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Schottelius, Renate

H.A.M. 0

Renate Schottelius
Tänzerin


Geb. 1921 in Flensburg
Gest. 27.9.1998 in Buenos Aires/ Argentinien


Gegen Ende der 20er Jahre tritt die damals Siebenjährige- Tochter einer Pianistin und eines Schriftstellers, Schauspielers und Archäologen – in die Ballettschule der damaligen Städtischen Oper Berlin (heute: Deutsche Oper) ein. Auch und vor allem der moderne Tanzunterricht bei den Wigman-Schülerinnen Ruth Abramowitsch und Alice Uhlen begeistert die junge Renate Schottelius, nicht zuletzt auch deshalb, weil sie direkt für Opern- und Operettenproduktionen wie z.B. Venusberg und in der Lustigen Witwe auf der Bühne eingesetzt werden.


Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten darf die „Halbjüdin“ Schottelius ihre Tanzstudien jedoch nicht mehr fortsetzen. Den Wunsch, ins Ausland zu emigrieren, kann die Familie jedoch aus finanziellen Gründen nicht realisieren.


„Ich hatte einen Onkel in Argentinien, der aus anderen, persönlichen Gründen, im Jahr ’28 nach Argentinien ging, von Deutschland aus, und der schrieb uns, dass er entweder einen meiner Eltern oder meine Großmutter, die noch lebte oder, rüberholen konnte. Oder dass er uns Geld schicken könnte oder dass er uns besuchen könnte. Und bei der Diskussion dieses Problems, erinnere ich mich gut daran, dass ich sagte: “Warum schickt ihr nicht mich?“ Denn meine Eltern wollten sich nicht trennen und meine Großmutter sagte, ihr würde nichts passieren. Das war meine Großmutter väterlicherseits. Und ich machte mir als vierzehnjähriges Kind natürlich keinen Begriff davon, was es für meine Eltern bedeutet haben muß, ihr einziges Kind in ein anderes Land zu schicken. Ohne dass man wusste, ob wir uns je wiedersehen würde? Die Situation war ja so, dass man, besonders, wenn man keine Geldmittel hatte, nicht einfach irgendwo hinfuhr. Sondern man musste ja erst mal ein Visum haben. Und das war eben schwierig zu bekommen. Mein Onkel war nicht “wief“ genug, sagen wir mal, aus Argentinien da Möglichkeiten zu suchen, ein Visum für die ganze Familie zu bekommen. Er sagte, ein könnte ein Visum für eine Person bekommen, und diese eine Person war dann ich!“ (1)


1936 verläßt die vierzehnjährige Renate auf einem Frachtschiff Deutschland Richtung Argentinien. In Buenos Aires verdient sie sich ihr Geld zuerst als Sekretärin und nimmt daneben weiterhin Ballettunterricht.


„Gleichzeitig kam ich in Kreise der deutschen und österreichischen Emigranten. Von denen wir jungen Leute, also wir sehr jungen Leute, sehr viel lernten. Das waren Leute, die zwischen dreissig und vierzig Jahren, oder fünfunddreissig und fünfundvierzig Jahren, emigriert waren: Künstler, Maler, Musiker, Zeichner, und wie gesagt, dieser Herr Dr. Siemsen aus Berlin, ein sozialdemokratischer Abgeordneter, der auch in Buenos Aires war, und der um sich eine ganze Anti-Nazi-Emigartionsclique, sagen wir mal, schuf. Dort lernte ich auch meinen späteren Mann kennen, auch ein junger Emigrant, der auch allein, mit 18 Jahren, nach Buenos Aires kam. Aus Karlsruhe. Und wir machten ein politisches Kabarett, das hieß Die Truppe 38, wir sangen, ich tanzte, andere rezitierten, Clement Moreau, Carl Meffert malte die Dekorationen, und wir bekamen natürlich Unterstützung vom Argentinischen Tageblatt, der damaligen Anti-Nazi – und auch heute noch existierenden – deutschen Zeitung in Buenos Aires…Ich erinnere mich noch sehr gut. Wir sangen Brecht-Lieder, Brecht-Weill-Lieder, und Brecht wurde viel zitiert. Und natürlich war es ein deutsches Kabarett, und es ging um die sogenannte Deutsche Kolonie beider Richtungen, damit wollte man auch die sehr nationalsozialistisch eingestellte alte deutsche Kolonie etwas aufklären. Es ist wahrscheinlich nicht sehr gelungen, aber vielleicht doch teilweise. Dr. Siemsen gründete eine Zeitschrift Das Andere Deutschland, es gab viele gutsituierte Deutsche von einer anderen Emigration, einige Damen und einige Herren, die auch sehr viel dafür taten. Es gab ein deutsches Hilfswerk natürlich, es gab ein jüdisches Hilfswerk, es war nur gegen Nazi-Deutschland. Und Clement Moreau, Carl Meffert publizierte(n) ja auch jede Woche im Argentinischen Tageblatt eine satirische politische Kolumne, mit Zeichnungen, wo das gerade geschehene politische Geschehen in Deutschland karikiert, auf phantastische Weise.“ (2)


Als Solistin und Assistentin reist sie von 1942 bis 1947 in der Kompagnie von Miriam Winslow in verschiedene Städte und Provinzen Argentiniens, nach Rosario, Tucumán und Cordobá. Berühmtheiten der europäischen und amerikanischen Tanz- Avantgarde versammeln sich in diesen Jahren in Buenos Aires, darunter bereits 1938 der russisch-deutsche Tänzer und Choreograph Alexander Sacharow und seine Frau Clothilde von Derp. Die Metropole am Rio de la Plata wird zum Anziehungspunkt für VertreterInnen des Modernen Tanzes aus der Alten und Neuen Welt. Auch die Tänzerin und Choregraphin Margarethe Wallmann, die 1928 zum erstenmal als Lehrerin für Wigman-Technik in den USA gewesen ist und sich später als Opernregisseurin einen Namen machen wird, wirkt während des Zweiten Weltkrieges als Ballettdirektorin am Teatro Colón in Buenos Aires, einem der großen und führenden Opernhäuser der damaligen Zeit. Wallmann gründet eine eigene Tanztruppe und verhilft dem Modernen Tanz in Argentinien zum Durchbruch.


Erst nach Ende des Krieges kann Renate Schottelius ihren Wunsch realisieren, die amerikanische Tanzmoderne im Land selber kennenzulernen. Da sie nicht im Besitz eines Passes ist, wird ihr die Ausreise nicht gestattet. 1953 endlich kann sie mit einem Touristenvisum die Vereinigten Staaten besuchen und ihre Studien bei Martha Graham, José Limon und Hanya Holm fortsetzen. „Dieses Jahr in New York war das schönste Studienjahr meines Lebens“ wird sie sich noch später an diese Zeit in den USA erinnern.


Obgleich Renate Schottelius mit Begeisterung in die Tanzkompagnie von Hanya Holm (der engsten Mitarbeiterin von Mary Wigman und seit 1931 mit einem eigenen Studio) eintreten und bei Limón und Agnes de Mille tanzen würde, sind ihr diese Möglichkeiten vorerst verwehrt, da sie – als Ausländerin – keine Arbeitserlaubnis erhält. „Natürlich war ich darüber sehr traurig“, erinnert sich Renate Schottelius in einem Interview mit der Zeitschrift BALLETT INTERN. „Doch wenn ich rückblickend meine Karriere betrachte – ich habe immer Glück gehabt. Vielleicht wäre ich bei Agnes de Mille oder Limón ’nur‘ Tänzerin geblieben und hätte nicht so viel choreographiert.“ (3)


Renate Schottelius kehrt nach Argentinien zurück, unterrichtet an verschiedenen Institutionen in Buenos Aires, geht mit ihrer eigenen Tanztruppe – der ersten südamerikanischen Modern-Dance-Kompanie – auf Tournee durch mehrere lateinamerikanische Staaten und richtet 1956 im Teatro Colón den ersten modernen Tanzabend auf dem Kontinent aus.


„Ich kam zum erstenmal wieder nach Deutschland nach 23 Jahren, im Jahr ’58. Und natürlich war es für mich unglaublich interessant und – ich weiß noch, ich kam aus der Schweiz und fuhr also über die deutsche Grenze, und es war ein komisches Gefühl. Nicht negativ, unbedingt.“

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© Ulrike Müller

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© Ulrike Müller


Das Interesse an der Kunstform Tanz führt in Argentinien schließlich 1960 zur Konstituierung der Asociatión Amigos de la Danza (Vereinigung der Freunde des Tanzes), in der sich ChoreographInnen des klassischen, neo-klassischen wie auch des modernen Stils zusammenfinden. Im neuen Taetro Municipal General San Martin können fortan Nachwuchs-Choreographen wie Oscar Araiz ihre Arbeiten präsentieren; der Besuch der Vorstellungen ist kostenlos und wird von der Asociatión finanziert. Moderner Tanz wird von nun an sowohl in der Nationalen Tanzakademie wie auch am Teatro Colón in Buenos Aires unterrichtet.


1966 folgt Renate Schottelius einem Angebot aus den Vereinigten Staaten und unterrichtet in den darauffolgenden sechs Jahren Technik, Pädagogik und Komposition des modernen Tanzes am Boston Conservatory for Music and Dance. Danach folgt eine achtjährige Tätigkeit an der Stockholmer Hochschule für Tanz. Bis in ihr hohes Alter trainiert und unterrichtet die Wegbereiterin des Modernen Tanzes in Argentinien Tänzer und Tänzerinnen weltweit.


„Klein und zierlich, ungemein beweglich , anmutig und kraftvoll unterrichtet sie ihren eigenen Stil, den sie aus den erlernten und mordernen Techniken entwickelt hat…’Walk through your body‘, ruft sie den Tänzerinnen und Tänzern zu – und sie alle lassen sich mißreißen von ihrer tänzerischen Inspiration, ihrem Temperament, bis am Ende des konzentrierten Trainings, in einer furiosen Sequenz durch den Raum, Terpsichore mitten unter ihnen zu sein scheint…“ (4)


Die Redaktion des EXIL-ARCHIVs bedankt sich beim Deutschen Tanzarchiv Köln für die Unterstützung bei der Recherche und Zurverfügungstellung von Material.


(1) Quelle: Interview Ulrike Müller mit Renate Schottelius am 17. 10. 1994 in Essen

(2) Interview Ulrike Müller, a.a.O.

(3) zitiert aus: Renate Schottelius – Ein europäisch-amerikanisches Leben. Ein Portait der Wegbereiterin des modernen Tanzes in Argentinien. Von: Brigitte Macher, in: BALLETT INTERN 1/98, S. 29

(4) zitiert aus: Renate Schottelius, a.a.O., S. 30


Links (deutsch):

http://www.sk-kultur.de/tanz


International:


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