150 Häftlingen des „Prominententransports“, der am 2. April 1938 nach Dachau ging, so genannt, weil sich auf ihm bekannte Hitlergegner befanden: aus der Politik die beiden späteren österreichischen Bundeskanzler Leopold Figl und Alfons Gorbach aus dem bürgerlichen Lager sowie der Sozialist Robert Danneberg, aus dem Pressewesen Viktor Matejka und Mark Siegelberg, aus dem Kulturbetrieb Fritz Beda-Löhner und Raoul Auernheimer.


Wolfgang Neugebauer nennt die Erinnerungen von Maximilian Reich in seiner Einführung den ersten schriftlichen Bericht eines österreichischen KZ-Häftlings. Umso unverständlicher erscheint die von absurden Hindernissen begleitete Publikationsgenese dieses außergewöhnlichen Dokuments über fast siebzig Jahre hinweg, die im Vorwort der Herausgeberin beschrieben ist. Henriette Mandl, Tochter der Reichs und selbst Anglistin, Kunsthistorikerin und Autorin, hat sich der editorisch anspruchsvollen wie emotional belastenden Aufgabe unterzogen, die Erinnerungen ihrer Eltern an das Jahr 1938 zu veröffentlichen. Die Originale befinden sich in der  Österreichischen Exilbibliothek des Literaturhauses in Wien.


Hier war zunächst historische und philologische Feinarbeit gefragt. Maximilian Reich kam durch mutiges Handeln seiner „arischen“ Frau und einen Glücksfall noch Ende 1938 frei. Im britischen Exil schrieb er um die Jahreswende 1938/39 seine Erlebnisse nieder, zunächst eine Erzählerfigur benützend. Die zweite, maschinenschriftliche Version verfasste er in Ich-Form und in der zurückgenommenen Tonlage eines Berichts. In beiden Fassungen anonymisierte er die Personen weitgehend, um noch im Lager befindliche Kameraden oder in Österreich Zurückgebliebene nicht zu gefährden.
Die Herausgeberin hat den Menschen, wo immer es möglich war, ihre Namen und Biografien zurückerstattet und den Erinnerungen ihres Vaters behutsam eine Gestalt gegeben, die den (mit-)leidenden Chronisten vorher nicht gekannter Menschenverachtung ebenso wenig verleugnet wie den professionellen Schreiber. „Ich wäge jedes Wort“, sagt Maximilian Reich an einer Stelle, und so wirken diese Aufzeichnungen auch: präzise, wenn es um die Schilderung täglicher Abläufe im Lager, um die Rituale von Gewalt und Demütigung geht; Objektivität suchend, wenn einmal ein Moment von Menschlichkeit in den Reihen der SS-Männer zu beobachten ist; empathisch, wenn Maximilian Reich von seinen Kameraden erzählt – herzzerreißend die Geschichte des Boxers Willy Kurtz, eines Freundes aus Wien, der durch Liebesverrat dem Tod in Auschwitz ausgeliefert wird.


„Als mein Mann in Dachau war“ heißen die – ebenfalls bisher unpublizierten – Aufzeichnungen Emilie Reichs über die Monate nach dem „Anschluss“. Unprätentiös dokumentiert sie den angstvollen Alltag als alleinstehende Mutter in einem sich nazistisch entblätternden familiären und Freundesumfeld, ihre energischen Versuche, den Mann freizubekommen, die ambivalenten Gefühle bei der Reise ins Exil.


Tochter „Etti“, gestützt auf ein eigenes Notizbuch aus der Zeit, bringt im zweifachen Sinn „geteilte“ Erinnerungen in diese Doppelbiografie ein. Sie fungieren als Ergänzung und nicht selten als Korrektiv der elterlichen Berichte: Unbeirrt beobachtet hier ein Kind, dem man die großen Katastrophen der Weltgeschichte liebevoll verschweigen will, während doch die kleinen (der geschorene Kopf des Vaters) schon alles sagen.


Autorin:

Ursula Seeber


Diese Besprechung von >Maximilian und Emilie Reich: Zweier Zeugen Mund<
(Wien 2007) wurde mit frdl. Genehmigung dem Buchmagazin des
Literaturhauses in Wien entnommen:
http://www.literaturhaus.at/buch/buch/rez/Reich/

Österreichische Exilbibliothek im Literaturhaus
Seidengasse 13  A-1070 Wien
e-mail: us@literaturhaus.at
http://www.literaturhaus.at/lh/exil


Biografische Ergänzungen

Um 1890 Übersiedlung Max Reichs mit den Eltern nach Wien
Mitglied der ersten österreichische Fussballteams (Cricketers, Ramblers, Weisse Elf etc.)
Einer der ersten Pioniere des Sportjournalistik (bereits ab 1900)
Journalist (Fremdenblatt, Vorwärts-Verlag)
1914-1918 Oberleutnant im 1. Weltkrieg
Heirat mit Emilie Leifer 28.8.1914
17. März 1938 Verhaftung durch die Gestapo
1. April 1938 beim ersten Transport nach Dachau
September 1938 Buchenwald
Oktober 1938 Freilassung
November 1938 Ausreise nach England
Journalist beim Soldatensender BBC
Ende 1946 Berufung der österreichischen Regierung zur Gründung des „Wiener Montag“
1948 wechselt die Zeitung in Abwesenheit des Chefredakteurs den Herausgeber.
Da dies eine deutliche Gesinnungsänderung mit sich bringt, verlässt Maximilan Reich seinen Posten.
Danach arbeitet er bei der „Weltpresse“.
Präsident des Österreichischen Amateurboxverbandes
Mitglied des Österr. Marathonkomités und des Olympischen Comités


Emilie (Mautzi) Reich
 
geboren in Wien 1887, gestorben 1959
Vor der Ehe Lehrerin Bürgerschule
1914 Heirat
Kinder: Heinz (1918 – 1927)
Getraude (1920 – )
Henriette (1928 – )
Einzige schriftstellerische Tätigkeit der Anhang zum Manuskript ihres Mannes


Literatur:

Zweier Zeugen Mund.
Verschollene Manuskripte aus 1938.
Wien – Dachau – Buchenwald.
Hrsg.: Henriette Mandl.
Wien: Theodor Kramer Gesellschaft, 2007.
306 S.; brosch.; m. Abb.; EUR 21,-.
ISBN 978-3-901602-30-6.


Die Herausgeberin:

Henriette Mandl (geb. Reich)
geboren in Wien 1928
Jänner 1939 Emigration nach England
Rückkehr nach Wien 1947
1947 – 1951 Studium Universität Wien
Lehrtätigkeit in den U.S.A. 1962/63 und 1969/70 (Lektor bzw. Associate Professor)
1967 Vortragstournee in den U.S.A.


Autorin von „Wiener Altstadt-Spaziergänge“ (Ueberreuther) 1987, 1993 & 2001
                    „Vienna Downtown Walking Tours“ (Ueberreuther) 1987
                    „In Search of Vienna“ (Brandstätter) 1995
                    „Cabaret und Courage – Stella Kadmon“ (WUV Wr. Universitätsverlag) 1993

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