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| Urzidil, Johannes |
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Johannes
Urzidil
Geb. 3.2.
1896 in Prag/ Österreich-Ungarn „Der Sinn [...] aller meiner Bemühungen war immer: Verbindungen herzustellen, Brücken zu schlagen, das Vereinigende zu zeigen und zur Wirkung zu bringen.“ (Johannes Urzidil: aus der Dankrede zur Verleihung des Andreas-Gryphius-Preises 1966)Johannes Urzidil wurde am 3. Februar 1896 in Prag als Sohn eines deutschnationalen Ingenieurs und Eisenbahnverwaltungsbeamten und einer tschechisch-jüdischen Mutter geboren, die aus ihrer ersten Ehe bereits sieben Kinder in die zweite mitgebracht hatte. Kurz vor Urzidils viertem Geburtstag starb die Mutter, und der Vater heiratete im Jahre 1903 eine Tschechin, die nicht minder nationalbewußt war als er selbst. Bereits im engsten familiären Umfeld Urzidils, der von klein auf neben Deutsch auch Tschechisch lernte, sprach und schrieb, spiegelt sich somit jene böhmische Gesellschaft wider, die durch Zweiten Weltkrieg und Shoa unwiderbringlich zerstört wurde.
Noch
während der Schulzeit, die er 1914 am Prager Graben-Gymnasium mit
der Matura beendete, veröffentlichte Urzidil 1913 unter Pseudonym
erste Gedichte im Prager Tagblatt, denen schon bald weitere Gedichte
sowie Erzählungen und Übersetzungen von Gedichten des tschechischen
Lyrikers Otokar Brezina folgten. In dieser Zeit entstanden auch seine
freundschaftlichen Beziehungen zu den Literaten, die sich im legendären
Café Arco trafen, wie Max Brod,
Franz Kafka oder Franz Werfel.
Von 1914 bis 1918 studierte Urzidil an der deutschen Universität
seiner Geburtsstadt Germanistik, Slawistik und Kunstgeschichte, mit einer
kurzen Unterbrechung durch den Kriegsdienst im Jahre 1916, den er dann
1917/18 in Prag unter Fortsetzung seines Studiums leistete.
Direkt nach Kriegsende und dem Abschluß seines Studiums nahm Urzidil im November 1918 eine Tätigkeit als Übersetzer am deutschen Generalkonsulat (ab 1919 Botschaft) in Prag auf, zudem war er von 1918 bis 1939 als Korrespondent des Prager Tagblattes und von 1923 bis 1938 auch der Bohemia tätig. Sein erstes Buch, der expressionistisch geprägte Gedichtband Sturz der Verdammten, erschien im Jahre 1919 in der renommierten Reihe Der Jüngste Tag des Verlages Kurt Wolff in Leipzig, in der auch die ersten Erzählungen Kafkas veröffentlicht wurden. Zwei Jahre später, 1921, begann er seine Korrespondententätigkeit für den Berliner Börsen-Courier und ab 1922 auch noch für das Wolffsche Telegraphenbureau.
Dieses
Jahr 1922 war für Urzidil auch in anderer Hinsicht bedeutsam: Sein
Vater starb, und kurz danach heiratete Urzidil Gertrude Thieberger (1898-1977),
die aus einer jüdischen Gelehrtenfamilie stammte und selbst eine
Lyrikerin von Rang war. Zudem gelang es ihm in diesem Jahr, seine Position
an der deutschen Botschaft in Prag zu verbessern und die Stellung eines
Pressebeirates zu erlangen.
Während der gesamten zwanziger und dreißiger Jahre unterhielt Urzidil, der 1924 Kafka eine (von drei) Totenreden hielt, vielfältige Kontakte, nicht nur in Literatenzirkeln, sondern auch in Künstlerkreisen, und nicht nur zu deutschböhmischen, sondern auch zu tschechischen Schriftstellern und Malern wie Petr Bezruc, den Brüdern Karel und Josef Capek oder Jan Zrzavý. Von diesen Kontakten zeugen seine Aufsätze zur tschechischen Kunst der Moderne und die Briefwechsel mit den genannten Künstlern. In den Jahren der ersten tschechoslowakischen Republik veröffentlichte Urzidil neben etlichen literarischen Texten vor allem zahlreiche Aufsätze und Artikel zur Literatur, zur Kunst, zur Geschichte oder zur aktuellen Tagespolitik, die ihn als "Publizist zwischen den Nationen" (Gerhard Trapp) seiner böhmischen Heimat ausweisen. 1930 kam sein an Umfang schmaler Gedichtband Die Stimme heraus und zwei Jahre später die erste Fassung seiner bis heute nicht übertroffenen umfangreichen Studie Goethe in Böhmen, an der er sein Leben lang weiterarbeitete und deren zweite, stark überarbeitete und erweiterte Fassung dann 1962 erschien. Nach der Machtergreifung durch die Nazis wurde Urzidil als sogenannter Halbjude, der zudem noch mit einer Jüdin verheiratet war, aus dem diplomatischen Dienst des Deutschen Reiches entlassen; auch seine Korrespondententätigkeit für die deutsche Presse mußte er bald einstellen. Die folgenden Jahre verbrachten Urzidil und seine Frau zum Teil in der ländlichen Abgeschiedenheit des kleinen Ortes Josefsthal im Böhmerwald, wo sich aber auch oft Freunde wie Willy Haas, Paul Kornfeld oder Hugo Steiner-Prag zum "Josefsthaler Stammtisch" (Gertrude Urzidil) einfanden. Als letztes Buch vor dem Exil kam 1936 die kunsthistorische Monographie Wenceslaus Hollar. Der Kupferstecher des Barock heraus. Diesem böhmischen Künstler gilt auch Urzidils sechs Jahre später publizierter Band Hollar, a Czech émigré in England; das Leben Hollars gestaltete er zudem, noch einmal zwanzig Jahre später, in der Titelerzählung des Bandes Das Elefantenblatt (1962) auch literarisch.
Im
Juni 1939 – die Truppen Nazi-Deutschlands waren bereits in Prag
einmarschiert – konnten Urzidil und seine Frau buchstäblich
in letzter Minute das Land verlassen; über Italien gelangten sie,
finanziell großzügig unterstützt von der britischen Schriftstellerin
Bryher (i.e. Annie Winnifred Ellerman), nach England, das die erste Station
ihres Exils war. Während dieser Zeit stand Urzidil in näherem
Kontakt zur tschechoslowakischen Exil-Regierung unter Edward Beneš,
die in London residierte.
Es war erneut Bryher, die dem Ehepaar Urzidil dann im Jahre 1941 die Übersiedlung in die USA ermöglichte, die Sicherheit vor deutschen Bombardements boten. Wenig gesichert waren hingegen die materiellen Verhältnisse in New York, wo sie eine neue Bleibe fanden. Urzidils Honorar als Korrespondent tschechoslowakischer Exilzeitungen reichte nicht aus, so daß seine Frau als Babysitter hinzuverdienen mußte und er selbst begann, als Lederkunsthandwerker zu arbeiten; aus dieser Tätigkeit gingen seine in verschiedenen Essays dargelegten Überlegungen zum Handwerk hervor.
Über
den tschechischen Maler Maxim Kopf, den er schon aus Prag kannte, und
die gleichfalls befreundeten Dichter Yvan Goll und Carl
Zuckmayer kamen die Urzidils in Kontakt mit der amerikanischen
Journalistin und engagierten Nazi-Gegnerin Dorothy Thompson, zu deren
Kreis sie bald gehörten. Ein ebenso detailliertes wie umfangreiches
Panorama der Vereinigten Staaten, wie er sie vor allem in dieser Zeit
erlebte, hat Urzidil – seit 1946 U.S.-amerikanischer Staatsbürger
– in seinem (übrigens einzigen) Roman Das große Halleluja
(1959) gezeichnet, der vielleicht am deutlichsten beweist, wie "tief"
er sich, so Egon Schwarz, im Gegensatz zu anderen Emigranten schon bald
"auf die Kultur des Gastlandes eingelassen" hatte.
Seit dem April 1951 arbeitete Urzidil für die Österreich-Abteilung des Senders Voice of America, wodurch er eine gewisse finanzielle Sicherheit erlangte. Ungefähr seit dieser Zeit auch hatte sich Urzidil darum bemüht, im deutschspachigen Raum einen Verlag für sein literarisches Werk zu finden, an dem er während der ganzen Zeit weitergearbeitet hatte. Als Frucht dieser Bemühungen und eine Art Wiedergeburt des Schrifstellers Urzidil kamen im Jahre 1955 gleich zwei Bücher von ihm heraus: zum einen, als separates Bändchen, die 1945 schon einmal in New York publizierte Erzählung Der Trauermantel über den von ihm hochgeschätzten Adalbert Stifter, sowie zum anderen die Übersetzung des Gedichtbandes By Avon River (im Original 1949) von Bryhers Lebensgefährtin, der amerikanischen Avantgarde-Lyrikerin H.D. (i.e. Hilda Aldington).
Bereits
ein Jahr später, nämlich 1956, erschien dann Die verlorene
Geliebte, ein Band mit autobiographisch fundierten, jedoch in Stil
und Perspektive durchaus unterschiedlichen Erzählungen, die Urzidils
für ihn nicht immer hilfreichen und nur eingeschränkt zutreffenden
Ruf als "große[r] Troubadour jenes für immer versunkenen
Prag" (Max Brod) begründeten. Die nicht "verlorene",
sondern vielmehr, wie Urzidil selbst in der schon oben zitierten Rede
sagt, "bewahrte und wiedererrungene" Heimatstadt Prag ist auch
der Handlungsort in seinem zweiten besonders bekannt gewordenen Buch,
dem Prager Triptychon (1960); dieses vereint sechs Erzählungen,
die sich nach Art eines mittelalterlichen Tafelbildes aufeinander beziehen
und ihren Stoff aus der Geschichte der Stadt nehmen.
In
der – mitunter auch längeren – Erzählung hatte Urzidil
das ihm und seiner "Poesie der Augenblicke" (Claudio Magris)
gemäße Genre gefunden, und in der Folgezeit erschien nun bis
zu seinem Tode alle zwei Jahre ein neuer Band – Das Elefantenblatt
(1962), Entführung und sieben andere Ereignisse (1964),
Die erbeuteten Frauen (1966), Bist du es, Ronald? (1968)
– mit Erzählungen und schließlich postum Die letzte
Tombola (1971). Urzidil erweist sich in diesen Büchern als genauer
Schilderer zumeist Böhmens – vor allem Prags und des Böhmerwaldes
– oder seines Exillandes USA. Außerdem charakterisiert seine
Geschichten ein hintergründiger Humor, eine doppelbödige Ironie,
die jede Idylle als scheinbar entlarvt, sowie ein Changieren zwischen
Stilen und Genres; dies alles kennzeichnet Urzidil, bei aller Verbundenheit
mit Vorbildern wie Goethe oder Stifter, als Autor der klassischen Moderne,
wie Peter Demetz mit Recht festgestellt
hat.
Daneben
schrieb Urzidil aber auch weiterhin eine große Zahl von Artikeln
und Essays, meist über böhmische Themen (z.B. Die Tschechen
und Slowaken, 1960) oder über Schriftsteller die ihm viel bedeuteten;
neben Goethe, Stifter und Kafka (Da geht Kafka, 1965, erw. 1966)
traten die Amerikaner Henry David Thoreau und Walt Whitman. Des weiteren
überarbeitete und erweiterte er, wie schon erwähnt, sein literarhistorisches
opus magnum Goethe in Böhmen für die Neuauflage 1962
ganz beträchtlich. Und schließlich verfaßte er auch weiterhin
Lyrik, von deren klassizistischem Altersstil vor allem der Band Die
Memnonssäule (1957) zeugt. All dies zeigt nicht zuletzt auch
die weitgespannte Thematik des Urzidilschen Schaffens.
Daneben
schrieb Urzidil aber auch weiterhin eine große Zahl von Artikeln
und Essays, meist über böhmische Themen (z.B. Die Tschechen
und Slowaken, 1960) oder über Schriftsteller die ihm viel bedeuteten;
neben Goethe, Stifter und Kafka (Da geht Kafka, 1965, erw. 1966)
traten die Amerikaner Henry David Thoreau und Walt Whitman. Des weiteren
überarbeitete und erweiterte er, wie schon erwähnt, sein literarhistorisches
opus magnum Goethe in Böhmen für die Neuauflage 1962
ganz beträchtlich. Und schließlich verfaßte er auch weiterhin
Lyrik, von deren klassizistischem Altersstil vor allem der Band Die
Memnonssäule (1957) zeugt. All dies zeigt nicht zuletzt auch
die weitgespannte Thematik des Urzidilschen Schaffens.
Die
ungeheure Produktivität der letzten zwei Jahrzehnte seines Lebens
brachte Urzidil auch Erfolg und Anerkennung: Unter anderem bekam er den
Charles-Veillon-Preis (1957) und den Großen Österreichischen
Staatspreis (1964), erlangte 1961 den Titel Professor in Österreich
und wurde 1962 korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie
für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Zu seinem Erfolg trugen
nicht zuletzt auch die Vortragsreisen bei, die er regelmäßig
unternahm. Auf einer solchen Reise ist Urzidil am 2. November 1970 in
Rom gestorben, und dort wurde er auch auf dem Campo Santo Teutonico begraben.
War
Urzidil bis zu seinem Tode im deutschsprachigen Raum ein relativ bekannter
Autor, so geriet er bald danach trotz einzelner Neuveröffentlichungen
und einiger wissenschaftlicher Untersuchungen in beinahe völlige
Vergessenheit, die erst nach und nach einer erneuten Rezeption weicht.
Dagegen wurde er im europäischen Ausland, vor allem in Frankreich
und Italien, mehrfach wissenschaftlich untersucht und auch in die jeweilige
Landessprache übersetzt. Dies gilt, insbesondere nach der politischen
Wende 1989, auch für Urzidils böhmische Heimat; so erschienen
in der Tschechischen Republik, wo sich 2005 eine Johannes-Urzidil-Gesellschaft
gegründet hat, die wichtigsten Werke in tschechischer Übersetzung.
Nicht
zuletzt seine Erfahrungen im Elternhaus mögen ein Grund dafür
gewesen sein, daß Urzidil – er selbst bezeichnete sich gern
als "hinternational", d.h. hinter den Nationen – zeit
seines Lebens und in allen seinen Werken ein Vertreter jenes supranationalen
Bohemismus gewesen ist, wie er noch in der ersten Hälfte des 19.
Jahrhundert in Böhmen weitverbreitet war und den man im Sinne des
Urzidilschen dictums "Böhmen ist überall" als innerböhmische
Variante des Europagedankens bezeichnen könnte: Ihm waren alle Bewohner
Böhmens zuallererst Böhmen und nicht Tschechen, Juden, Deutsche
etc.; denn er war, als Katholik und Freimaurer geprägt von einem
weltläufigen Christentum und tiefer Humanität, für jeglichen
Nationalismus unempfänglich.
Urzidil kann daher auf Grund seiner Haltung und seines Werkes als völkerverbindendes Vorbild nicht nur für die tschechisch-österreichisch-deutschen Beziehungen im 21. Jahrhundert gelten, sondern er kann dies auch für den Prozeß des europäischen Zusammenwachsens insgesamt sein. Er ist somit gerade heute, angesichts der EU-Osterweiterung und der komplizierter werdenden Beziehung zwischen altem Europa und neuer Welt, ein notwendiger und unverzichtbarer Autor. Es ist aber nicht nur Urzidils persönliche Haltung als Humanist in inhumanen Zeiten, sondern es ist die literarische Qualitität seines Werkes, die die Bedeutung dieses Schriftstellers ausmachen.
Autor:
Klaus Johann Literatur:
WERKE (ERSTAUSGABEN IN AUSWAHL):
WERKAUSGABE: Vgl. neben den Bibliographien in den oben erwähnten Büchern vor allem die folgenden: Gerhard Trapp: Johannes Urzidil (1896-1970). Bibliographie der Publikationen. In: brücken. N.F. 2. 1994. S. 239-302. Jitka Kresálková: Zur publizistischen Tätigkeit Johannes Urzidils. Bibliographisches Verzeichnis. In: Germanoslavica. 7. 2/2000. S. 309-333. Jitka Kresálková: Zur Bibliographie von Johannes Urzidil. In: Germanoslavica. 7. 2/2000. S. 335-343. Gerhard Trapp: Ergänzungen von Bibliographien zu Johannes Urzidil. In: Germanoslavica. 15. 1/2004. S. 31-34. Vladimír Musil und Gerhard Trapp: Bibliografie uverejnených del Johannese Urzidila. In: www.johannes-urzidil.cz/bibliografie_cz.html (eine deutsche und eine englische Fassung auf derselben website sind in Vorbereitung). Klaus Johann: Bibliographie der Sekundärliteratur zu Johannes Urzidil. In: brücken. N.F. 13. 2005. S. 383-427. Links (deutsch):
http://www.juedisches-museum-berlin.de
(Homepage des Jüdischen Museums in Berlin, das auch eine Zweigstelle
des LBI beheimatet; ein großer Teil des Urzidil-Bestandes befindet
sich hier auf Microfilm.) International:
http://www.johannes-urzidil.cz
http://www.phil.muni.cz/~peceny/Urzidil/index.html
http://ftp.cbvk.cz/kniha/data/w_urzid.php
bzw. http://platon.cbvk.cz/kniha/data/w_urzid.php
http://www.cjh.org/academic/findingaids/lbi/nhprc/JGUrzidil.html
http://www.lbi.org |