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NEU ERÖFFNET: MAX PECHSTEIN-MUSEUM IN ZWICKAU

In den Kunstsammlungen seiner Heimatstadt findet das Lebenswerk des gebürtigen Zwickauers Max Pechstein nun einen eigenen Ausstellungsort. Seit dem 12. April 2014 werden knapp 50 Werke aus Pechsteins gesamter Schaffenszeit...

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Der Fenstergucker von Phnom Penh

Michael Pand

Wenn ein Staat 8 Mio Einwohner zählt (Kambodscha vor 20 Jahren), wenn in diesem Land seit jeher ein mächtiger Strom fließt (Mekong), von Nordwesten nach Südosten, wenn sich die Hauptstadt (Phnom Penh) nur wenige Kilometer von der kommunistischen Ostgrenze befindet (Vietnam), wenn auch der nördliche Nachbar  sozialistisch ist (Laos), wenn hingegen der westliche Nachbar (Thailand, 60 Mio Einwohner) ähnlich groß wie Westdeutschland vor 1989 ist und sich so pro-amerikanisch verhält wie dieses nach dem 2.Weltkrieg, wenn im Süden das Meer lockt, spätestens dann wird der  österreichische Winterflüchtling  zwangsläufig, weil Struktur determiniert, von Heimat und Herkunft eingeholt.

Hinzu kommt, dass den Khmer-Dynastien, aus denen das Königreich Kambodscha im 19. Jh. als französisches Protektorat entstand, eine  geografische Ausdehnung und geschichtspolitische Bedeutung zukam die jederzeit mit dem Habsburgerreich vergleichbar ist. Zuletzt noch die Schicksalsstunde des Staates in der jüngeren Geschichte : nahezu zeitgleich, als in Österreich der Staatsvertrag unterzeichnet und der letzte russische Besatzungssoldat verabschiedet wurde, begann die große Tragödie von Kambodscha. Um nur irgendwie aus der Schusslinie des schwelenden Vietnamkrieges raus zu kommen, just im Jahr 1955, hat sich Österreichs unbekannter Alter Ego, mit dem wir noch niemals irgendwelche diplomatischen, missionarischen oder offiziellen Beziehungen pflegten, für  „immerwährend neutral“ erklärt; und damit seine eigene Katastrophe eingeleitet. Denn von nun an bombardierten die Amerikaner das völlig auf sich selbst gestellte Kambodscha vom Westen, während der Viet-Cong das Land dazu benutzte um nach Süden zu marschieren.

Saleth Sar, der sich später Pol Pot nannte war ein junger Kambodschaner und gewann 1949 ein Stipendium für Radio-Elektronik nach Paris an die Sorbonne. Ebendort muss dem asiatischen Studenten die hybride Idee einer totalen, maoistischen Kulturrevolution in seiner Heimat, die rigorose Zerstörung der zaghaft beginnenden Industriealisierung, ebenso die Abschaffung des gesamten, nationalen Geldwesens zugunsten eines „reinen Bauernstaates“ zu Kopf gestiegen sein. Nicht unähnlich, wenngleich wiederum seitenverkehrt, mit Hitlers erfolgloser Aufnahmeprüfung an der Wiener Kunstakademie und dessen Wahnwitz eines „reinen Arierstaates“ vergleichbar. Beide wurden durch geschichtliche Irrläufe, der eine durch das Ende der Weimarer Republik, der andere durch den Abzug der Amerikaner aus Vietnam an die Macht gespült.

Um nicht in den Verdacht eines radikalen Essay-Konstruktivismus zu gelangen möchte der Verfasser ab jetzt mit der binären, gegen-spiegelnden Historie Cambodia/Austria, auch bettelarm : Österreich, vorläufig enden und sich, rund 20 Jahre nach dem kambodschanischen Kriegsende, dem eine erfolgreiche UN-Friedensintervention um 1992 vorausging, der aktuellen Wirklichkeit in Phnom Penh, also Prostitution, Sextourismus, NGO`s und Gutmenschen, auch Kulturtouristen, letztere aber eher in Angkor Wat, zuwenden.

Ich war in allen genannten Funktionen schon öfters hier, musste mir aber ein neues Hotel suchen. Davon gibt es mittlerweile genug, das Khmer City Hotel entspricht in Wien einer 3-Sterne Qualität, kostet jedoch nur 25 Dollar, was dem durchschnittlichen Preisniveau  1:10, entspricht. Die Löhne und Einkommen der Kambodschaner kann man auf ein Fünfzigstel von österreichischen Einkommen schätzen. Im Zimmer steht mir Kabel TV, Free WIFI und ein großes Fenster zur Beobachtung des nächtlichen Treibens auf der Straße zur Verfügung.

Nach Einbruch der Dunkelheit verwandelt sich die ganze Stadt in ein Bordell. Schon tagsüber würde ein Soziologe von „maximalem Ramsch-Fetischismus“ sprechen. Denn ein Land in welchem, einzigartig, zwischen 1975 bis Ende 1978 der staatliche Versuch unternommen wurde nicht nur das Geld sondern den Warenmarkt insgesamt abzuschaffen, hat extremen Nachholbedarf an Gebrauchsdingen aller Art.

Am freien nächtlichen Liebesmarkt können, demokratisch einwandfrei, alle teilnehmen die Geld haben, also nicht nur westliche Sextouristen. An nahezu jeder Straßenecke, in unzähligen, rot beleuchteten Hütten und neuerdings vom vorbeifahrenden Moped weg bieten sich hauptsächlich Frauen, in geringerer Zahl Transvestiten, Ladyboys, im durchwegs erlaubten Alter, nicht unter 16, zum Sex an oder üben ihre autodidaktisch erworbenen  Sprachkenntnisse mit einem fröhlich vorgetragenen „Happy New Year“. Das Tauschgeschäft Sex (Liebe) entspringt überall in Südostasien einer Jahrtausend alten Tradition und scheint mit der Erfindung von Papiergeld (China, Song-Dynastie, 960 nach Chr.) zu konvenieren. Hier sei nur daran erinnert, dass für Buddhisten grundsätzlich, und im scharfen Gegensatz zum Christentum, der Geschlechtsverkehr nicht als Sünde a priori aufgefasst wird. Moral, Tugend, Gut und Böse sind durch Religion und Philosophie entscheidend anders kulturell eingefärbt als man im Vatikan resp. bei Katholiken glauben möchte.

Wenn daher in Phnom Penh nach Einbruch der Dunkelheit der Fremde mit „Happy New Year“ angesprochen wird, und Kambodschaner feiern Happy New Year vom Dezember bis März, nämlich das christlich-gregorianische, das chinesische und das buddhistisch-kambodschanische Neujahr, dann  entspricht der weibliche Lockruf   nach Auffassung des Schreibers den (post)industrialisierten, allseits bekannten Überraschungsanrufen:  „ mein Name ist Anita..., der Zufallsgenerator hat SIE ausgewählt...ich rufe SIE im Namen von... Heizdecken, Glücksspiel, Handytarife etc. an und möchte mit IHNEN....am liebsten sofort ins Geschäft kommen, abschließen, einen Gewinn machen. Umgekehrt und völlig im Widerspruch zum Überangebot dort wie hier sieht man jedoch wenig Kunden, die Trefferquote stagniert, der Markt scheint übersättigt.  Früher organisierten die Vietnamesen den kambodschanischen Sexmarkt zu Dumpingpreisen. Die bei westlichen Sextouristen besonders beliebte „Short time“ also Sex für etwa eine Stunde, belief sich einheitlich und preisreguliert in ganz Phnom Penh auf 5 Dollar. Das „ 5-Dollar-Taxigirl“ war seinerzeit eine gängige Berufsbezeichnung, eine Art New Age-Beruf, ihr durchschnittliches Einkommen entsprach vom Kaufwert in Kambodscha locker demjenigen österreichischer Mindesteinkommensbezieher, beziehungsweise dem gängigen Kollektivvertrag in Wiener Callcentern. Nun sind es aber keine Vietnamesinnen mehr, es reüssieren Kambodschanerinnen, inflationsbedingt wurden aus den fünf in wenigen Jahren 20-30 Dollar.

Der Sextourismus insgesamt, und da folge ich nur Michel Houllebecq´s Buch Plattform wäre an sich harmlos und geradezu völkerverbindend, jedenfalls hundertmal besser als sein mediales Image, wenn er nicht nach den banalen Schemata der Ökonomie, sondern nach erotischen Regeln die aus Kunst und Kultur abgeleitet werden, ausgeübt würde. In unzählig vielen Fällen haben europäische, australische, japanische und amerikanische Mindestrentner als Sextouristen und Womanizer das große Glück zum Lebensabend in der III.Welt gefunden. Denn im selben Ausmaß wie ganz Eur-OPA an der Überalterung sein gesellschaftliches Hauptproblem erkennt, gibt es überall in Asien das Problem Geburtenüberschuss. Die einen wollen beim Sonnenuntergang des eigenen Lebens nochmals menschliche, fleischige Wärme gegen ihr erspartes Geld eintauschen, die andern aber bei Sonnenaufgang wieder ein Stück Fleisch im Suppenteller vorfinden.

Abgesehen von Prostitution lässt sich in Phnom Penh seit 20 Jahren auch ein enormer Massentourismus von Gutmenschen aus aller Welt beobachten. Damit sind die unzähligen NGO`s, internationale Organisationen gemeint die sachliche, praktische Hilfestellung leisten. Der DED (Deutscher Entwicklungsdienst) nennt  deren  Anzahl „unüberschaubar groß“. 2007 kam das deutsche „Meta House“, ein architektonisches Juwel in Form eines White Cube hinzu, das als Kulturinstitut gemeinsam mit dem Goethe-Institut deutsche Sprachkurse, Filme, Ausstellungen in einer offenen Agora anbietet. Baukosten: 200.000 Euro, nach Auskunft des Berliner Direktors Nico Mesterharm.

Auch Österreich bietet neuerdings, nach einem Brief des Botschafters Dr. Peterlik, November 2011: „Liebe Österreicher in Thailand, Laos und Kambodscha“ ein spezielles  Kulturservice in Form eines durch die  Botschaft Bangkok versandten Newsletters mit „Infos aus Österreich“ an.  Innovativ und weltbürgernah werden  Zeitungsmeldungen im BM für auswärtige Angelegenheiten in Wien etliche Wochen angesammelt, kopiert und danach in stark verkürzter Form, einen Monat später mit dem PC der Botschaft  als Newsletter an Interessenten verschickt.  Das ist zweifellos die denkbar billigste Variante mit der sich der staatliche Kulturauftrag überhaupt erfüllen lässt. (Prostituierte in Phnom Penh sprechen bei ihrem Geschäft von „Cheap-Charly-Productions“).

Doch erhebt sich die Frage, wieso jemand der zum Bezug des Newsletters aus der fernen Heimat mindestens einen Internetanschluss bereits haben muss oder öfters im Internetcafe sitzt, die für ihn ministeriell editierten Zeitungsmeldungen nicht selber schon einen Monat vorher, vollständig und online liest ?.

Jeder Fernsehbild-Zuseher, ebenso jeder Zeitungsleser oder Empfänger eines Newsletters  bleibt nach Auffassung und Systemtheorie des großen Niklas Luhmann ein Beobachter 2.Ordnung insofern, da er am Seins-geschehen nur sekundär, in Form von gemachten, hergestellten, geschnittenen  Bildern oder redaktionell gekürzten Sätzen partizipiert (beobachtet). Ein Beobachter 1. Ordnung wäre ein solcher, der die empfangenden Zeichen (Bilder, Sätze) gleichzeitig und vollständig, noch während des  Empfangs geradezu schaffen, lenken, verändern könnte. Daher ist eine solche Position „Beobachter 1.Ordnung“ nur theoretisch,  in der Wirklichkeit des Lebens  aber sehr schwer denkbar, noch schwieriger darstellbar, denn Erleben (subjektiv) und Handeln (gemeinsam) fallen für den Beobachter 1.Ordnung zusammen, d.h. sie bilden einen einzigen Fall.

In Phnom Penh, wenn man sich nur ein Stück aus dem Fenster rauslehnt könnte man ohne weiteres, mittels eines 20-Dollarscheins in das nächtliche Geschehen (weltbildend) eingreifen, zum Beispiel indem man ad hoc ein Kind mit einer Kambodschanerin zeugt. Ebenso nähert sich, weltweit, jeder Internet Windows-Benutzer der bloggt, Bittbriefe schreibt oder mittels Kreditkarte online spendet und vielleicht damit Menschenleben rettet der schwierigen, mysteriösen, weil gottähnlichen Position einer Beobachtung 1.Ordnung an.

Das alles scheint Meister Anton Pilgram, der Künstler, auch schon gewusst zu haben als er sich nach Fertigstellung des Stephansdoms  in Stein verewigte.

Flagge der Khmer Rouges

khmer_rouges

© Michael Pand, studierte viele Jahre bei Prof. Peter Sloterdijk Philosophie und Medientheorie.


“Mit größtem Interesse verfolge ich die Entwicklung Ihrer äußerst verdienstvollen website www.exil-archiv.de , zu der ich Ihnen vielmals gratulieren möchte.“ Dr. phil. Klaus Johann, Münster

 


“Ihr virtuelles Exil-Archiv finde ich eine gute Sache.“

Gottfried Plehn
Max-Planck-Gesellschaft, München
Ref. Für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit


“Ich habe mich sehr gefreut, einen Artikel über den Komponisten Franz Schreker auf Ihren sehr informativen und ansprechend präsentierten Seiten zu finden... Unabhängig davon werde ich Ihre Website in den nächsten Tagen auch auf meiner eigenen Webseite verlinken, da ich das Projekt "Exil-Archiv" für äußerst unterstützenswert halte.“

Jürgen Klein, Frankfurt/ M.


“Gestern habe ich ausführlich das Exil-Archiv besucht, die Präsenz mehrerer Sprachen macht die Website noch lebendiger...“

Dr. Phil. Cornelia Frenkel/ Freiburg


“Mit freundlichem Gruß und den besten Wünschen für Ihre wirklich tolle Archiv-Arbeit!“

Dr. Johannes Abresch, Gevelsberg


“Mit Interesse habe ich die Kurzbiographien angesehen und gelesen. Ich finde das eine sehr schöne und lobenswerte Initiative...“

Prof. Christoph Perleth
Prof. für Pädagogische Psychologie
Universität Rostock


“Übrigens finde ich die Exil-Archiv-Seite gut – übersichtlich und kompakt – informativ. Eine wahre Fundgrube für Leute wie mich, die ständig recherchieren, suchen, überlegen, kreieren.“

Annette König
k ö n i g PR
Hamburg


“Sehr geehrte Damen und Herren,
bin gerade auf Ihre Internet-Seite gestoßen. Eine wunderbare Seite einer wichtigen Initiative!“

Ulrich Elshorst, Bonn