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Betteln ist eine sehr unangenehme Sache, betteln aber und nichts bekommen ist noch unangenehmer. (Heinrich Heine) Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spam-Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können sie uns mit beim weiteren Aufbau dieses Zentrums! Vielen Dank für Ihre Unterstützung! |
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"Wer
weiß heute noch, dass Elisabeth
Bergner, Billy
Wilder, Max Reinhardt oder Peter
Lorre vor der Nazidiktatur geflohen waren? Wer später geboren
wird, erinnert sich nicht mehr, er wird erinnert" Hajo Jahn, Journalist, Gründer und Vorsitzender der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft, Wuppertal |
| Exil |
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Wohnung beziehen in der Heimatlosigkeit Gegen meine Gewohnheit und vom Thema «Heimat und Heimatlosigkeit» gelenkt und verleitet, habe ich diesmal vor, das Geheimnis meiner Heimatlosigkeit ein wenig zu lüften. Ich bin gebürtiger Prager, und meine Ahnen scheinen seit über tausend Jahren in der Goldenen Stadt gewohnt zu haben. Ich bin Jude, und der Satz «Nächstes Jahr in Jerusalem» hat mich seit meiner Kindheit begleitet. Ich war jahrzehntelang an dem Versuch, eine brasilianische Kultur aus dem Gemisch von west- und osteuropäischen, afrikanischen, ostasiatischen und indianischen Kulturen zu synthetisieren, beteiligt. Ich wohne in einem provenzalischen Dorf und bin ins Gewebe dieser zeitlosen Siedlung einverleibt worden. Ich bin in der deutschen Kultur erzogen worden und beteilige mich an ihr seit einigen Jahren. Kurz, ich bin heimatlos, weil zu zahlreiche Heimaten in mir lagern. Das äußert sich täglich in meiner Arbeit. Ich bin in mindestens vier Sprachen beheimatet und sehe mich aufgefordert und gezwungen, alles Zu-Schreibende wieder zu übersetzen und rückzuübersetzen. Was unterscheidet den Emigranten vom Flüchtling? Der Flüchtling ist, positiv und negativ, der verlassenen Bedingung verhaftet. Er schleppt sie auf seiner Wanderung mit sich, und zwar in einer Mischung von Ressentiment und Liebe. Der Emigrant hat sich über die verlassene Bedingung erhoben. In dieser seiner Empörung kann er aus ihr herausheben, was er will, und anderes kann er verwerfen. Was unterscheidet den Immigranten vom Flüchtling? Der Flüchtling, eingekapselt in die verlassene Bedingung, wie er ist, ist der neuen verschlossen. Er hat ihr weder etwas zu geben noch von ihr etwas zu nehmen. Der Immigrant steht der neuen Bedingung teilweise offen, nämlich an den Stellen, an denen die verlassene Bedingung ironisch verworfen wurde. An diesen Stellen kann er die neue Bedingung sich assimilieren und sich der neuen Bedingung assimilieren. Wir, die ungezählten Millionen von Migranten (seien wir Fremdarbeiter, Vertriebene. Flüchtlinge oder von Seminar zu Seminarpendelnde Intellektuelle), erkennen uns dann nicht als Außenseiter, sondern als Vorposten der Zukunft. Die Vietnamesen in Kalifornien, die Türken in Deutschland, die Palästinenser in den Golfstaaten und die russischer. Wissenschaftler in Harvard erscheinen dann nicht als bemitleidenswerte Opfer, denen man helfen sollte, die verlorene Heimat zurückzugewinnen, sondern als Modelle, denen man, bei ausreichendem Wagemut, folgen sollte. Allerdings können sich derartige Gedanken nur die Vertriebenen, die Migranten, nicht aber die Vertreiber, die Zurückgebliebenen erlauben. Denn die Migration ist zwar eine schöpferische Tätigkeit, aber sie ist auch ein Leiden. Wie ja bekannterweise das Tun aus dem Leiden emportaucht («Wer nie sein Brot mit Tränen aß...»). Die Heimat ist zwar kein ewiger Wert, sondern eine Funktion einer spezifischen Technik, aber wer sie verliert, der leidet. Er ist nämlich mit vielen Fasern an seine Heimat gebunden, und die meisten dieser Fasern sind geheim, jenseits seines wachen Bewusstseins. Wenn die Fasern zerreissen oder zerrissen werden, dann erlebt er dies als einen schmerzhaften chirurgischen Eingriff in sein Intimstes. Als ich aus Prag vertrieben wurde (oder den Mut aufbrachte zu fliehen), durchlebte ich dies als einen Zusammenbruch des Universums; denn ich verfiel dem Fehler, mein Intimstes mit dem Öffentlichen zu verwechseln. Erst als ich unter Schmerzen erkannte, dass mich die nun amputierten Fasern angebunden hatten, wurde ich von jenem seltsamen Schwindel der Befreiung und des Freiseins ergriffen, der angeblich den überall wehenden Geist kennzeichnet. Im London des ersten Kriegsjahres, in diesem für Kontinentale chinesischen England, und unter Vorahnungen des kommenden Entsetzens der Menschlichkeit in den Lagern erlebte ich damals die Freiheit. Das Umschlagen der Frage «frei wovon?» in «frei wozu?», dieses für die errungene Freiheit charakteristische Umschlagen, hat mich seither in meinen Migrationen wie ein «Basso continuo» begleitet. So sind wir alle, wir aus dem Zusammenbruch der Sesshaftigkeit emportauchenden Nomaden. Es sind zumeist geheime Fasern, die den Beheimateten an die Menschen und Dinge der Heimat fesseln. Sie reichen über das Bewusstsein des Erwachsenen hinaus in kindliche, infantile, wahrscheinlich sogar in fötale und transindividuelle Regionen; ins nicht gut artikulierte, kaum artikulierte und unartikulierte Gedächtnis. Ein prosaisches Beispiel: Das tschechische Gericht «svickova» (Lendenbraten) erweckt in mir schwer zu analysierende Gefühle, denen das deutsche Wort «Heimweh» gerecht wird. Der Heimatverlust lüftet dieses Geheimnis, bringt frische Luft in diesen gemütlichen Dunst und erweist ihn als das, was er ist: der Sitz der meisten (vielleicht sogar aller) Vorurteile - jener Urteile, die vor allen bewussten Urteilen getroffen werden. Das in der Prosa und Dichtung gerühmte und besungene Heimatgefühl, diese geheimnisvolle Verwurzelung in infantilen, fötalen und transindividuellen Regionen der Psyche, widersteht der nüchternen Analyse nicht, zu welcher der Heimatlose verpflichtet und befähigt ist. Zwar, zu Beginn dieser Analyse, nach dem Verlassen der Heimat, ergreift das analysierte Heimatgefühl die Gedärme des Sichselbst-Analysierenden, als ob es sie umstülpen wollte. Das deutsche Wort «Heimweh» oder das französische «nostalgie» erfasst dies weniger gut als das portugiesische «saudade». Aber nach dem erwähnten Umschlagen der Vertriebenheit in Freiheitstaumel, der Frage «frei wovon?» in die Frage «frei wozu?», wird die geheimnisvolle Verwurzelung zu einer obskurantischen Verstrickung, die es jetzt wie einen gordischen Knoten zu zerhauen gilt. Der Sich-selbst-Analysierende erkennt dann, bis zu welchem Maß seine geheimnisvolle Verwurzelung in der Heimat seinen wachen Blick auf die Szene getrübt hat. Er erkennt nicht etwa nur, dass jede Heimat den in ihr Verstrickten auf ihre Art blendet und dass in diesem Sinn alle Heimaten gleichwertig sind, sondern vor allem auch, dass erst nach Überwindung dieser Verstrickung ein freies Urteilen, Entscheiden und Handeln zugänglich werden. In meinem Fall: Nach dem Zerhauen eines gordischen Knotens nach dem anderen, des Prager, des Londoner, des Paulistaner, habe ich nicht nur die Gleichwertigkeit (oder auch Gleichunwertigkeit) aller dort angesiedelten Vorurteile erkannt, und vorwegnehmend auch die der in Robion angesiedelten, sondern vor allem auch, dass meine Freiheit zu urteilen, mich zu entscheiden und zu handeln mit jedem Zerhauen zunimmt. Diese Erkenntnis erlaubt, mit sich immer verbessernder Virtuosität die Knoten, einen nach dem anderen, zu zerhauen. Die Emigration aus Prag war ein fürchterliches Erlebnis, die aus Robion wäre wahrscheinlich nur noch die freie Entscheidung, sich ins Auto zu setzen und wegzufahren. Das ist der Grund, warum mir der Zionismus, trotz aller Sympathie, existentiell nicht zusagt. Das geheimnisvolle Heimatgefühl fesselt an Menschen und Dinge. Beide sind sie in dieses Geheimnis gebadet. Ich glaube nicht, dass es nötig ist, von der Verderblichkeit eines geheimnisvollen Gefesseltseins an Dinge zu sprechen. Derart sakralisierte Dinge bedingen nicht nur (das heißt, sie schmälern die Freiheit), sondern sie werden personalisiert (das heißt, man liebt sie). Diese Verwechslung von Dingen und Personen, dieser ontologische Irrtum, ein Es für ein Du zu nehmen, ist genau das, was die Propheten Heidentum nannten und was die Philosophen als magisches Denken zu überwinden versuchten. Das geheimnisvolle Gefesseltsein an Menschen jedoch verdient, bedacht zu werden. Es stellt nämlich das eigentliche Problem der Freiheit. Ich habe in dieser Hinsicht zwei Erfahrungen, die einander widersprechen. Alle Menschen, mit denen ich in Prag geheimnisvoll verbunden war, sind umgebracht worden. Alle. Die Juden in Gaskammern, die Tschechen im Widerstand, die Deutschen im russischen Feldzug. Alle Menschen, mit denen ich in Säo Paulo geheimnisvoll verbunden war, leben, und ich stehe mit ihnen in Verbindung. Paradoxerweise ist daher das Zerhauen des Prager gordischen Knotens leichter gewesen als das des Paulistaner, wiewohl das Geheimnis, das mich an Prag gebunden hatte, dunkler ist als das im Fall von Sao Paulo. Eine allerdings makabre Erfahrung.
Autor: Vilém Flusser entnommen aus „du“, Heft Nr. 12, Dezember 19892 – „Nicht zuhause. Migranten der Literatur“ – Titel des Flusser-Beitrags. „Wohnung beziehen n der Heimatlosigkeit“
„...Meine eigene Lebensgeschichte ist geprägt von Europa, das in diesem Jahrhundert schreckliches Leid erfahren hat. Europa ist nicht nur die Wiege der westlichen Demokratie, sondern auch Schauplatz der tragischen totalitären Experimente - Faschismus und Kommunismus.
Ich war fünf Jahre alt, als ich im Jahr 1941 Rumänien verlassen
musste, von einem Diktator und einer Ideologie in de Tod geschickt. Im
Jahr 1986, nun fünfzig geworden, musste ich, gleichsam einer ironischen
Symmetrie folgend, wieder fliehen wegen eines anderen Diktators und einer
anderen Ideologie.
Die
nationalsozialistische Doktrin verkündete ein totalitäres, zentripetales
Modell, ausgerichtet auf das Ideal der reinen Rasse, und den nationalsozialistischen
Staat als Verkörperung des Willens zur Macht. Diese Idee fand viele
Befürworter und Anhänger, immerhin kam der Nazismus durch freie
Wahlen an die Macht und herrschte aufgrund einer relativen Deckung von
Ideal und Wirklichkeit. Der nationalsozialistische Staat verkörperte
die krasseste Negation des Fremden und die brutalste Aggression gegen
den Fremden. Der Fremde war ein verdächtiger Zeitgenosse mit «unreinen»
Wurzeln und gefährlichen Ansichten und somit die dämonische
Verkörperung des Bösen. Die grundlegenden Voraussetzungen
Und
an was könnte man sich assimilieren, wenn man, wie durch ein Wunder,
das überlebt hat, was heute konventionell oder sogar kommerziell
als Holocaust bezeichnet wird? An was soll sich ein Fremder, der die Hölle
überlebte, assimilieren?
Mir
war es bestimmt, in einer Gesellschaft wiedergeboren zu werden, aufzuwachsen
und heranzureifen, die auf eine byzantinische Art und Weise Faschismus
und Stalinismus verband.
Bertolt
Brecht betrachtete das Exil als «die beste Schule der Dialektik».
Und in der Tat wird der Exilierte, der Flüchtling, in der Folge von
Veränderungen zum Fremden. In seiner ganzen Existenz ist der Fremde
ständig gezwungen, über Veränderungen nachzudenken. Während der schmerzlichen Übergangszeit in Berlin wurde ich von Zweifeln und Fragen aus der Vergangenheit überwältigt. Und gerade deshalb, weil das in Berlin geschah, musste auch ich mich meiner Ethnizität stellen, da ich bereits in meinem Heimatland mit dem Schimpfwort «Fremder» konfrontiert worden war und daher, was meine missliche Lage betraf, schon genug Vorinformation hatte. Und gerade weil der Wunsch nach einer Heimat bei jenen besonders akut ist, deren Zugehörigkeit zu einer solchen in Frage gestellt wird, schmerzt sie der Verlust besonders. An der Schwelle eines lebenswichtigen Entschlusses, angesichts einer neuen, vielleicht endgültigen Entwurzelung, musste ich mich wieder einmal fragen, wer ich eigentlich sei.
Während
meines Aufenthalts in Berlin wurde mir von den deutschen Behörden
oft geraten, aufgrund meiner Geburt in der Bukowina und meiner deutschsprachigen
Abkunft die Anerkennung meiner deutschen Ethnizität zu verlangen.
Viele meiner Landsleute hatten das getan und hatten sich in ihrer neuen
Staatsbürgerschaft bereits bequem eingerichtet. Ich hätte um
die deutsche Staatsbürgerschaft ansuchen können, wie viele meiner
ehemaligen Nachbarn und Kollegen aus Suceava, der Region namens Buchenland,
es getan hatten. Buchenland, das Land der Buchen, obwohl auch Land der
Bücher passend gewesen wäre, denn es ist wohl kein Zufall, dass
der größte deutsche Dichter des letzten halben Jahrhunderts
der in der Bukowina geborene Paul Celan war. Eine bekannte deutschsprachige Schriftstellerin, die gerade legal nach Westdeutschland eingewandert war, fand sich bei der Einwanderungsbehörde mit einem Beamten konfrontiert, der für seine Landsleute aus dem Ausland sichtlich keine besonderen Sympathien hegte. «Wir haben Ihre Erklärungen im Fernsehen gesehen, Madame», sagte der Beamte, während er ihre Einwanderungsakte studierte. «Sie haben Rumänien verlassen, weil es eine Diktatur ist. Sie haben in der deutschen Presse wilde Angriffe gegen die rumänische Diktatur gerichtet. Stimmt das?» «Ja, das stimmt», entgegnete die Autorin. «Dann ist es also klar, dass sie aus politischen und nicht aus ethnischen Gründen nach Deutschland auswanderten», erklärte der Beamte. «In diesem Fall», fügte er in barschem Ton hinzu, «müssen Sie ins benachbarte Büro gehen und dort um politisches Asyl ansuchen.» Das war ein erstaunlicher bürokratischer Trick, gegen dessen absurde, aber unangreifbare Logik man schwer ankämpfen konnte, die aber noch schwerer zu begreifen war. Die deutschsprachige Autorin, die als solche sowohl in Rumänien als auch in Deutschland bekannt war, wo auch ihre Bücher publiziert wurden, war natürlich auch eine erklärte Gegnerin des tyrannischen Regimes in Rumänien. Sie war schließlich gezwungen gewesen, ihre Heimat zu verlassen und um die Aufnahme in ihrem neuen Vaterland anzusuchen. Völlig verstört zog die Autorin tagelang durch Berlin und berichtete Freunden von ihrem Abenteuer. Schließlich kehrte sie wieder zu demselben Beamten im Einwanderungsbüro zurück. «Ich beantrage nicht politisches Asyl, sondern die Zuerkennung der deutschen Staatsbürgerschaft», verkündete sie trotzig. «Ich bin Deutsche und fordere, dass dieses Faktum anerkannt wird. Ich verfüge über eindeutige Beweise. Ich bin Deutsche, mein Vater war Mitglied der SS.» Der zögerliche Beamte blieb zunächst stumm und meinte dann stotternd: «In diesem Fall, selbstverständlich.»
Ich
für meinen Teil hätte den deutschen Behörden keine ähnlichen
Beweise vorlegen können. Indessen beunruhigte mich diese Geschichte
insofern, als sie der Frage der Identität plötzlich einen völlig
neuen Aspekt verlieh.
Wir
könnten nun fragen, warum ich, immer noch schmerzerfüllt und
verwirrt, entsetzt über die Unvermeidlichkeit des Exils, an der Berliner
Mauer entlangtaumelte.
Das
ist der Grund, warum ich im Frühjahr 1989, bei meinem ersten Zusammentreffen
mit einer amerikanischen literarischen Persönlichkeit, mit der uns
später eine enge Freundschaft verbinden sollte, hochtrabend erklärte:
«Für mich hat eben ein neuer Holocaust begonnen.» Da
war nun ein Brennen, das bis in das Zentrum des Seins, die Sprache, hinabreichte,
in die unauslotbare Tiefe des Schöpferischen.
Zersplitterung
und Zerstreuung, insgesamt alles zu schnelle Umstellungen und zerstörerische
Ausschreitungen, können einen falschen Eindruck der Leere und Reglosigkeit
erwecken. Das Einparteiensystem hat seine Untertanen und ihren Überlebensdrang
geeinigt, ob er auf Opportunismus oder das Gegenteil, die Gefahr der Konfrontation,
angelegt war.
Die
Reise ins Unbekannte und Widersprüchliche, der Imperativ, die Welt
und sich selbst zu erkennen – das Erwachen des Bewusstseins -, bedeutete
Individualität, den individuellen Ausdruck von Freiheit und Verantwortung.
Sich der einzigen und höchsten Autorität zu widersetzen bedeutete
die Vertreibung aus dem Himmel, aus Utopia.
Die
biblische Erzählung bietet uns die erste Vision des Menschen - oder
des westlichen Menschen - von sich selbst und von Gott, je gespiegelt
im Bild des anderen. Aber Geschichte ist die Geschichte des menschlichen
Wagnisses. Sie berichtet von den «Riskierern», die sich durch
jede ihrer Taten definieren und ihre Identität erwerben. Es ist kein
Zufall, dass wir in Osteuropa - wc ein Übergang weg von der trägen
Unterwerfung stattfindet - nicht nur eine Identitätskrise beobachten,
sondern auch, und zu oft, ein Verlangen, sich mit neuen Mythen zu identifizieren.
Was
ist diese Neue Welt, zu der die von Utopias Unterdrückung Befreiten
blicken, ein Utopia, das unablässig die Neue Welt versprochen hat?
Die westliche Welt ist nicht das Paradies, das sich diejenigen vorgestellt
haben, die unter Demokratie nur Wohlstand, Komfort und freien Willen verstehen;
sie ist eine menschliche Welt, beides unvollkommen und vollkommenbar,
so wie das Inferno der Tyrannei nur ein anderes menschliches Produkt war,
von Menschen ausgedacht, aufgebaut, durchlitten und herausgefordert. Wir
können die Vorteile und Gefahren, die Chancen und Mängel unserer
schnellebigen Welt nicht erkennen, ohne die Menschen zu betrachten, die
sie mit ihren Wünschen, Mythen und Verwirrungen bevölkern. Und
vielleicht gibt es niemand, der die Unterschiede zwischen beiden Welten
besser kennt als der Exilierte. Wie Adam hat der Exilierte die Euphorie und die Angst der Freiheit, die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und den Schock der Entfremdung durchlitten. «Im Schweiße seines Angesichts» ist er aus der Anonymität und dem Trauma des Unbekannten wiedergeboren worden. Schritt für Schritt, Neurose nach Neurose hat er ein tieferes Verständnis der Welt und des anderen erlangt, einen strengeren Sinn für Verantwortlichkeit, ein durchdringenderes Bewusstsein des Todes, also der Realität. Er hat ein lebendigeres, klareres Verständnis für das Ephemere, die Begrenzung und die Grenzenlosigkeit. Er ist der «Riskierer», der endlich das Leiden, die Ehre und die Privilegien des Exils akzeptiert hat.
Man
könnte sagen, dass der Exilierte eine Art Experte für den Übergang
wird. Ein Entfremdeter, mit abgebrochenen Verbindungen zu beiden Welten,
sich ihrer Unterschiede und Gemeinsamkeiten bewusst, der Spannung ihres
Dialogs, der Gefahren, die sie beide an diesem Scheideweg der Geschichte
bedrohen. Der Riskierer wurde wegen seines Wissens und Bewusstseins aus
der paradiesischen Trägheit der Konvention geworfen. Das Wesen, das
sich durch das Risiko der Individualisation definiert - und Kunst ist
die eigentliche schöpferische Exponentialfunktion des Risikos, der
schöpferischen Freiheit -, bleibt in hohem Masse verletzlich. Autor: Norman Manea
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