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Fluchtwege und Exilstationen הדפסה דוא
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Exilstation Shanghai
Nahezu 17.000 Juden aus Deutschland, Österreich, Tschechoslowakien, Ungarn und einigen anderen Ländern überlebten den Holocaust in Shanghai. Die Mehrzahl der Flüchtlinge kam 1938 nach der Reichskristallnacht und im Jahre 1939 als die Verfolgung der jüdischen Bürger in Deutschland sie massiv aus dem Land trieb, nach Shanghai: der einzige Ort, der ohne Visum und Geldnachweis für Verfolgte bis August 1939 in Frage kam. Danach schlossen sich auch die Türen Shanghais und nur noch Vereinzelte konnten sich dorthin retten.
Flucht nach Shanghai - Überblickstafeln
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Die Emigration jüdischer Deutscher und Österreicher nach Shanghai als Verfolgte im Nationalsozialismus

Autoren: Wiebke Lohfeld und Steve Hochstadt


Wohl kaum ein Ort, zu dem Juden im Laufe der nationalsozialistischen Verfolgung flohen, war derart berüchtigt wie Shanghai. Shanghai, das war ein Ort voller unbekannter Größen, ein Ort voll von fremden Kulturen, fremden Speisen, fremden Sprachen, Religionen und Gebräuchen. Der Stadt haftete zwar das Flair einer internationalen Handelsstadt an, aber es war weit entfernt von Deutschland und Österreich, befand sich im fernen Asien, das niemand eigentlich freiwillig bereisen wollte. So war Shanghai für jüdische Flüchtlinge Ende der 30er Jahre der letzte Ort, den sie ansteuerten, die letzte Zuflucht. [1]

Im folgenden sollen die Zusammenhänge, die dazu führten, dass ca. 17.000 deutschsprachige jüdische Flüchtlinge nach Shanghai gelangten und dort für nahezu 10 Jahre blieben, genauer erläutert werden. Der Fokus liegt dabei auf zwei wesentlichen Aspekten: 1) auf der Situation der Juden im Deutschen Reich unter den Nationalsozialisten in den Jahren 1938 bis ca. 1940 und 2) auf den Voraussetzungen in Shanghai und den Entwicklungen dort während des Aufenthaltes der jüdischen Flüchtlinge bis zur Errichtung der kommunistischen Republik China im Jahre 1949. [2]
Ich werde für die Darstellung auf Lebensberichte von jüdischen Emigranten zurückgreifen, die Historie mit Lebensgeschichten füllen, um den historischen Stimmen eine Bedeutung zu geben, die uns mehr erfahren lassen, als es bloße Fakten vermögen. Wir sprechen hier von einem Teil deutscher Geschichte, der nicht von den betroffenen Personen getrennt gedacht werden kann, sind doch die Einwirkungen auf die gesamte europäische Geschichte und Menschen in vielen Erdteilen immer noch präsent und einflussreich. [3]
Wollen wir also Geschichte begreifen, müssen wir uns dem stellen, was die Menschen, die sich in den Mühlen der Historie bewegten, darin gestaltet haben, wie sie handelten, was sie innerlich bewegte. Daran schließen sich dann Fragen an, die man ohne die je individuellen Erlebnisse und Eindrücke eventuell nicht gestellt hätte. [4]
So z.B. Iris Kuritz’ Bericht über ihre Verluste: [5]
„Jetzt müssen wir ein neues Leben führen! [...] ich bin doch deutsch, ich war so stolz, dass ich Deutsche war. Und dann plötzlich kriegst Du einen auf den Kopf und sagst: 'Du bist Jude und bist gar nischt, ein Dreck.' (Interview mit Steve Hochstadt 1994, Shanghai Jewish Community Oral History Project, Bates College). [6]
Was bedeutete es für deutsche Juden verfolgt zu sein, als Deutsche nicht mehr angesehen zu werden und einen großen Teil ihrer nationalen Identität abgesprochen zu bekommen?
Neben dem Fakt, dass es unter den Nationalsozialisten für Juden keine Anerkennung als Deutsche mehr gab, gesellte sich die Einwirkung auf die Personen, die daraufhin zum Handeln gezwungen waren – und zwar nicht nur, um schlicht ihr Leben zu retten, sondern auch, um ihrer selbst Willen. Iris Kuritz gehört zu den sogenannten Shanghailändern, sie ist im Jahre 1939 von Deutschland nach Shanghai gelangt. [7]

[1]
Dass Shanghai als letzter Zufluchtsort von den deutschen und österreichischen Flüchtlingen angesehen wurde, wird in den vielen publizierten Lebensberichten von jüdischen Emigranten, die nach Shanghai geflohen sind, erwähnt. So z.B. Michael Blumenthal in dem Band 'Leben im Wartesaal’, der zur gleichnamigen Ausstellung des Jüdischen Museums Berlin im Jahre 1997 erschienen ist. (Schriftenreihe des Jüdischen Museums, Berlin 1997).

[2]
Die Zahl 17.000 ist allgemein umstritten. Die unterschiedlichen Quellen verweisen auf 10.000 bis zu 30.000 Flüchtlinge aus Europa, die in Shanghai Zuflucht fanden. Allgemein hat man sich aber darauf geeinigt eine Zahl zwischen 15 und 18.000 anzunehmen, die mit den vorzufindenen Listen der Hilfsorganisationen, sowie dem Shanghaier-Emigranten-Adressbuch in Einklang kommen (vgl. Freyeisen 2000, S. 400, Hochstadt 1997)

[3]
Pseudonym. Sämtliche Namen in Bezug zu Interviews mit Steve Hochstadts werden im folgenden anonymisiert präsentiert.

[4]
Die erste Fluchtwelle entstand direkt nach Hitler’s Machtergreifung. Nahezu 40.000 Menschen flohen aus Deutschland, zumeist politisch Verfolgte, die in der Anfangszeit noch mehr gefährdet waren als die jüdischen Bürger. Erst ab 1937 begann in großem Umfang die jüdische Emigration in die USA und anderer Länder. Den Höhepunkt erreichte die Fluchtbewegung der als Juden Verfolgten erst nach der Reichskristallnacht (vgl. Kreuter 2001, Burleigh 2000).

[5]
Bis September 1939 wurden Juden zur Ausreise gezwungen, z.B. durch Verhaftungen und Freilassungen bei Vorlage eines Ausreisetickets. Mit der Eroberung Polens und der Erweiterung des Deutsches Reiches in den Osten Europas wurden jüdische Bürger dorthin deportiert und in den folgenden Jahren umgebracht (vgl. Burleigh 2000, Enzyklopädie des Nationalsozialismus 2001).

[6]
Initiiert wurde die Konferenz von dem US-amerikanischen Präsidenten Roosevelt, als sich die Lage aufgrund der Vertreibungsstrategie der Nationalsozialisten für die aufnehmenden Staaten zuspitzte.

[7]
Der Nachweis von Vermögen (USA, Palästina, Großbritannien, Argentienien usw...) war z.B. für die vielen enteigneten und berufslosen Juden kaum möglich (vgl. Löber 1997).


1935 Nürnberger Gesetze
1937 Verbot der Ausfuhr von mehr als 10 RM, Einführung der Reichsfluchtsteuer, zunehmende Plünderung jüdischer Vermögen
1938 Besetzung Österreichs, antisemitsche Ausschreitungen in Österreich, Flucht aus Österreich nach Shanghai beginnt
Juni 1938 Evian-Konferenz, 32 Nationen verschließen sich weiterer Emigrantenzuströme
9. November 1938 Pogrome gegen Juden im ganzen Land, Synagogen und jüdische Geschäfte zerstört, jüdische Männer verhaftet, Flucht der als jüdisch verfolgten Bürger aus Deutschland beginnt
Dezember 1938 Fünf Minister Konferenz in Tokyo. Japan verfolgt keine antisemitische Haltung und gibt Visa für jüdische Emigranten aus
September 1939 Besetzung der Westerplatte vor Danzig und damit Kriegsbeginn Deutschlands mit Polen
Juni 1940 Eintritt Italiens in den Krieg an der Seite Deutschlands. Damit war die Seeroute nach Shanghai von Italien aus nicht mehr möglich
Dezember 1941 Eintritt Japans in den Krieg, Übernahme der bis dahin noch freien Teile der Stadt Shanghai durch die Japaner
Februar 1943 Proklamation der Designated Area durch die Japaner: Einrichtung des Ghettos in Hongkew.
Mai 1945 Kriegsende in Europa
17. Juli 1945 Ein amerikanischer Bombenangriff auf Shanghai trifft auch das Ghetto: 31 Emigranten sterben, etliche andere sowie chinesische Bewohner werden verletzt.
6. August 1945 1. Atombombe trifft Hiroshima in Japan
9. August 1945 2. Atombome trifft Nagasaki in Japan
15. August1945 Japan ergibt sich und der Pazifikkrieg ist damit zu Ende
22. August 1945 Das Hongkewer Ghetto wird von den Japanern geräumt, Amerikaner besetzen Shanghai
1. Oktober 1949 Ausruf der Volksrepublik China

 


Die Redaktion des Exil-Archivs dankt den beiden Autoren für die Erarbeitung der autobiografischen Erinnerungen und historischen Fakten zum Thema Exil in Shanghai. Klicken Sie bitte hier, um weiterzulesen...