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NEU ERÖFFNET: MAX PECHSTEIN-MUSEUM IN ZWICKAU

In den Kunstsammlungen seiner Heimatstadt findet das Lebenswerk des gebürtigen Zwickauers Max Pechstein nun einen eigenen Ausstellungsort. Seit dem 12. April 2014 werden knapp 50 Werke aus Pechsteins gesamter Schaffenszeit...

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Gorlinsky, Peter Drucken E-Mail

Peter Gorlinsky (Pseud.: Peter Lingor)
Journalist


Geb. 2.4. 1912 b. Kiev / Russ. Gouvernement
Gest. 27.11. 1996 in San Vicente / Argentinien


"Ich habe intensiv gelebt!"

(Peter Gorlinsky)

Peter GorlinskyGorlinskys Vater pendelt bereits seit längerem zwischen Deutschland und Rußland: im ostpreussischen Königsberg (dem heute zu Rußland gehörenden Kaliningrad) - führt er sein Geschäft für russische Waren und reist zum Einkauf regelmässig über die Grenze. Der Anhänger deutscher Tugenden holt schließlich 1914 die gesamte Familie zu sich nach Königsberg. Eine Woche nach ihrer Ankunft bricht der Erste Weltkrieg aus, alle Grenzen werden geschlossen und Peter Gorlinsky, seine drei Bürder und die Eltern sind plötzlich feindliche Ausländer.






Wie Tausende anderer gerät auch die Familie Gorlinsky in die damaligen Kriegswirren. 1915 erhalten sie die Erlaubnis zur Übersiedlung nach Berlin. Man bezieht eine Wohnung in Charlottenburg über einem Polizeirevier - für den Vater eine außerordenlich praktische Lösung, da er sich - bis zur Erteilung der Aufenthaltsgenehmigung - dreimal täglich auf der Wache zu melden hat.

Mit sechs Jahren wird Peter Gorlinsky - der übrigens fliessend deutsch und kaum noch russisch spricht - in die Leibniz Oberrealschule in der Schillerstraße eingeschult.

Die Ermordung von Rosa Luxemburg 1918 hinterläßt einen nachhaltigen Eindruck bei dem Jungen - ist doch der Landwehrkanal jener Ort, wo er tagtäglich spielt. Die Schulzeit erlebt er mehr als bedrückend. Interessiert ist er an Sprachen und Literatur - und nur der Förderung einiger Lehrer hat es Gorlinsky schließlich zu verdanken, daß er die Zeit auf dem naturwissenschaftlichen Gymnasium übersteht.

Die erste journalistische Arbeit ist eine Feuilleton-Skizze für die kommunistische Welt am Abend. Der Artikel des Schülers Peter Gorlinsky erscheint unter der Überschrift Anarchie in der Turnhalle bereits am darauffolgenden Tag unter dem Pseudonym Peter Lingor. Mit dieser Zeit beginnt seine Lust am Schreiben und er arbeitet u.a. für das Zwölf-Uhr-Blatt.

Seine drei - wesentlichen älteren - Halbbrüder organisieren als Manager und Impresarii das gesamte Unterhaltunsgwerbe, zuerst in Berlin, später im gesamten Deutschen Reich, und nehmen auch den damals 13jäghrigen Bruder Peter auf ihre zahlreichen Reisen nach Paris, Den Haag, Amsterdam und London mit. Die Goldenen Zwanziger sind es für Peter Gorlinsky im wahrsten Sinne des Wortes. Im Literaturzirkel des Bulgaren Slatan Dudow (dem späteren Regisseur des 1931/ 32 gedrehten Films Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt? mit Ernst Busch und Erwin Geschonneck) macht er u.a. die Bekanntschaft mit Bertolt Brecht, der Gedichte zur Laute vorträgt und den jungen Gorlinsky zu sich nach Hause in sein Arbeitszimmer in der Chaussee-Straße einlädt.

"Da gab's keine Bücher. sondern er hatte nur ein Buch hatte er. Das lag da irgendwo auf dem Tisch, nicht wahr. Und ich fragte: sagen Sie mal, haben Sie keine...?" Sagt er "Nein, ich brauche keine. Ich schreibe ja Bücher. Ich brauche keine Bücher zu lesen." Und da sagte ich: "darf ich mal sehen...?" Und das Buch war eine Anleitung zum Boxsport..."


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© Ulrike Müller


Er ist zu Gast im Café Corso und besucht regelmässig das Romanische Café, wo auch Alfred Döblin,Mascha Kaléko, Else Lasker-Schüler,George Gorsz,Erich Kästner,Alfred Kerr, Irmgard Keun,Erich Maria Remarque,Ernst Toller, Kurt Tucholsky, Billy Wilder und viele andere Intellektuelle verkehren. Er lernt Tucholsky und Ossietzky kennen und arbeitet im Verlag seiner Brüder mit, wo die Werke des Schlagerkomponisten Franz Grothe betreut werden - kaum sind jedoch die Geschäfte angelaufen, kommen 1933 die Nationalsozialisten an die Macht. Sofort wird der Franz-Grothe-Schlager Es ist alles Komödie - es ist alles nicht wahr verboten. Gorlinskys Brüder verlassen umgehend Deutschland, und auch er selber verliert seine Arbeit und muß auf Berliner Parkbänken übernachten.

Da mehrfache Gesuche seines Vaters auf Erteilung der deutschen Staatsangehörigkeit für die ostjüdische Familie bereits in der Weimarer Republik dreimal vom zuständigen Reichsrat abgelehnt worden sind, bleibt auch dem staatenlosen Peter Gorlinsky nichts anderes übrig, als sich ohne Papiere durchzuschlagen. Er hält sich vorübergehend in Luxemburg auf und arbeitet als Journalist für die dortige Rundfunkstation, erhält jedoch auch hier keine Aufenthaltserlaubnis, taucht kurzfristig unter; gelangt über Metz und Bordeaux nach Paris und von dort schließlich nach Wien. 1938 folgt der Anschluß Österreichs - und Peter Gorlinsky wird wieder ins Deutsche Reich abgeschoben, von der Gestapo verhaftet und zwei Wochen tagtäglich wegen seiner Tätigkeit in Wien als Sekretär der Geigenvirtuosin Alma Rosé, einer Nichte Gustav Mahlers, und damit verbundener Kontakte zu Nazi-Gegnern und Exilanten verhört.


Von seinen bereits in Argentinien lebenden Brüdern erhält Gorlinsky schließlich eine Einreise-Erlaubnis nach Uruguay und entscheidet sich nach längerem Zögern dann doch, gemeinsam mit seiner damaligen Lebensgefährtin und deren Sohn, 1937 zur Emigration an den Rio de la Plata. In Uruguay schlägt er sich in den folgenden Jahren mit diversen Jobs durch - eine Zeit der "absoluten geistigen Ebbe", wie er diese Phase seines Lebens später selber nennen wird.

Mitte der sechziger Jahre übersiedelt die Familie von Montevideo nach Buenos Aires und Peter Gorlinsky erhält eine Korrektor-Stelle beim Argentinischen Tageblatt, jener Zeitung, in der auch und vor allem Emigranten und Nazi-Gegner in den 30er und 40er Jahren eine publizistische Heimat gefunden haben:


"Ich habe sie gelesen seit 1937. Mich hat interessiert, daß dieser Dr. Ernesto Aleman, das war der einzige Mann in der Welt, der den Juden Trost gegeben hat! Jeden Tag hat er ihnen gesagt - er marschierte immer weiter vorwärts, Hitler, dann überfiel er das, dann überfiel er das Land: Nichts, gar nichts! Der wird genauso kaputt gehen wie all seine Vorgänger..."


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© Ulrike Müller


Kaum drei Wochen nach seinem Eintritt in die Redaktion steigt Gorlinsky zum Chefredakteur auf, nicht zuletzt auch durch sein journalistisches Engagement für die Frau des Industriellen und Judenretters Oskar Schindler.

"Er wurde gefeiert, nicht wahr: Vater Courage, wurde er genannt, Vater Courage und so weiter. Und da schrieb ich den Artikel: Und was geschieht mit Mutter Courage? Und da schilderte ich, daß sie hier in Buenos Aires lebt, im Verhungern lebt, kaum noch überhaupt da ist..."


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© Ulrike Müller


Noch bis ins hohe Alter kommt Peter Gorlinsky regelmässig zur Arbeit.

"Bis September 1995 war er täglich in der Redaktion und hat sie mit preußischer Disziplin und journalistischer Erfahrung geführt. Schon geschwächt, auf dem Krankenbett, begutachtete er die Seite eins der Zeitung mit gewohnter Routine.
Als Peter Gorlinsky am 27. November nach kurzer Krankheit starb, hat er eine große Lücke, aber auch ein Vermächtnis im Argentinischen Tageblatt hinterlassen. Seine Ideen und sein Geist sind auch in der verjüngten Redaktion des Argentinischen Tageblatts präsent. Sein Werk wird in der einen oder anderen Form weitergeführt."

(Stefan Kuhn, Argentinisches Tageblatt, Jubiläumsausgabe, 29. April 1996)

Den vollständigen Artikel können Sie hier herunterladen (PDF)

Das Argentinische Tageblatt, die freisinnig-liberale Stimme eines anderen Deutschlands, das in der NS-Zeit wegen seiner kompromisslosen Haltung gegenüber dem Hitler-Regime sechs von der Deutschen Botschaft in Argentinien eingeleitete Prozesse überstand und unter Perón sowohl Papierrationierungen als auch die vorübergehende Schliessung der Druckerei hat hinnehmen müssen, sieht sich Anfang der neunziger Jahre aus ökonomischen Gründen gezwungen, die eigene Druckerei zu schließen. Seither beschränkt sich der Verlag ausschliesslich auf die Herausgabe der einzigen deutschsprachigen Zeitung in Argentinien, die auch über das Internet abrufbar ist.
Der Artikel zum Herunterladen sowie die Fotos wurden der Exil-Archiv- Redaktion freundlicherweise von Dr. Roberto T. Alemann, Direktor des Argentinischen Tageblatts, zur Verfügung gestellt.