Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

Ritsos, Jannis

H.A.M. 0

Jannis Ritsos (auch Giannis, Jiannis, Yannis und Yiannis Ritsos)

Schriftsteller und Lyriker

Geb. 01.05.  1909 in Monemvasia (Peloponnes)/ Griechenland

Gest. 11.11. 1990 in Athen/ Griechenland

 

“Denkt an mich zurück, sagte er. Tausende Kilometer ging ich

ohne Brot, ohne Wasser, über Steine und Dornen,

um euch Brot und Wasser und Rosen zu bringen. Die Schönheit

– niemals verriet ich sie. Alles, was ich besaß, verteilte ich gerecht.

Für mich selber behielt ich nichts. Bettelarm. Mit einer Lilie vom Feld

erhellte ich unsere schlimmsten Nächte. Denkt an mich zurück.

Und seht mir diese letzte Traurigkeit nach.“

(Jannis Ritsos: “Als Epilog“/ 1987) *)

 

 

Der jüngste Sohn einer Landbesitzer-Familie lernt schon früh, angeregt durch seine humanistisch gebildete Mutter, Klavier spielen, malt und schreibt bereits als achtjähriger Schüler erste Gedichte. Die Wohlhabenheit der Kindheit schlägt in seiner Jugend jedoch in Armut um: Eine Folge der Agrarreform, des Ersten Weltkrieges und nicht zuletzt der Spielsucht des aus adeligem Hause stammenden Vaters, die zum finanziellen Ruin der Familie führt. Als Jannis zwölf Jahre alt ist, stirbt zuerst der älteste Bruder und nur drei Monate später seine Mutter. Zur selben Zeit erkrankt auch der Vater und wird als geistesgestört in eine Anstalt eingewiesen. Es ist auch und  vor allem diese Zeit “in einem ärmlichen Haus, wo alle gestorben sind“, wie Ritsos in seiner “Frühlingssinfonie“ schreibt, die ihn nachhaltig prägen wird.

 

Im Sommer 1921 werden Jannis und seine Schwester Lula in das Gymnasium von Gythion aufgenommen, beenden die Schule vier Jahre später und müssen danach nun selber auch für ihren Lebensunterhalt sorgen. In den nächsten Jahren arbeitet Ritsos als Sekretär, Kalligraph, Regisseur und Schauspieler in verschiedenen Büros und Theatern der griechischen Hauptstadt Athen. Ende der 1920er-Jahre erkrankt er an Tuberkulose, und diese Krankheit ist es, die ihn bis Ende der 30er Jahre immer wieder und für lange Zeit zu Sanatoriums-Aufenthalten zwingt.

 

1933 tritt er der linken Kulturvereinigung “Protopori“ (“Avantgardisten“) bei. Seine soziale Zugehörigkeit und sein Streben nach Totalität, nach umfassender Weltsicht bekundet der überzeugte Kommunist bereits in seinen ersten Poetik-Bänden “Traktoren“ (1934) und “Pyramiden“ (1935), z.B. den Gedichten “An Marx“ und “An Christus“ ebenso wie in der “Ode an die Freude“ oder in “Deutschland“, einem Gedicht,  entstanden 1933 als Reaktion auf die Bücherverbrennung. Eben dieses Schicksal, auf den Scheiterhaufen geworfen zu werden, ereilt auch Ritsos’ 3. Buch “Epitaphios“ (“Epitaph“), das der am 4. August 1936 an die Macht gekommene General Metaxas zusammen mit vielen anderen Büchern öffentlich verbrennen lässt. Diese “Trauerklage einer Mutter über ihren ermordeten Sohn“ hat Ritsos erst im Mai desselben Jahres, inspiriert durch den Tabakarbeiterstreik in Thessaloniki, geschrieben und Bezüge von der Beweinung Christi bis hin zum revolutionären Protest von Maxim Gorkis “Mutter“ hergestellt.

 

Im Dezember 1936 erleidet Ritsos‘ Schwester Lula eine psychische Krise, und auch sie muss in die Psychiatrie von Daphni eingewiesen werden (wo bereits ihr Vater ist, der dort 1938 stirbt). Die tiefe seelische Zerrüttung des Dichters findet ihren literarischen Ausdruck im “Lied meiner Schwester“ (1937). Ebenso wie in der bereits erwähnten “Frühlingssinfonie“ (1938) sowie im “Marsch des Ozeans“ (1940) löst er sich darin vom traditionellen Versmaß und Reim, um allein der inneren Musikalität und Rhythmik der Sprache zu folgen.

 

Die deutsche Okkupation, deren Zeitzeuge der in dieser Zeit bei Freunden in Athen lebende Ritsos wird, macht den Dichter zum Chronisten des Widerstandswillens des griechischen Volkes. Diesen, gepaart mit einer substantiellen Verbundenheit zur Heimat, verarbeitet er in “Romiosini“ (“Griechentum“) und “Herrin der Weingärten“ (beide 1945-1947). Die auf Churchills persönlichen Befehl exportierte Konterrevolution, die 1947 durch Trumans “vitales Interesse an Griechenland“ Unterstützung erhält, bringt das griechische Volk um die Früchte seines Sieges über die faschistische Okkupation. Jannis Ritsos wird 1948 mit Tausenden anderen festgenommen und auf die Verbannungsinseln Limnos, Makronisos und Agions Efstratios deportiert.

 

Nach seiner Freilassung, die erst 1952 – nach anhaltenden internationalen Protesten, unter anderem von Künstlern wie Aragon, Picasso und Neruda, Pablo ‚Neruda} – erfolgt, wird Ritsos sofort Mitglied der neu gegründeten linken Einheitsfrontbewegung EDA (für die er bei den Parlamentswahlen 1964 kandidiert). 1956 veröffentlicht er das Monologgedicht “Die Mondscheinsonate“, das ihm mit dem Staatspreis für Lyrik die erste öffentliche Anerkennung einträgt.  Im selben Jahr erlebt das Poem “Epitafios“ – nach zwei Jahrzehnten – seine zweite Auflage. Ritsos trifft zwei Jahre später eine Auswahl und schickt sie nach Paris an {ln:Theodorakis, Mikis ‚Mikis Theodorakis}, der um neugriechische Lyrik aus seiner Heimat gebeten hat und die literarische Vorlage innerhalb weniger Stunden vertont. Er sendet  die Lieder seinem Komponistenfreund Manos Chatzidakis nach Athen. Dieser wählt Nana Mouskouri als Interpretin und stellt eigene Arrangements her. 1960 wird die Schallplatte produziert, aber Theodorakis ist mit dem Resultat unzufrieden und produziert eine ihm genehme Version, für die er den Volkssänger Grigoris Bithikotsis und den Buzukispieler Manolis Chiotis auswählt. An diesen zwei Schallplatten-Veröffentlichungen desselben Werks entzündet sich in der Folgezeit ein “kleiner Bürgerkrieg“ (Zitat Ritsos) in Griechenland, der unterschiedliche ästhetische Haltungen, aber in gewisser Weise auch soziale Gegensätze widerspiegelt. Die Lieder in der “plebejischen“ Variante von Theodorakis werden zu einem enormen Erfolg, der in allen Tavernen zu hören ist,  die  “hohe Dichtung“ von Ritsos wird von den einfachen Menschen gesungen, ja “gefressen“, wie der Dichter später bemerkt. Die Theodorakis-Version setzt sich durch und begründet das sogenannte „zeitgenössische Volkslied“ (“Endechno Laiko Tragoudi“), das bis heute eine wichtige Rolle in der griechischen Musikpraxis spielt.

 

Die Zeit der Militär-Junta von 1967 bis 1974 begräbt den in den sechziger Jahren geborenen Traum von einem demokratischen Griechenland. Jannis Ritsos gehört zu den ersten Intellektuellen, die im April 1967 verhaftet werden, wenige Tage vor seinem achtundfünfzigsten Geburtstag. Viele Gedichte aus der Sammlung “Die Wand im Spiegel“ entstehen auf den Verbannungsinseln Gyaros und Leros, der Zyklus “Pförtnerloge“ während seines Hausarrestes auf Samos 1970. Die zwei kurzen Essays “Beim Wiederlesen der Gedichtbände…“ sowie “Steine Knochen Wurzeln“ aus diesen Jahren dokumentieren auch verbal den apokalyptischen Widerstand gegen jeden “Alptraum der Nacht und des Tags“, ein ästhetischer Ansatz, der sich auch in den Gedichten der 1970er und 1980er Jahre manifestiert, ja, der es Ritsos offenbar zugleich ermöglicht, alle neuen Strömungen und poetischen Tendenzen der Moderne (vom Theater des Absurden zum “nouveau roman“ und zur Postmoderne) aufzunehmen, zu verarbeiten und für den eigenen Ausdruck nutzbar zu machen. 1973, im sechsten Jahr der Junta, verfasst Ritsos sein szenisches Gedicht „Der Sondeur“.

 

Die meisten seiner über 100 Bücher, sieht man von der politischen Lyrik ab, die Ritsos in dem Band “Kameradschaftliche Dichtung“ zusammenfasst (und selbst nicht als Dichtung akzeptiert), hat er unabhängig von Publikumserwartungen geschrieben – und darin, wie kaum ein anderer griechischer Dichter des 20. Jahrhunderts, geforscht und experimentiert. Der seit 1974 in Athen und im Sommer auf Samos lebende Jannis Ritsos, Neuerer der griechischen Lyrik, Träger des Lenin-Friedens-Preises und für den Literatur-Nobelpreis nominierter Schriftsteller, stirbt nach längerer schwerer Krankheit im Alter von 81 Jahren.

 

2009, zu Ritsos‘ einhundertstem Geburtstag, erscheinen zwei neue Übersetzungen in deutscher Sprache: “Martyríes – Zeugenaussagen“ im Elfenbein Verlag, Berlin sowie die Gedichtsammlung “Monovassía“ im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main. Hier, so der Rezensent der FAZ, distanziert sich Ritsos “vom ideologischen Geschichtsoptimismus, dem er einst anhing. Er erhebt seine Geschichtsklage, sein Ecce historia: „Wie viele Kriege, / Belagerungen, Plünderungen, totgeschlagene Priester, geraubte Ikonen / siedendes Öl, Wurfmaschinen, Kanonen.“ So ist „Monovassía“ eine Fortführung seiner „Zeugenaussagen“, ein weiteres Zeugnis jener Revolte gegen den Tod, die Jannis Ritsos als seine Lebensaufgabe betrachtet hat.“ (Hier zitiert aus: Harald Hartung “ Blitzartiges aus Lakonien“, FAZ-Feuilleton vom 11.12. 2009/ {ln:nw:http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/jannis-ritsos-gedichte-in-neuuebersetzungen-blitzartiges-aus-lakonien-1902343.html})

 

Quellen:

{ln:nw:https://de.wikipedia.org/wiki/Giannis_Ritsos }

*) Das Eingangszitat wurde der folgenden Quelle entnommen:  Matthias Kußmann „Mein Beruf: Worte, Worte“, Buchbesprechung  Jannis Ritsos: Monovassiá, Bibliothek Suhrkamp, Deutschlandfunk ‘Büchermarkt‘ v. 30.04. 2009/ {ln:nw:http://www.deutschlandfunk.de/mein-beruf-worte-worte.700.de.html?dram:article_id=84062 }

{ln:nw:http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/jannis-ritsos-gedichte-in-neuuebersetzungen-blitzartiges-aus-lakonien-1902343.html }

{ln:nw:http://worldbookshelf.englishpen.org/Writers-in-Translation-books-authors-Yiannis-Ritsos }

 

Links (deutsch):

{ln:nw:http://s221292458.online.de/Sites/Jannis-Ritsos.php }

{ln:nw:http://www.planetlyrik.de/?x=14&y=13&s=jannis+ritsos }

{ln:nw:https://portal.dnb.de/opac.htm?method=simpleSearch&query=118788957 }

{ln:nw:http://www.planetlyrik.de/jannis-ritsos-die-mondscheinsonate/2010/08/ }

{ln:nw:http://www.europa-zentrum-wuerzburg.de/unterseiten/ritsos.htm }

 

International:

{ln:nw:https://en.wikipedia.org/wiki/Yiannis_Ritsos }

{ln:nw:http://www.poetryinternationalweb.net/pi/site/poem/item/2678 }

{ln:nw:http://theculturetrip.com/europe/greece/articles/the-best-poems-by-yiannis-ritsos-you-should-read/ }

{ln:nw:http://www.poetryinternationalweb.net/pi/site/poem/item/2678/auto/MOONLIGHT-SONATA }

{ln:nw:http://www.poetryfoundation.org/poems-and-poets/poets/detail/yannis-ritsos }

{ln:nw:http://www.imdb.com/name/nm1221649/ }

{ln:nw:http://www.ekathimerini.com/197727/article/ekathimerini/life/yiannis-ritsoss-epitaphios-a-song-that-both-united-and-divided-greeks }

{ln:nw:https://www.morningstaronline.co.uk/a-d501-Yannis-Ritsos-a-true-poet-of-his-time }

film{ln:nw:https://www.youtube.com/watch?v=4qYnU6mgrOQ }

volume_up{ln:nw:https://www.youtube.com/watch?v=qxjHvgfFpFU }

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.