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Toller, Ernst

H.A.M. 0

Ernst Toller
Dramatiker


Geb. 1. 12. 1893 in Samotschin/ Preußische Provinz Posen
Gest. 22. 5. 1939 (durch Freitod) in New York/ USA


„Wenn wir an die Macht des Wortes glauben – und wir glauben als Schriftsteller an die Macht des Wortes – dürfen wir nicht schweigen. Selbst Diktatoren fügen sich der Meinung der Welt.“

(Ernst Toller)


Ernst Toller
Seiner Mutter

Er ist schön und klug
Und gut.
Und betet wie ein Kind noch:
Lieber Gott, mach mich fromm,
Daß ich in den Himmel komm.

Ein Magnolienbaum ist er
Mit lauter weißen Flammen.
Die Sonne scheint –
Kinder spielen immer um ihn
Fangen.

Seine Mutter weinte sehr
Nach ihrem »wilden großen Jungen« …
Fünf Jahre blieb sein Leben stehn,
Fünf Jahre mit der Zeit gerungen
Hat er! Mit Ewigkeiten.

Da er den Nächsten liebte
Wie sich selbst –
Ja, über sich hinaus!
Verloren: Welten, Sterne,
Seiner Wälder grüne Seligkeit.

Und teilte noch in seiner Haft
Sein Herz dem Bruder dem –
Gottgeliebt fürwahr, da er nicht lau ist;
Der Jude, der Christ ist
Und darum wieder gekreuzigt ward.

Voll Demut stritt er,
Reinen Herzens litt er, gewittert er;
Sein frisches Aufbrausen
Erinnert wie nie an den Quell …
Durch neugewonnene Welt sein Auge taumelt

Rindenherb, hindusanft;
»Niemals mehr haften wo!«
Hinter kläglicher Aussicht Gitterfenster
Unbiegsamen Katzenpupillen
Dichtete Ernst im Frühgeläut sein Schwalbenbuch.

Doch in der Finsternis
Zwiefacher böser Nüchternheit der Festung
Schrieb er mit Ruß der Schornsteine
Die Schauspiele – erschütternde – der Fronarbeit:
In Kraft gesetzte eiserne Organismen.

(Else Lasker-Schüler)*


Wer die NS-Diktatur des vergangenen Jahrhunderts überblickt, stößt auf einen Dichter des Widerstands, der exemplarisch das Politische verkörpert und zugleich den Genuss des Lebens. Er ist genuin Dramatiker, Meister des Theaters, Inszenator seines und anderer Leben, narzistisch, mitreissend mit seiner Message. Seinen Weg begann er als Sozialist und mit seiner Idee „einer Revolution der Liebe“. Die Ideologie gab er auf, sein Lebensmotto nicht. Weltberühmt wurde er mit seinen Theaterstücken, als Mensch blieb er in seinem Heimatland umstritten.


Ernst Toller – 1918 wegen Beteiligung am Munitionsarbeiter-streik inhaftiert, zwangsweise in die Psychiatrie eingewiesen, Regierungschef der Münchner Räterepublik, dann Vorsitzender der bayerischen Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) und (als Pazifist) Oberkommandierender der Roten Garden, nach der Niederschlagung des sozialistischen Aufstands wegen Hochverrats fünf Jahre Festungshaft, in der Zelle Geburt des Dramatikers Toller, dessen Stücke draußen Furore machen und ihn zum berühmtesten politischen Gefangenen Deutschlands werden lassen. Nach seiner Freilassung wird Ernst Toller zum hartnäckigsten Widersacher Adolf Hitlers, dessen Gefährlichkeit er von Anfang an erkennt. Für Hitler wiederum ist Toller die Inkarnation des jüdischen Intellektuellen, des Weltrevolutionärs, den es zu vernichten gilt.
Ernst Toller gewann wie etwa Pavel Kohout menschliche Größe erst, als er sich 1924 nach seiner Haftentlassung abwandte von den ideologischen Spielverderbern:. Toller verwandelt sich in die Protagonisten seiner frühen Stücke, die mit seiner Idee vom guten Menschen in der Welt allein stehen.

Er unterläuft in der Weimarer Republik die starren politischen Fronten, reagiert allergisch gegen Verletzungen der Menschenwürde und macht die „Ahnung vom tragischen Grund“ zu seinem Thema. Er schreibt: „Wir alle werden einsam sterben, umgeben von Freunden. Das ist das tragische Schicksal der Menschen unserer Zeit, die nicht nur der göttliche Gemeinsamkeit entbehren, die eine Gemeinsamkeit, wenn sie sich auftun möchte, nie ertragen können. So arm sind die Menschen in Europa geworden.“
1933, in der Nacht des Reichstagsbrandes stürmen SA-Leute seine Berliner Wohnung, um ihn umzubringen. Doch Toller befindet sich auf einer Vortragsreise in der Schweiz. Das Exil hat begonnen. Die 16jährige Berliner Schauspielerin Christiane Grautoff reist dem fast 40jährigen nach und wird ihn zwei Jahre später in London heiraten. Die Liebe ist immer wieder der letzte Halt jener widerständigen Dichter, die Deutschland fallengelassen hat. Die Liebe ist die Kraft, politische Enttäuschungen zu ertragen.


Der Exilant Toller galt im Ausland als die Verkörperung des „anderen“ Deutschland. Überall, wo deutsche Flüchtlinge Hilfe benötigen, ist Toller zu finden. Er hat glänzende Kontakte zu den Regierungsstellen in den USA, England, Norwegen, Schweden und anderen Ländern. Er verhandelt mit ihnen, rettet Menschenleben, initiiert die Friedensnobelpreis-Kampagne für Carl von Ossietzky, um den Kranken aus dem KZ zu retten, er reist kreuz und quer durch die USA und warnt vor Hitler und dem Krieg, den niemand sehen will. Er sammelt zehn Millionen Dollar, um mit einer Lebensmittelhilfe den spanischen Bürgerkriegskindern zu helfen. Doch die Hilfsgüter fallen Francos Faschisten in die Hände. Er hängt sich in seinem New Yorker Hotel auf.


Der Revolutionär der Liebe sah sich gescheitert. Seine junge Frau, die ihn, den Depressionsgeplagten, durch die Exiljahre getragen hatte, war zu Schauspielproben in Kalifornien. Er hatte ihr in all seiner Bedrängnis ein Leben unter den Grossen der Welt geboten. „Er beschützte mich und lehrte mich, hinter die Fassaden der Menschen zu sehen“, erinnerte sie sich später. In der letzten Phase seines Lebens bemerkte Toller, dass die Welt seiner Warnungen überdrüssig war. George Grosz erinnert sich: „Bei Toller mussten Telegramme einlaufen und Reporter erscheinen. Er brauchte das Gefühl des Begehrt- und Benötigtwerdens“.
Bei seiner letzten Überfahrt von England in die USA erwartet Toller in New York kein einziger Journalist. Toller mit seinem Mitleid für die Armen und Verfolgten und seiner Lust am Mondänen reiste in einer Kabine Erster Klasse, die er sich eigentlich so wenig leisten konnte wie sein Hotelzimmer am Central Park. Wie sagte er einst hellsichtig: „Wer keine Kraft zum Traum hat, hat keine Kraft zum Leben.“ Tollers Traum war nach 46 Jahren ausgeträumt.


Autor:

Jürgen Serke


Stücke:

1927 Uraufführung des Zeitstücks „Hoppla, wir leben“
1933 erscheint im Exilverlag „Querido“ seine Autobiografie „Eine Jugend in Deutschland“
1939 seine letzte Veröffentlichung, das in englischer Sprache geschriebene Drama „Pastor Hall“


Quelle:

*) Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Im Auftrag des Franz Rosenzweig-Zentrums der Hebräischen Universität Jerusalem, der Bergischen Universität Wuppertal und des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar herausgegeben von Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Bd. 1: Gedichte. Bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki unter Mitarbeit von Norbert Oellers. Frankfurt am Main 1996. Nr. 307.) Hier entnommen aus: http://www.kj-skrodzki.de/Dokumente/Text_006.htm


Links (deutsch):

http://www.neusob.de/toller

http://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Toller

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=938

http://www.tour-literatur.de/sekundlit_autoren/toller_ernst_sekundlit.htm

http://www.ub.fu-berlin.de/internetquellen/fachinformation/germanistik/autoren/multi_tuv/toller.html

http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/germ2/verboten/aus/toller.html

http://www.dla-marbach.de/kallias/hyperkuss/t-16.html#Toller,%20Ernst

http://www.erwin-piscator.de/EP16.htmhttp://www.dhm.de/lemo/html/biografien/TollerErnst

http://www.dhm.de/lemo/html/weimar/kunst/masse

http://www.goethe.de/kug/pro/stuecke/ostermai.htm

http://www.litlinks.it/t/toller.htm

http://www.zeit.de/archiv/1982/11/Zt19820312_045_0086_F?page=3

http://www.cine-holocaust.de/cgi-bin/gdq?dfp00cbp103365.gd


International:

http://www.spartacus.schoolnet.co.uk/FWWtoller.htm

http://www.peacemakersguide.org/articles/peacemakers/ernst-toller.htm

volume_up.gifhttp://www.michaelmatthews.net/work_details/toller_suite/toller_suite.html

http://www.twscholl.net/ASTR/Docs/ASTR%20Willcoxon.pdf

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