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Polar, Alfred

H.A.M. 0

Alfred Polgar (eigtl. Alfred Polak)
Schriftsteller, Kritiker und Übersetzer


Geb. 17.10. 1873 in Wien/ Österreich-Ungarn
Gest. 24.4. 1955 in Zürich/ Schweiz


„Ein Mensch fällt in den Strom. Er droht
zu ertrinken. Von beiden Seiten springen,
eigener Gefahr nicht achtend, Leute ins Wasser,
ihn zu retten. Ein Mensch wird hinterrücks
gepackt und in den Strom geworfen. Er droht
zu ertrinken. Die Leute auf beiden Seiten
des Stroms sehen mit wachsender Beunruhigung
den verzweifelten Schwimmversuchen des
ins Wasser Geworfenen zu, denken:
wenn er sich nur nicht an unser Ufer rettet.“

(Alfred Polgar, 1938)


Er war ein Meister der kleinen Form. Nicht nur beim Kabarett (von dem er nicht leben konnte). Seine geschliffene Sprache allein war es jedoch nicht, die Alfred Polgar eine regelrechte Fangemeinde einbrachte: Sein Humor und hintergründige Ironie waren es, die diesen Sprachkünstler zu einem vielgelesenen Feuilletonisten und Theaterkritiker machten. Diese Begabungen halfen ihm, 1940 als jüdischer Flüchtling in den USA einen Vertrag bei Metro-Goldwyn-Mayer in Hollywood zu bekommen, um Drehbücher für Filme zu schreiben oder zu überarbeiten. Es war ein Hungerlohn, doch mehr als die wirtschaftlichen Verhältnisse belasteten ihn die seelischen Umstände des Exils.

Vater Josef Polak war Besitzer einer Klavierschule in der Unteren Donaustrasse 33 in der Wiener Leopoldstadt. Dort brachte die Mutter Henriette den Sohn Alfred als drittes und letztes Kind bei einer Hausgeburt zu Welt, wie das seinerzeit die Regel war. Das musische Elternhaus hat ihn geprägt, doch nicht so sehr die Musik, sondern der Rhythmus der Sprache, die Eleganz geschliffener Formulierungen faszinierten ihn. Beispiel für diese Haltung ist seine Operettenparodie Der Petroleumkönig oder Donauwalzer von 1908.


Begonnen hatte er 1895 unter seinem richtigen Familiennamen Alfred Polak – nach Gymnasium und Handelsschule – bei der Wiener Allgemeinen Zeitung als Gerichts- und Parlamentsredakteur, sich aber alsbald für den Musik- und Theaterbereich entschieden. Vom Feuilleton war es ein leichter Schritt zur freien Autorenschaft bei der Schaubühne, die der scharfzüngige Berliner Journalist Siegfried Jacobsohn 1905 gegründet, dreizehn Jahre später in Weltbühne umbenannt hatte und die unter Carl von Ossietzky und Kurt Tucholsky berühmt werden sollte.


Polgar brillierte mit frechen Texten für das Jugendstilkabarett Fledermaus in Wien, verfasste mit Egon Friedell unter dem Titel Goethe eine Satire auf den Literaturunterricht an den Höheren Schulen, die Groteske Soldatenleben im Frieden oder die Zeitungsparodie Böse Buben-Journal. Mit seinem Witz und Können war er zugleich der geeignete Bearbeiter und Übersetzer für Nestroy-Possen oder Franz Molnar. Der ungarische Autor verdankt seinen Ruhm eigentlich Alfred Polgar, denn sein gesellschaftskritisches Theaterstück Liliom war bei der Uraufführung am 7. Dezember 1909 in Budapest gnadenlos durchgefallen. Erst mit der Aufführung der deutschen Bearbeitung durch Alfred Polgar 1912 in Wien trat das Stück seinen Siegeszug an, wurde 1934 von Fritz Lang verfilmt und war 1945 Vorlage für das Broadway-Musical Carousel von Rodgers und Hammerstein.


Begabungen wie Alfred Polgar, wie er sich seit 1914 nannte, zog es mit Macht nach Berlin, wo er nach dem Ersten Weltkrieg vorwiegend lebte und arbeitete, etwa für das Berliner Tageblatt oder das Prager Tagblatt. Prag war auch nach dem Reichstagsbrand von 1933 erster Exilort für Alfred Polgar und seine Frau Elise Loewy. Aber schon bald gingen beide zurück in ihre gemeinsame Geburtsstadt Wien. Den Anschluss Österreichs an das Reich erlebten sie zufällig in Zürich. Doch ähnlich wie bei der Dichterin Else Lasker-Schüler, die er in Berlin kennen gelernt hatte, gab es auch für ihn keine Arbeitserlaubnis (die Lasker-Schüler hatte offiziell Schreibverbot in Zürich). So floh das Ehepaar Polgar über Paris, um die französische Hauptstadt beim Einmarsch der Wehrmacht wie unzählige andere Emigranten fluchtartig zu verlassen. Über Marseille, Spanien und Portugal reisten die Polgars (unter anderem durch die Hilfe von Hans und Lisa Fittko, die auch Emigranten wie Walter Benjamin, Heinrich Mann und das Ehepaar Werfel über einen Fluchtweg durch die Pyrenäen brachte) 1940 in die USA nach Los Angeles. Heimisch aber wurden sie dort nicht. So zogen sie drei Jahre später nach New York. Zwar blieben sie hier bis 1949, obwohl vor allem Alfred Polgar vom Exil schwer belastet fühlte: Mit US-amerikanischen Pässen kehrten sie nach Europa zurück. Trotz seiner schlechten Erfahrungen wählte Alfred Polgar Zürich als neuen Wohnsitz, wo er 81jährig starb.


Autor:

Hajo Jahn


Literatur:

Alfred Polgar: Das grosse Lesebuch
Hersgg. und mit einem Vorwort von Harry Rowohlt.
Kein & Aber Verlag, Zürich 2003
ISBN 3036951164

Liebe und dennoch
Texte von Alfred Polgar
ausgewählt und vorgelesen von Senta Berger
Kein & Aber Verlag, Zürich 2001
ISBN: 3036911030

volume_up.gifKlicken Sie bitte hier für ein Hörbeispiel


Links (deutsch):

http://www.kabarettarchiv.at/Bio/Polgar.htm

http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/890/14876

http://www.br-online.de/wissen-bildung/kalenderblatt/oktober/kb20001017.html

volume_up.gifhttp://www.zdf.de/ZDFmediathek/inhalt/8/0,4070,2169128-7,00.html

http://www.filmportal.de/df/61/Uebersicht,,,,,,,,899B18728CE4446E91553B5931A96FEC,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/213880

http://www.berliner-lesezeichen.de/lesezei/blz99_04/anno03.htm

http://www.freitag.de/2004/35/04351401.php

http://www.ulri.ch/kopfweh/polgar.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Polgar

http://www.literaturhaus.at/buch/hoerbuch/rez/polgarsentaberger

http://www.aliaflanko.de/bogi/kabaret/kabare15.htm

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=6972

http://www.perlentaucher.de/buch/16761.html

http://www.perlentaucher.de/autoren/6723.html

http://www.zeit.de/archiv/2001/26/200126_ka-hoerbuch.xml

http://www.zvab.com/angebote/alfred-polgar.html


International:

http://www.lacoctelera.com/lectorileso/post/2005/07/31/la-vida-minuscula-alfred-polgar

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