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Betteln ist eine sehr unangenehme Sache,  betteln aber und nichts bekommen ist noch unangenehmer. (Heinrich Heine)

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NEU ERÖFFNET: MAX PECHSTEIN-MUSEUM IN ZWICKAU

In den Kunstsammlungen seiner Heimatstadt findet das Lebenswerk des gebürtigen Zwickauers Max Pechstein nun einen eigenen Ausstellungsort. Seit dem 12. April 2014 werden knapp 50 Werke aus Pechsteins gesamter Schaffenszeit...

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Gedichte von Nâzım Hikmet Drucken E-Mail
Ich liebe mein Land…

Ich liebe mein Land:
schaukelte an seinen Platanen, saß in seinen Gefängnissen.
Nichts sonst kann mir das Gefühl der Bedrückung nehmen als die Lieder und der Tabak meiner Heimat.
Mein Land:
Bedreddin, Sinan, Ynus Emre und Sakarya,
bleierne Kuppeln und Fabrikschlote
sind die Werke meines Volkes, das sein Lachen
hinter dem hängenden Schnurbart sogar vor sich selbst verbirgt
Mein Land:
Wie weit gespannt es doch ist;
reist man, so kommt es einem endlos, unendlich weit vor.
Edirne, Izmir, Ulukisla, Maras, Trabson, Erzurum.
die Hochebene von Erzurum kenne ich nur aus ihren Liedern
und schäme mich,
dass ich nicht ein einziges Mal den Taurus nach Süden überquerte,
um zu den Baumwollarbeitern zu kommen.
Mein Land: Kamele, Eisenbah, Autos von Ford und kranke Esel,
Pappeln, Weiden und die rote Erde.
Mein Land: die Forelle, die die Kiefernwälder, die süßesten Wasser und die Bergseen liebt,
schwimmt pfundschwer, mit roten Flecken auf der schuppenlosen, silbernen Haut,
im Aband-See von Bolu.
Mein Land: Ziegen auf der Ebene von Ankara:
Das Glänzen ihres hellbraunen, langen, seidenen Fells.
Die ölige, schwere Haselnuß von Giresun.
Der Apfel von Amasya mit seinen herrrlich duftenden roten Wangen,
Oliven, Feigen, Zuckermelonen und Wein in ganzen Trauben
und in all seiner Farbenpracht
und dann der Holzpflug
und dann das schwarze Rind
und dann: meine Menschen, fleißig, ehrlich, tapfer,
bereit,
alles Fortschrittliche, Schöne, Gute mit der Freude eines entzückten Kindes anzunehmen,
halb verhungert, halb satt,
halb versklavt…

(1939)

Autobiographie

1902 bin ich geboren
kehrte nie wieder in meine Geburtsstadt zurück
ich kehre nicht gerne zurück
mit drei war ich der Enkel eines Paschas in Aleppo
mit neunzehn Student der Kommunistischen Universität in Moskau
mit neunundvierzig wieder in Moskau als Gast des ZK der Partei
und seit meinem vierzehnten Lebensjahr dichte ich
manche Menschen kennendie Arten der Gräser manche die der Fisch
ich die der Trennungen
mancher kann auswendig die Namen der Sterne aufzählen
ich die der Sehnsüchte
ich saß in Gefängnissen unf übernachtete auch in großen Hotels
ich hungerte lag im Hungerstrei und es gibt fast keine Speise die ich nicht kostete
mit dreißig wollten sie mich hängen
mit achtundvierzig mit den Friedenspreis geben
den ich auch bekam
mit sechsunddreißig durchmaß ich in einem halben Jahr vier Quadratmeter Beton
mit neununfünfzig flog ich in achtzehn Stunden von Prag nach Havanna
Lenin habe ich nicht gesehen hielt jedoch Wache vor seiner Bahre 1924
sein Mausoleum das ich 1961 besuchte waren seine Bücher
sie erdreisteten sich mich von meiner Partei zu trenne
es mißlang
auch die einstürzenden Götzen erschlugen mich nicht
1951 fuhr ich mit einem jungen Freund auf dem Meer dem Tod entgegen
1952 lag ich vier Monate mit zerrissenem Herzen auf dem Rücken und wartete auf den Tod
auf die Frauen die ich liebte war ich rasend eifersüchtig
beneidete sogar Charlie kein bißchen
betrog meine Frauen
redete aber nicht hinter dem Rücken meiner Freunde
ich trank war aber kein Säufer
ich verdiente mein Brot immer im Schweiß meines Angesichts was für ein Glück
ich schämte mich für andere log
log um andere nicht zu kränken
aber ohne Grund log ich auch
ich stieg inden Zug ins Flugzeug ins Auto
die meisten können das nicht
ich ging in die Oper
die meisten können das nicht haben nicht eimal das Wort Oper gehört
an manche Orte die die meisten besuchen bin ich seit 1921 nicht mehr gegangen
in die Mosche die Kirche den Tempel die Synagoge zum Zauberer
es kam jedoch vor daß ich mir aus dem Kaffeesatz wahrsagen ließ
was ich schreibe wird in dreißig bis vierzig Sprachen gedruckt
in meiner Türkei in meinem Türkisch ist es verboten
an Krebs bin ich bisher noch nicht erkrankt
das muß auch nicht sein
Ministerpräsident oder dergleichen werde ich sicher nicht
es liegt mir auch nichts dran
außerdem war ich nicht im Krieg
rannte auch nicht in die Bunker um Mitternacht
wurde auch nicht von den Stukas über die Straßen gejagt
doch mit fast sechzig habe ich mich verliebt
kurzum Genossen
sollte ich heute in Berlin vor Kummer zugrunde gehn
so kann ich sagen dass ich als Mensch gelebt habe
und wer weiß
wie lange ich nochlebe
was ich noch alles erleben werde

(Ostberlin 1961)

Hinter mir liegen 13 Jahre Gefängnis

Hinter mir liegen 13 Jahre Gefängnis,
vor mir noch 17,
eine Fahne flattert über mir – blutrot.
Eine Frau liebe ich –
weiß wie Milch,
ein Lied singe ich –
hoffnungsvoller als die anderen.
In meinem Lied die Freude, die Trauer, der Sieg meiner Menschen,
und in meiner Hand die Hand meiner Frau, die mich nicht berühren kann.

(1950)

Ich schließe die Augen

Ich schließe die Augen:
du bist bei mir in der Dunkelheit,
liegst auf dem Rücken,
im Dunkel bilden deine Stirn, deine Handgelenke ein goldenes Dreieck.
In meinen geschlossenen Lidernbist du, meine Liebe,
in meinen geschlossenen Lidern sind Melodien.
Das Leben mit dir hat jetzt dort begonnen.
Nichts ist mehr da aus der Zeit vor dir,
was nicht auch dein ist.

(1947)

Das Mädchen

Ich, ich klopfte an eure Tür,
an jede, eine nach der andern.
Ihr könnt mich nicht sehen.
Tote sind unsichtbar.

Seit ich in Hiroshima starb,
ist es zehn Jahre her.
Ich bin ein M”dchen von sieben Jahr,
tote Kinder wachsen nicht mehr.

Zuerst fing Feuer mein Haar,
dann sind mir die Augen verbrannt,
bis ich zu einer Handvoll Asche wurde,,
die durch die Luft wirbelte.

Für mich verlange ich
nichts von euch, nichts.
Ein Kind, das wie Papier brannte,
kann nicht einmal mehr Bonbons essen.

Ich klopfe an eure Tür,
Tante, Onkel, eine Unterschrift nur.
Damit Kinder nicht mehr getötet werde
und auch Bonbons essen können.

(1956)

Noch einmal von der Heimat

Meine Heimat, o meine Heimat, meine Heimat,
es blieb mir nicht einmal eine Mütze übrig von deiner Hand,
kein Schuh mit deiner Erde,
dein letztes Hemd auf meinem Rücken ist schonlange abgetragen,
es war aus Sile-Tuch.
Du bleibst jetzt nur noch im Grau meines Haares,
in meinem Herzinfarkt,
in den Runzeln meiner Stirn, meine Heimat,
o meine Heimat,
meine Heimat…

(1958)

Unablässig arbeitet mein Kopf

Unablässig arbeit mein Kopf
unablässig bringt er Sie hervor
und mit Händen die nicht berühren ziehe ich Ihnen
Ihr grünes Kleid úber Ihre weiße Nacktheit.

(Bursa 1948)

Mein Liebling

Mein Liebling
wenn ich dich belüge
so soll mir die Zunge brechen
und es soll ihr das Glück versagt bleiben zu sagen “ich liebe dich”

Mein Liebling,
wenn ich dir Lügen schreibe
so sol mir die Hand verfaulen
und es soll ihr die Freude versagt bleiben dich zu streicheln

Mein Liebling,
wenn dich meine Augen belügen,
so sollen sie zwei reumütige Tränen mir in die Hände fallen
und dich nie mehr sehen…

(1949)

Ich bin an der Reihe

Ich bin an der Reihe
werde jäh ins Leere springen
nichts spüren von meinem verwesenden Fleisch
den Würmern die sich tummeln in meinen Augenhöhlen.
Ohne Rast denke ich an den Tod
also bin ich bald an der Reihe.

Mein Begräbnis

Ob mein Begräbnis von unserem Hof aus beginnt?
Wie wollt ihr mich nur vom dritten Stock hinunterbekommen?
In den Aufzug paßt der Sarg nicht hinein,
und die Treppen sind viel zu schmal.

Vielleicht ist der Hof von Sonne und Tauben erfüllt,
vielleicht schneit es auch und Kinder kreischen,
vielleicht regnet es, regnet des Asphalt naß.
Und die Mülltonnen stehen auf dem Hof, wie immer.

Wennman mich nach hiesigem Brauch mit verdecktem Gesicht auf den Lastwagen hebt,
fällt mir vielleicht ein Taubenklecks auf die Stirn: Das bringt Glück.
Ob eine Kapelle kommt oder nicht, die Kinder kommen bestimmt,
die Kinder interessierensich für die Toten.
Unser Küchenfenster wird mir nachsehen.
Unser Balkon mit der Wäsche darauf wird Abschied nehmen von mir.
Ihrkönnt nicht ermessen, wie glücklich ich war in diesem Hof.
Meine Hofnachbarn

(April 1963