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Singer, Issac Bashevis

H.A.M. 0
Issac Bashevis Singer (eigtl. Icek-Hersz Zynger, Pseudonym Warshofsky)
Schriftsteller und Journalist

Geb. 14.7.1904 in Radzymin/ damals Rußland
Gest. 24.7.1991 in Miami/ USA

Er ist eigentlich Russe, dann Pole, später besitzt er die längste Zeit seines Lebens einen amerikanischen Pass. Befragt nach seiner Nationalität, antwortet Isaac Bashevis Singer stets: „Ich bin ein jiddischer Schrift-steller“. Das Thema seiner Kurzgeschichten, Novellen und Romane ist immer wieder das Aufeinanderprallen von religiöser Tradition und sozialer Realität, von Mystik und Freiheit, beeinflusst von Gogol, Spinoza und Dostojewski, durchwoben von der Welt der Bibel, des Talmud und der Kabbala, der jüdischen Mystik.


Jiddisch hat sein letztes Wort noch nicht gesprochen!“ Die-sen – seinen womöglich wichtigsten – Beitrag zur Literatur hat Issac Bashevis Singer nicht aufgeschrieben, sondern gesagt und sich damit zum Hoffnungsträger all derer gemacht, für die die jüdische Sprache Osteuropas die Heimat war und ist. Als Singer dies tut, ist der Literaturnobelpreis-Träger von 1978 bereits international berühmt und zählt – mithin einer der bedeutendsten jiddischen Schriftsteller – zu den Großen der Literaturgeschichte. Und nicht zuletzt Issac B. Singer ist es, der große, vom Untergang bedrohte Sprache vor dem Vergessen gerettet hat, mit seiner widerständig-kraftvollen wunderbaren Literatur. Wer seine Romane und Novellen, voller Details und Vielschichtigkeiten durchdringen und verstehen will, muß zurück zu den Wurzeln des Jiddischen. Der New Yorker „Aufbau“ schreibt dazu in einer Hommage anläßlich Singers zehnten Todestages:

„Singers Romane sind eine Einheit von Sprache, Gestalten und Orten – nimmt man einen Bestandteil weg, verliert das Ganze. Seinen eigenen Übersetzungen ins Englische stand Singer nie unkritisch gegenüber. Sie waren nötig, er legte lieber selbst Hand an, aber sie waren für ihn wohl das kleinere Übel. Trotzdem hat Singers Werk auch in den Übersetzungen Weltruhm erlangt: Weltliteratur im besten Sinne des Wortes. Das ist alles andere als selbstverständlich, denn formal sind seine Romane zumeist Abbilder einer Welt, die ein Inbegriff des Eigentümlichen, des Unergründbaren und des in jeder Hinsicht Abgeschlossenen sind. Das Judentum Osteuropas vor dem Zweiten Weltkrieg ist heute selbst durch Zeitzeugen kaum mehr präsent, und trotzdem fesseln die Geschichten der Großbürger und Gauner, der Zweifler und der Tiefgläubigen bis heute Leser in aller Welt. Und das, obwohl Anatevka-Kitsch in Singers Romanen keinen Platz hat. Wie Kafka in seinen Albtraumbildern, hat Singer in seinen ostjüdischen Familien-sagen und Geschichten allgemeingültige Strukturen verdeut-licht. Das Zerbrechen alter, religiös-ethnisch definierter Bindungen, die Zertrümmerung gewohnter Lebenswelten und das Zusammenfügen der Fragmente zu einer neuen Ordnung ist nicht nur ein Problem für seine Romanfiguren, es ist die Grundfrage aller Menschen in der Moderne“


Isaac Bashevis Singer ist erst drei Jahre alt, als die Familie von Radzymin ins nahegelegene Warschau umzieht. Hier, mitten im jüdischen Viertel, in der Krochmalna Nr.10 (in jener Straße übrigens, in der sich Jahre später das Waisenhaus des großen polnischen Pädagogen und Kinderarztes Janusz Korczak befinden wird), will der Vater einen rabbinischen Gerichtshof einrichten. Bereits während der Fahrt dorthin kommt der kleine Junge, dessen Neugier schier grenzenlos ist, nicht aus dem Staunen heraus, und noch am Tage der Ankunft wird er mit einer umwerfenden Neuigkeit konfrontiert: Stimmen, die aus riesigen Schalltrichtern kommen. „Mein Bruder wusste auch schon, wer dies erfunden hatte: Edison in Amerika“. Vom Grammophon ist die Rede. Man schreibt das Jahr 1908.


Während sich der tief gläubige Vater Thora und Talmud verpflichtet fühlt, vertritt der elf Jahre ältere Bruder Israel Joshua, der lieber weltliche Bücher liest – auch er wird später Schriftsteller -, zunehmend „fortschrittliche Ansichten“. Zwischen ihm und seinem Vater kommt es deshalb immer wieder zu erheblichen Spannungen. Die Mutter, selber Tochter eines Rabbiners, versucht zu vermitteln. Aber auch sie, die Pragmatikerin in der Familie, favorisiert die Rabbiner-Ausbildung von Isaac Bashevis , denn: „Juden werden immer Juden sein, und sie werden immer Rabbis brauchen“. Der Sohn jedoch hat sich bereits zu dieser Zeit, noch vor Ausbruch des großen Völkerschlachtens im Ersten Weltkrieg, vom Glauben distanziert, ohne jedoch den jüdischen Geist in vollen Zügen aufzunehmen.


Der Erste Weltkrieg bricht 1914 aus, die Russen müssen zu-rückweichen, die deutsche Besatzung wird immer wahr-scheinlicher und Issac Bashevis Singer erinnert sich später: „Wir Jungen beschlossen (…) eine deutsche Besatzung würde alle Juden in kurze Jacken stecken, und der Besuch eines Gymnasiums wäre Pflicht. Was könnte für uns schöner sein, als weltliche Schulen zu besuchen, in Uniform und mit verzierter Mütze?“. Angesichts bitterster Armut unter der jüdischen Bevölkerung Warschaus beschließt die die Isaacs Mutter, mit ihm und seinem jüngerem Bruder Mojsche ins österreich-besetzte Bilgoraj zu gehen, wo ihr Vater Rabbiner ist. Isaacs Vater soll später nachkommen; der größere Bruder zieht es vor, in Warschau zu bleiben, wo er für jiddische Zeitungen schreibt.


Als die Mutter mit den beiden Söhnen in Bilgoraj eintrifft, ist es bereits zu spät, um ihre Eltern noch einmal lebend anzu-treffen. Isaac B. Singer indes nutzt die Zeit seines ersten Exils, um in die jiddische wie auch europäische Literatur ein-zutauchen. Er liest, liest und liest.

1923 kommt Isaac Bashevis Singers erstmals beim jiddischen Literaturmagazin „Literarische Blätter“ mit dem Journalismus in Berührung, 1934 folgt mit „Satan in Goray“ seine erste größere literarische Arbeit.

1935 verläßt er endgültig Polen und emigriert – einen unehelichen Sohn zurücklassend – in die Vereinigten Staaten. Allerdings nicht ohne zuvor einen letzten Besuch in der Krochmalna zu machen, jener Straße, die die ihn für sein Leben geprägt hat.
In New York wohnt er bei seinem Bruder Joshua und gehört bald darauf zum Redaktionsstab der in jiddischer Sprache erscheinenden Zeitschrift „Jewish Daily Forward“.

Nach jahrlanger schriftstellerischer Schaffenspause kehrt Issac B. Singer erst 1943 im Schreiben in die Welt seiner Kindheit zurück, ins jüdische Schtetl mit seinen Regeln und familiären Verwicklungen und mit der jiddischen Sprache, der er zu literarischem Format verhilft.


In den 50er Jahren steigt Singers Popularität mit Novellen und Kurzgeschichten wie „Gimpel, der Narr“ und „Die Familie Moskat“: Erzählungen und Romane, meist tragisch-komische Episoden aus dem ostjüdischen Milieu in der Neuen Welt. Für sein Gesamtwerk, das auch Kinderliteratur sowie die Autobiografie „Verloren in Amerika. Vom Schtetl in die Neue Welt“ (dt. 1983) umfasst, wird Issac Bashevis Singer 1978 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Seine Erzählung „Yentl“ wird 1983 mit Barbra Streisand in der Hauptrolle ver-filmt.


„Dem Vater als der bestimmenden Figur seiner Kindheit und Urbild seiner frommen, weltverlorenen Schtetl-Helden setzt Singer in diesen Erzählungen noch einmal ein kleines Denkmal. Seht her, lautet die nostalgische Botschaft an die Landsleute in der Diaspora: So sündig und leidenschaftlich ging es zu in der alten, verlorenen Heimat. Solche Rabbis, solche leuchtenden Beispiele vorbildlicher Jüdischkeit gab es. Es ist, wie stets bei Singer, eine schmucklose und doch leiden-schaftliche Prosa. Sie hat nicht den bitteren Sog seiner posttraumatischen Geschichten, dafür eine frische, burleske Komik, ohne sprachliche Finesse. Ein sprachkünstlerischer Ansatz wäre für Singer ein Frevel, ein Verstoß gegen seine »Ethik des Protests«. Sein Pathos besteht – ähnlich wie bei Danilo Ki? – gerade darin, die »Fakten« demonstrativ für sich sprechen und als Rätsel bestehen zu lassen. Alle die seltsamen, oft tragikomischen Schicksale seiner Landsleute werden mit forensischer Sorgfalt gesammelt, nicht zuletzt als Belastungsmaterial in dem seit Hiob unerledigten Rechtsstreit mit Gott.

Auch wenn alles in ihm, wie er sagt, »gegen die Schöpfung aufbegehrt«, so muss er doch zugeben, dass vieles darin wunderbar ist, vor allem die jüdische Mentalität. »Ich bin seit langem davon überzeugt«, lässt er eine seiner Figuren sagen, »dass in jedem Juden ein versteckter Messias lebt. Der Jude selbst ist ein großes Wunder.«

zitiert aus:
Gabriele Killert: „Das Schtetl am East Broadway – Isaac Bashevis Singer, dem letzten großen Metaphysiker der Literatur, zum 100. Geburtstag“, (c) DIE ZEIT 15.07.2004 Nr.30


Isaac Bashevis Singer lebt in seinen letzten Jahren zurück-gezogen in einem Pflegeheim in Miami, wo er im Sommer 1991 im Alter von 87 Jahren stirbt.


Literatur:

Isaac Bashevis Singer:
“ Ein Bräutigam und zwei Bräute“
Geschichten
aus dem Englischen von Sylvia List
Carl Hanser Verlag, München 2004
ISBN 3-44620467-9
http://www.hanser.de/index.html

Stephen Tree:
„Isaac Bashevis Singer“
dtv premium, München 2004
ISBN 3-423-24415-X


Links (deutsch):

http://www.judentum-projekt.de/persoenlichkeiten/liter/isaacbashevissinger

http://de.wikipedia.org/wiki/Jiddische_Literatur

http://www2.abendblatt.de/daten/2004/06/19/308673.html

http://www.zeit.de/2004/30/L-Singer

http://dir.salon.com/books/int/1998/04/cov_si_28int.html

http://buecher.judentum.de/dtv/singer.htm

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/wirerinnern/285018

http://almaz.com/nobel/literature/1978a.html


International:

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