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Laqueur, Renata

H.A.M. 0

Renata (Liselotte Margarethe) Laqueur
Sprach- und Literaturwissenschaftlerin


Geb. 3.11. 1919 in Brieg

Gest. 04.06. 2011 in New York City/ USA


„Es hat Zeit und Mühe gekostet und sehr oft Schlaf, und ich hab‘ immer ein Versteck finden müssen für das Tagebuch, aber andere Leute haben gewußt: ich schreibe, und ich hab‘ gewußt, daß zwei oder drei andere Leute auch schreiben!“

(Renata Laqueur, 1994)


Die im Niederschlesischen im Haus ihres Großvaters geborene Renata Laqueur wächst in den Niederlanden auf und besucht in Amsterdam die Schule. Sie ist das vierte von fünf Kindern des Mediziners Ernst Laqueur. Die Eltern, jüdischer Abstammung, haben sich bei der Geburt ihres ersten Kindes, Renata Laqueurs ältester Schwester Gerda, noch evangelisch-lutherisch taufen lassen. Desgleichen die drei älteren Geschwister von Renata. Als sie zur Welt kommt, steht der Vater, gerade einmal 39 Jahre alt, am Beginn einer großen Karriere als Pharmakologe und Hormonforscher. Im Jahr 1935 wird es ihm als erstem gelingen, das männliche Sexualhormon Testosteron zu isolieren und zu kennzeichnen.

Mit achtzehn Jahren legt Renata Laqueur am humanistischen Gymnasium das Abitur ab, möchte gerne Modeschöpferin werden oder Literatur studieren, besucht jedoch – dem väterlichen Wunsch folgend – 1939 eine internationale Sekretärinnenschule. Hier lernt sie (und dies wird ihr später zugute kommen) unter anderem Stenographie in den Sprachen Deutsch, Englisch, Französisch und Holländisch – und schreibt nebenher Artikel für eine holländische Frauenzeitschrift.


Die deutsche Besatzungsmacht enthebt den Vater 1941 aufgrund seiner jüdischen Abstammung seines Amtes als Professor an der Universität Amsterdam. Der älteste Sohn Peter lebt und arbeitet bereits seit 1939 im argentinischen Buenos Aires.

 

18. Februar 1943 wird Renata Laqueur zum erstenmal als holländische Jüdin verhaftet. Die 23jährige kommt zuerst in KZ Vught, danach ins Durchgangslager Westerbork. Im November desselben Jahres wird sie, diesmal gemeinsam mit ihrem Mann, dem Sprachtherapeuten Paul Goldschmidt, zum zweitenmal festgenommen und kommt wieder nach Westerbork. Am 15. März 1944 wird Renata Laqueur nach Deutschland, ins KZ Bergen-Belsen, deportiert, wo sie während der Zeit ihrer Lagerhaft heimlich Tagebuch führt. Am 10. April 1945 verläßt sie Bergen-Belsen mit einem Räumungstransport, der am 23. April nach langer Irrfahrt bei Tröbitz durch sowjetische Truppen befreit wird.

 


Nach ihrer Befreiung kehrt Renata Laqueur in die Niederlande zurück, lernt dort den ungarischen Arzt und Sprachtherapeuten Deszö A. Weiß kennen und wandert mit ihm über Kanada in die USA aus. In New York arbeitet sie zunächst als Sekretärin in einem Krebsforschungsinstitut, beginnt 1960 mit dem Studium der englischen und spanischen Sprache und Literatur an der New York University und wechselt später zur Vergleichenden Literaturwissenschaft.

 


1971 beendet sie ihre Dissertation, in der Tagebücher zum erstenmal nicht ausschließlich als Zeitdokumente und historisches Forschungsmaterial betrachtet wurden, sondern als literarische Leistungen, die dem Grauen der Konzentrationslager abgetrotzt waren und Zeugnis ablegten von dem nie versiegenden Lebenswillen und der schöpferischen Kraft der Häftlinge.


„Es gibt nach meiner Meinung zwei Motivationen (…) die wichtigste für mich ist: sich herauszuschreiben, aus dem Dreck ‚rauszuschreiben und damit Distanz zu gewinnen. Die andere ist die französische „J’accuse!“ Ich will anklagen, ich will Zeugnis ablegen, so daß, wenn einer es findet, wird jemand wissen, was los war. Das sind die zwei Motivationen. Es gibt keine andere. Aber nach meiner Meinung hab‘ ich in allen Tagebüchern, die ich gesehen hab‘, immer wieder gefunden, daß die Leute gesagt haben: wenn ich nicht schreiben könnte, dann wär‘ ich tot! Das Schreiben ist ein Lebenserhaltungsdrang…“

volume_up.gifHier können Sie das gesamte Interview (pdf-Datei) herunterladen, das Ulrike Müller am 7. Juli 1994 in New York mit Dr. Renata Laqueur über das Thema Schreiben im KZ geführt hat.
© Ulrike Müller

volume_up.gifKlicken Sie bitte hier, um sich einen Interview-Auszug als O-Ton (MP3-Datei) anzuhören
© Ulrike Müller


Literatur: 

Renata Laqueur: Bergen-Belsen Tagebuch 1944/1945
Fackelträger-Verlag, 1995, ISBN: 3-7716-2308-1

dies.: Schreiben im KZ – Tagebücher 1940-1945, bearbeitet von Martina Dreisbach und mit einem Geleitwort von Rolf Wernstedt, Donat-Verlag Bremen 1992, zugl. New York, Univ., Diss. ISBN 3-924444-09-0 (dem o.a. Buch von Renata Laqueur wurden die nachstehenden Literaturhinweise entnommen und hier findet sich auch eine weitere Auswahlbibliographie zum Thema KZ-Erinnerungen und Tagebücher)

Floris B. Bakels: Verbeelding als Wapen, Tjeenk Willink, Haarlem, 1947
Karl Adolf Gross: Zweitausend Tage Dachau. Erlebnisse eines Christenmenschen unter Herrenmenschen und Herdenmenschen. Berichte und Tagebücher des Häftlings Nr. 16921. Neubau-Verlag, München, 1946
Abel Herzberg: Tweestromenland. Dagboek uit Bergen-Belsen, Arnhem, 1950
Heinrich Eduard vom Holt: Weltfahrt ins Herz. Tagebuch eines Arztes, Balduin-Pick-Verlag, Köln, 1947
David Koker: Judendurchgangslager Vught. 13. Februar 1943 bis 8. Februar 1944. Reichsinstitut für Kriegsdokumentation, Amsterdam, unveröffentlicht
Edgar Kupfer-Koberwitz: Die Mächtigen und die Hilflosen. Als Häftling in Dachau. Band 1: Wie es begann. Band 2: Wie es endete. Friedrich-Vorwerk-Verlag, Stuttgart, 1957
Jacques Lamy: Buchenwald, 18. Januar 1944 bis 25. Juni 1945, unveröffentlicht, im Besitz des Autors
Hanna Lévy-Hass: Vielleicht war das alles erst der Anfang. Tagebuch aus dem KZ Bergen-Belsen 1944-1945, Rotbuch-Verlag, 12. bis 13. Tausend, Berlin 1982
Philip Mechanicus: In Dépôt. Dagboek uit Westerbork. Polak & Van Gennep, Amsterdam, 1964
Simone Saint-Clair: Ravensbrück: L’Enfer des Femmes. Fayard, Paris, 1967
Gerty Spies: Tagebuchfragment aus Theresienstadt. In: Drei Jahre in Theresienstadt, München, Verlag Christian Kaiser, 1984, S. 98-113
Loden Vogel: Dagboek uit een Kamp, G.A. Van Oorschot, Amsterdam, 1965

Maria Goudsblom-Oestreicher und Erhard Roy-Wiehn (Hrsg.): Felix Hermann Oestreicher. Ein jüdischer Arzt-Kalender. Durch Westerbork und Bergen-Belsen nach Tröbitz. Konzentrationslager-Tagebuch 1943-1945.
Hartung-Gorre-Verlag, Konstanz 2000, ISBN 3-89649-411-2


Links (deutsch):

http://www.kz-zuege.de/pdf/kapitel_04.pdf

http://www.bergen-belsen.de

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