Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

Fromm, Julius

H.A.M. 0

Julius Fromm
Produktdesigner

Geb. 6.3. 1883 in Konin/Russland
Gest. 12.5. 1945 in London/ GB


Julius FrommEr hat vielen Liebenden so manche Geschlechtskrankheit (und anderes) erspart: mit der Entwicklung und Einführung des ersten Präservativs aus Gummi als Massenprodukt. Er ist es, der den Deutschen die „Revolution im Bett“ ermöglicht hat, wie seine Biografen Götz Aly und Michael Sontheimer in ihrem bei S. Fischer erschienenen Sachbuch Fromms konstatieren: 1916 entwickelt Julius Fromm das erste Markenkondom und steigt damit zum Großfabrikanten auf. Julius Fromm hat das Gespür, das einen großen Unternehmer auszeichnet: Zum richtigen Zeitpunkt entwickelt und bringt er mit dem modernen Kondom das richtige Produkt auf den Markt. Fromms wird zum Synonym für „Verhüterlis“.

Doch dann wird er zweimal um sein Lebenswerk gebracht: Zuerst von den Nazis, später von den Kommunisten – alles Gründe, kreativen Kopf, Produktdesigner und Unternehmer Julius Fromm ins Exil-Archiv mit aufzunehmen.


Im Land der Dichter und Denker aufgrund seiner jüdischen Abstammung verfolgt zu werden, erscheint dem kreativen Kopf und Erfolgsunternehmer einfach undenkbar. Aber nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten muß Fromm flüchten wie unzählige Leidensgenossen vor und nach ihm.


Konin ist eine Kleinstadt mit einem jüdischen Ghetto, verklärend auch Schtetl genannt. In einer von Armut und Frömmigkeit geprägten Umgebung wächst „Israel“, wie der spätere Julius Fromm zunächst heißt, entbehrungsreich auf. Der Besuch eines Gymnasiums, geschweige dann einer Universität, bleibt ihm verwehrt.


Als „Wirtschaftsmigranten“ sind seine Eltern mit dem 10jährigen Julius und zunächst vier weiteren Kindern nach Berlin gezogen. Anlaufstation ist für sie wie für die meisten Ostjuden das ärmliche „Scheunenviertel“. Zunächst verdienen sie sich ihren Lebensunterhalt mit dem Drehen von Zigaretten. Nach dem Tod der Eltern muss Israel für seine sechs jüngeren Geschwister sorgen. Dennoch schaff er es, Abendkurse zum Thema Gummi-Chemie zu besuchen. 1914 gründet er dann in einer Ladenwohnung am Prenzlauer Berg die Firma Israel Fromm, Fabrikations- und Verkaufsgeschäft für Parfümerie und Gummiwaren. Zwei Jahre später kreiert er das erste Markenkondom und beschäftigt bald Hunderte von Mitarbeitern.


Sogenannte „Überzieher“ kannte schon in der Antike: Minos, der legendäre König von Kreta, benutzt um 1200 vor Christi zur Empfängnisverhütung Ziegenblasen, nächfolgende Generationen Fischblasen. Der italienische Arzt Fallopio verwendet präparierte Leinensäcke als Schutz auch gegen die ansteckende Geschlechtskrankheiten. Giacomo Casanova, der berühmte Liebhaber, nennt das Kondom „English riding coat“: „englischer Reitmantel“(weil es angeblich ein englischer Hofarzt namens Dr. Condom gewesen sein soll, der Hammeldärme als Schutzhaut empfohlen hatte).


Doch erst 1839 ermöglicht der Amerikaner Charles Goodyear mit der Erfindung des Vulkanisierens von Kautschuk eine Verhütungsmethode für jederman(n); Därme und Fischblasen haben sich meist nur die Reichen leisten können. Allerdings ähneln die ersten Gummis mehr wulstigen Fahrradschläuchen als zarten Überziehern. Dennoch werden diese Präservative zum Massenartikel. In den Soldatenbordellen des Ersten Weltkrieges herrscht „Gummizwang“, um Infektionen vorzubeugen.

Aber auch in „Friedenszeiten“ dienen die Verhüterlis zur Geburtenregulierung, gepaart mit einem unbefangeneren Verhältnis zur Sexualität in der ersten deutschen, der Weimarer Republik. Dies ist die Stunde der „nahtlosen, transparenten Spezialmarken Fromms Act“ . Sie „riechen nicht unangenehm, wirken also nicht illusionsstörend“, lockten die Anzeigen, und „isolieren nicht, das heißt, sie werden infolge ihrer seidenweichen Feinheit nicht als Fremdkörper empfunden…“ Zitat Ende.


Als er einmal von seinen Mitarbeitern nach einem neuen Werbespruch gefragt wird, antwortete Julius Form: „Die Konkurrenz platzt“. Er selbst produziert längst gemusterte Modelle in verschiedenen Farben. Bereits 1922 kann Julius Fromm seine erste größere Produktionsstätte in der Reichshauptstadt eröffnen. Acht Jahre später läßt er nach den Plänen von Avantgarde-Architekten in Berlin-Köpenick eine moderne Fabrik im Bauhaus-Stil errichten. 1926 produziert Fromm 24 Millionen Kondome, seine Firma verfügt über internationale Niederlassungen von Antwerpen über Reykjavik bis Auckland.

In Deutschland werden die Gummis volkstümlich mit Kabarettliedchen wie „Fromms zieht der Edelmann beim Mädel an“ oder „Wenn’s Euch packt, nehmt Fromms Act“.


Wie so viele hat auch Julius Fromm nicht glauben wollen, dass Hitler sich dauerhaft an der Macht halten wird. Sein ältester Sohn Max, der unter anderem bei Bertolt Brecht Theater gespielt hat, ist bereits 1934 nach Paris geflüchtet, vier Jahre später erkennt auch Fromm, dass er sein Lebenswerk aufgeben muß. Im November 1938 sieht er sich gezwungen, die Firma für 200.000 Schweizer Franken zu verkaufen. Der tatsächliche Wert allerdings liegt bei rund acht Millionen Reichsmark.

Neue Besitzerin wird die österreichische Baronin Elisabeth von Epenstein, Patentante von Reichsmarschall Hermann Göring. Ihr verstorbener Mann, Ritter Hermann von Epenstein, ist zwar nach den Kriterien der Nationalsozialisten „Halbjude“, hat jedoch viele Jahre ein Verhältnis mit Görings Mutter (und wird zum Namenspatron für Hermann Göring).


Nach der Flucht über den Kanal nach Großbritannien wird die Villa von Julius Fromm in Berlin-Schlachtensee dem Ritterkreuzträger Oberst Wolf Hagemann zur Verfügung gestellt.
Fromms Schwester, deren Mann und eine Schwägerin, werden ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Die Kondom-Produktion aber geht, trotz Rohstoffknappheit während des Krieges, weiter. Im Januar 1945 werden die modernen Frabikationsanlagen von alliierten Bombern in Schutt und Asche gelegt – wenige Monate nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands ordnet der der Berliner Stadtkomandant 1946 die Wiederaufnahme der Produktion an.


Als Opfer der NS-Diktatur hätte Julius Fromm seine Fabriken wieder zurückerhalten müssen. Doch die kommunistischen Funktionäre setzen sich über das geltende Potsdamer Abkommen kurzerhand hinweg, indem sie Julius Fromm als „kapitalistischen Ausbeutertyp“ mit einer „unsozialen, arbeiterfeindlichen, pronazistischen Einstellung“ denunzieren – dabei hatte der Unternehmer Fromm durchaus fortschrittliche soziale Betriebseinrichtungen geschaffen. Das aber legen die neuen Machthaber ihrerseits als „aktive Unterstützung der nationalsozialistischen Propaganda“ aus: Julius Fromm habe die Firma aus freien Stücken „in Form eines guten Devisengeschäfts an einen reaktionären Kaufpartner“ veräußert.


Gleich nach der Gründung der DDR wird Fromms Act im Dezember 1949 zu einem Volkseigenen Betrieb. In der Bundesrepublik beleben kurz drauf die Hanseatischen Gummiwerke in Zeven die Traditionsmarke neu. Fromms gehören auch heute noch zu den am meisten angewendeten Kondomen.


Ihr Erfinder hat seine zweite Enteignung allerdings nicht mehr miterlebt. Am 12. Mai 1945, drei Tage nachdem die einst bombardierte Bevölkerung von London den Sieg über Nazi-Deutschland gefeiert hat, bricht Julius Fromm morgens zusammen,  „weil er sich über den Untergang der Nazis und auf die Rückkehr nach Deutschland so sehr gefreut hatte“, lautet die Familiensaga.


Autor:

Hajo Jahn (unter Verwendung von Texten der Spiegel- und Buchautoren Götz Aly und Michael Sontheimer)


Literatur:

Götz Aly, Michael Sontheimer: Fromms. Wie der jüdische Kondomfabrikant Julius F. unter die deutschen Räder geriet,
S. Fischer-Verlag, Frankfurt/M. 2007, ISBN 978-3-10-000422-2


Links (deutsch):

http://de.wikipedia.org/wiki/Julius_Fromm

http://www.markenmuseum.com/cms/index.php?id=578

film.gifhttp://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/27/0,1872,4394395,00.html

http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2007/0217/magazin/0002/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.