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NEU ERÖFFNET: MAX PECHSTEIN-MUSEUM IN ZWICKAU

In den Kunstsammlungen seiner Heimatstadt findet das Lebenswerk des gebürtigen Zwickauers Max Pechstein nun einen eigenen Ausstellungsort. Seit dem 12. April 2014 werden knapp 50 Werke aus Pechsteins gesamter Schaffenszeit...

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Bodek, Karl Robert Drucken E-Mail
Karl Robert Bodek
Zeichner und Fotograf

Geb. 13.4. 1905 in Czernowitz/ Österreich-Ungarn
Gest. 1942 im KZ Auschwitz


Karl Robert BodekIn der Vul 28. Juni steht ein rosa Haus, die Bäume auf dem Bürgersteig verdecken es an diesem sonnigen Tag im Juli 2006. Ein einstöckiges etwa 100 Jahre altes Haus, ganz in der Nähe des Geburtshauses von Erwin Chargaff:  um  dieses Haus zu sehen habe ich eine weite Reise aus Deutschland gemacht. 1905 lebte in diesem Haus, als die Adresse noch Franzensgasse 28 hieß, die Familie des KuK- Oberleutnants und Rechnungsführers Moses Mordche Bodek und seiner Frau Friederike Anna.





Der 13. April 1905 war ein Freudentag für Moses, der Geburtstag ihres Sohnes Karl Robert. Vom  nahen Tempel kam Dr. Josef Rosenfeld, der Oberrabbiner in Czernowitz, um die Geburt zu bezeugen, so wie die Hebamme Friederike Rosenberg auch. Wenige Tage später wird das Kind zum Beschneider gebracht. Die Bodeks: gläubige Juden und in kaiserlichen Diensten, wie viele Czernowitzer zu dieser Zeit.

Dann verliert sich Karls Spur, er wird Künstler, ist Fotograf und ab 1940 einer von Tausenden Flüchtlingen, die in Frankreich Asyl vor den Nazis suchen: Internierung in St. Cyprien, dann in Gurs, in den Pyrenäen. Hier zeichnet er zusammen mit seinem Freund Kurt Conrad Löw aus Wien viele Szenen aus dem Lageralltag, aber auch Comics und Glückwunschkarten. Diese Werke wurden von Elsbeth Kasser, einer Schweizer Rotkreuzschwester, gerettet.

Im Archiv von Marseille finde ich eine Karteikarte von Karl, ab April 1941 ist er in Les Milles interniert, in einer Ziegelei unweit von Aix-en-Provence, der Stadt Paul Cézannes. In Les Milles unterrichtet er Jugendliche in der Lagerschule, porträtiert seine Mitgefangenen, wie den späteren Schweizer Verleger Edwin Maria Landau, und ist an den inzwischen berühmten Wandmalereien von Les Milles beteiligt. Diese befinden sich in einer ehemaligen Werkstatt der Ziegelei, die als Kantine für das Lagerpersonal diente. In den großformatigen farbenfrohen Fresken geht es ums Essen und Feiern, aber auch um Völkerverständigung. Noch Anfang der 80er Jahre sollte diese Werkstatt abgerissen werden, dies konnte aber durch eine Initiative der jüdischen Gemeinde von Aix und Nazi-Opferverbänden verhindert werden. Die Ziegelei von Les Milles war zwischen 1939 und 1942 ein Lager, wo zunächst alle aus dem deutschen Reich stammenden Flüchtlinge, die sich in Südfrankreich aufhielten, interniert wurden. Unter ihnen waren Schriftsteller wie Lion Feuchtwanger und Friedrich Wolf, aber auch die Maler Max Ernst, Wols und Robert Liebknecht, der Sohn Karl Liebknechts, sowie der Architekt Konrad Wachsmann, der das inzwischen berühmte Einstein-Haus in Caputh bei Berlin entwarf.

In Les Milles interniert zu sein, war zunächst eine Hoffnung für viele Flüchtlinge, denn sie hatten die Möglichkeit sich im nahen Marseille um Ausreisepapiere und Tickets für die Überfahrt in die USA oder Südamerika zu kümmern. Im Sommer 1942 aber ändert sich die Situation für die jüdischen Flüchtling dramatisch: Sie dürfen das Lager nicht mehr verlassen, im Umland werden Razzien von der französischen Polizei veranstaltet, um wirklich jeden ausländischen Juden zu erwischen.

Am 11. August geht der erste Transport mit 260 Internierten in Viehwaggons vom Bahnhof Les Milles nach Drancy bei Paris, von hier werden die Züge weiter nach Auschwitz geschickt. In einem dieser Waggons ist Karl Bodek. So gut wie keiner überlebt. Insgesamt werden von Les Milles etwa 2000 Menschen deportiert.

Karl Bodek lebt heute noch in seinen Bildern, die gerettet wurden, im Gedenken weiter, einige andere Czernowitzer, die ebenfalls aus Les Milles deportiert wurden, nicht:
Oskar Liebermann (geb. 1890), Louis Bik (geb. 1913), Cecilie Buchholz (geb. 1905) und Marie Kalmar (geb. 1893) werden ebenfalls in Auschwitz ermordet.

Die französische Öffentlichkeit tat sich lange schwer mit dem Lager Les Milles und seiner Rolle während der Shoah. 1992 wurde ein kleines Museum in einem Eisenbahnwagen eingeweiht, der „Wagon-Souvenir“, 1994 wurden die Wandmalerein restauriert und können seitdem besichtigt werden. 1995 und 2004 wurden weitere Wandmalereien im Ziegeleigebäude entdeckt. Inzwischen sind die umfangreichen Planungen zu einem großen Shoah-Museum abgeschlossen, das seine Platz in der Ziegelei finden wird.

In diesem Museum wird der Czernowitzer Karl Bodek eine wichtige Rolle spielen. Aber dass die Czernowitzer (wie z.B. Rose Ausländer, Paul Celan und Selma Meerbaum-Eisinger) eine der Hauptrollen in der deutschen Kultur spielen, wissen wir ja schon lange!

Autorin:

Angelika Gausmann

Literatur:

Angelika Gausmann: Deutschsprachige bildende Künstler im Internierungs- und Deportationslager Les Milles von 1939 bis 1942, Verlag Ch. Möllmann, Borchen 1997,  ISBN 3-931156-17-6

International:

http://www.cheminsdememoire.gouv.fr/page/afficheLieu.php?idLang=fr&idLieu=3631