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Nichols, Mike

H.A.M. 0

Mike Nichols
Regisseur

Geboren am 6.November 1931 in Berlin


Was wäre Hollywood ohne die aus Nazideutschland und den besetzten Ländern vertriebenen Regisseure, Drehbuchschreiber, Komponisten und Schauspieler? Vermutlich ein unbedeutendes Nest in Kalifornien. Solche Gedanken könnten den Teilnehmern einer Pressekonferenz im „Adlon“  durch den Kopf gegangen sein, als Mike Nichols zum Start seines neuen Films „Der Krieg des Charlie Wilson“ im Kaminzimmer des Berliner Luxushotels Rede und Antwort stand.. Der legendäre Hollywoodregisseur war in die Stadt zurückgekehrt, in der er 76 Jahre zuvor als Michael Igor Peschkowsky geboren war.


Die Heimkehr auf Zeit liess Nichols daran erinnern, daß er hier auf eine „Judenschule“ gegangen war, ein deutsches Wort, das er bis heute nicht vergessen hat, obwohl er nach eigenem Bekunden eine „glückliche Kindheit“ am Olivaer Platz im  Berliner Bezirk Charlottenburg erlebt hat. Von den Aufmärschen, der Bücherverbrennung – da war er noch zu klein – oder von der „Reichskristallnacht“ ist  nichts in seiner Erinnerung geblieben. Doch dass damals Wahnsinniges passierte, habe er gespürt und in Erinnerung  behalten, weil alle im Familien- und Bekanntenkreis „darüber gesprochen“ haben,  erzählte er dem SPIEGEL-Journalisten Martin Wolf. Und weiter:
„Der Hitler-Stalin-Pakt rettete meiner Familie und mir das Leben“. Denn, Glück im Unglück, weil der Vater Russe war (die Mutter Deutsche) konnten sie im Frühling 1939 an Bord des Flüchtlingsschiffs „Bremen“ nach New York ausreisen – mit russischen Pässen ausreisen: „Es war, im Nachhinein betrachtet“, ziemlich knapp.“ Im Hafen hätten alle Anwesenden, also auch die Juden, stramm stehen müssen, um eine Rundfunkansprache Hitlers anzuhören. Das Radio war von dessen Propagandaminister Joseph Goebbels zum Medienmachtmittel ausgebaut worden. Solche Reden wurden an öffentlichen Plätzen über dort installierte Lautsprecher übertragen.  


New York war zunächst nur eine Zwischenstation für den jungen Michael Igor Peschkowsky, der Englisch bald beherrschte wie seine  Muttersprache, die er schnell verdrängte und total vergass. Er studierte in Chikago Psychologie – auch diese Geisteswissenschaft ist eine Erfolgsstory deutscher Juden in den USA, interessierte sich aber bald für Variete und Theater.  In Elaine May, Tochter der jiddischen Theaterkünstler Jack und Ida Berlin – gründete er in den 50er Jahren eine Comedy-Gruppe, die auf der Bühne deutlich machte, dass Frau und Mann nicht zusammenpassen. Mit solchen satirischen Programmen schafften es Nichols und May  zum Broadway, wo er nach der Trennung von der Kollegin ab 1961 als Autor und Regisseur erfolgreiche Stücke auf die Bühne brachte.


Im Laufe seiner 40jährigen Karriere voller Höhen und Tiefen arbeitete der Exilant mit Leinwandstars wie Elizabeth Taylor und Richard Burton, Gene Hackman, Tom Hanks oder Meryl Streep zusammen – letztere setzte er in drei Filmen ein. Bereits mit seinem zweiten Leinwandwerk „Die Reifeprüfung“  machte er Dustin Hoffman zum Star und erhielt seinen ersten Oscar. Insgesamt wurde der deutschrussische Neuamerikaner 21mal für Hollywoodpreise nominiert, 11 dieser Auszeichnungen schmücken seine Trophäensammlung, darunter Emmy, Tony und Golden Globe.
Im SPIEGEL Nr. 5 vom 28. Januar 2008 schreibt Martin Wolf: „Dass auch Stationen aus Niochols‘ eigenem Leben Stoff für einen Film abgeben würden, darauf ist der Regisseur natürlich schon selbst gekommen. ‚Anfang der achtziger Jahre sollte ich >Sophies Entscheidung< inszenieren, das Holocaust-Drama mit Meryl Streep‘, erzählt Nichols. Aber nach zwei Wochen Bedenkzeit sagte er ab: ‚Ich hätte in meinem Regiestuhl sitzen und den Statisten zurufen müssen: >Alle Juden nach rechts, alle anderen nach links< – das kann ich nicht..‘ Nichols‘ Revanche fiel subtiler aus: Er parodierte seine Kollegin (die NS-Filmemacherin) Leni Riefenstahl. Die Fahrt eines US-Offiziers im offenen Wagen, eine Szene seiner Kriegssatire >Catch 22< von 1970, ähnelt verblüffend einer Riefenstahl-Dokumentation, die Hitlers Triumphtour durch Berlin zeigt.“
„Die Nazis“, so Mike Nichols, „hatten allerdings mehr Statisten als wir.“


Autor:

Hajo Jahn


Filmografie

1966: „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ (Who’s Afraid of Virginia Woolf?) – nach dem Bühnenstück von Edward Albee
1967: „Die Reifeprüfung“ (The Graduate) – nach dem Roman von Charles Webb
1970: „Catch-22 – Der böse Trick“ (Catch 22) – nach dem Roman „Catch-22“ von Joseph Heller
1971: „Die Kunst zu lieben“ (Carnal Knowledge)
1983: „Silkwood“ (Silkood)
1986: „Sodbrennen“ (Heartburn) – nach dem Roman von Nora Ephron
1988: „Biloxi Blues“ – nach dem Bühnenstück von Neil Simon
1988: „Die Waffen der Frauen“ (Working Girl)
1990: „Grüße aus Hollywood“ (Postcards from the edge) – nach dem Roman von Carrie Fisher
1991: „In Sachen Henry“ (Regarding Henry)
1994: Wolf – „Das Tier im Manne“ (Wolf)
1995: „The Birdcage – Ein Paradies für schrille Vögel“ (The Birdcage) – nach dem Bühnenstück von Jean Poiret
1998: „Mit aller Macht“ (Primary Colors)
2001: „Wit“ – nach einem Bühnenstück von Margaret Edson
2000: „Good Vibrations – Sex vom anderen Stern“ (What Planet Are You From?)
2003: „Angels in America“ TV-Miniserie – nach dem Bühnenstück von Tony Kushner
2004: „Hautnah“ (Closer) – nach dem Bühnenstück von Patrick Marber
2007: „Der Krieg des Charlie Wilson“ (Charlie Wilson’s War)- nach der Biographie von George Crile

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