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NEU ERÖFFNET: MAX PECHSTEIN-MUSEUM IN ZWICKAU

In den Kunstsammlungen seiner Heimatstadt findet das Lebenswerk des gebürtigen Zwickauers Max Pechstein nun einen eigenen Ausstellungsort. Seit dem 12. April 2014 werden knapp 50 Werke aus Pechsteins gesamter Schaffenszeit...

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Zügel, Oscar Drukuj Email
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Oscar Zügel
Maler


Geb. 18. Oktober 1892 in Murrhardt
Gest. 5. März 1968 in Tossa de Mar, Spanien


"Abstrakte Kunst hat den Sinn, das über Jahrhunderte verwässerte und verlorengegangene Gefühl für das Maß, den Lebenden wieder nahe zu bringen. Abstrakte Kunst ist das Fundament für alle weiteren Ausdrucksformen, also der Anfang und nicht das Ende..."

(Oscar Zügel, 1963)


Der Werdegang dieses Künstlers, der Gegner der Nazis in seiner deutschen Heimat und später der Faschisten im Gastland Spanien war, beginnt wie so viele Geschichten über Künstler klischeehaft: Die besorgten Eltern wollen ihren Jungen nicht Maler werden lassen. Das sei brotlose Kunst. Der Sohn von Stadtschultheiß Heinrich Zügel aus der idyllischen Kleinstadt im Schwäbischen Wald soll etwas bürgerlich Solides erlernen. Immerhin kommt er dem elterlichen Wunsch entgegen, indem er eine Schreinerlehre macht. Doch zugleich beginnt er mit Zeichnen und Malen, ermuntert von seinem Großonkel Heinrich von Zügel. Vielleicht hat ihn diese moralische Unterstützung gegen die häuslichen Widerstände stark gemacht für die späteren Auseinandersetzungen mit den Diktaturen, die das Leben des Exilanten über sein künstlerisches Schaffen hinaus prägen sollten.


Oscar Zügel hat nach dem Beistand des Großonkels ein zweites Mal Glück in seinem jungen Leben: Der Bildhauer, Maler und Architekt Bernhard Pankok ist sein Lehrer an der Kunstgewerbeschule in Stuttgart, wenn auch abrupt unterbrochen durch Zügels Soldatenzeit während des Ersten Weltkriegs. Ab 1919 setzt er seine Ausbildung durch ein Studium an der Akademie der bildenden Künste in Stuttgart fort, wo er anschließend als freier Künstler lebt und arbeitet.
Alles scheint seinen normalen Gang zu gehen: Heirat mit seiner Frau Margarita, 1924/ 25 Geburt des Sohnes Gotthard und der Tochter Brigitte, Kunstreisen nach Venedig, Hiddensee, Paris und Jugoslawien. Hinwendung zu dem modernen Medium Fotografie, Einrichtung einer eigenen Dunkelkammer, Freundschaften mit den aufgehenden Künstlersternen Paul Klee, Oskar Schlemmer und Willy Baumeister, Kontakte zu Braque, Picasso und Gris.

Ebenso wichtig aber dürfte die Freundschaft zu einem Nachbarn gewesen sein: Zügel wohnte in Stuttgart im Haus Hasenbergsteige 83, Dr. Gottfried Hermann Wurz im Haus Nr. 79. Der Kunsthistoriker war engagierter Antifaschist, denn inzwischen beherrschten die brauen Horden die Straßen und die NSDAP zog in die Parlamente bis in den Reichstag. Und sie nutzten ihre Macht schrankenlos: Am 5. März 1933 wurden auch Werke von Oskar Zügel abgehängt, als die Nazis im Essener Museum Folkwang die Ausstellung Zeichen und Bilder schlossen. Werke von Oscar Zügel und Kollegen wurden als "degeneriert" verhöhnt und beschlagnahmt, um sie angeblich im Hof der Stuttgarter Staatsgalerie zu verbrennen.
Schikane folgte auf Schikane: Durchsuchung des Ateliers, Vorladungen ins Polizeipräsidium. Es war höchste Zeit, Nazideutschland zu verlassen. Oscar Zügel verkauft sein Haus und flüchtet mit der Familie am 25. Juli 1934 ins demokratische Spanien. In der inspirierenden Atmosphäre der Künstlerkolonie Tossa de Mar kann er wieder malen, schließt Freundschaften mit Marc Chagall, dem Exilanten aus Russland, André Masson, Georges Duthuit und dem Philosophen Paul Ludwig Landsberg.
Hier kann er jetzt einem anderen helfen: Dem aus Deutschland exilierten Stuttgarter Fred Uhlmann. Der jüdische Rechtsanwalt wird gastfreundlich aufgenommen in der Casa Zügel. Noch ist die spanische Demokratie wehrhaft – und wachsam. Ein Hakenkreuz auf dem Zügel-Bild Sieg der Gerechtigkeit weckt falschen Verdacht auf Nazisympathie. Der Maler wird vor einem Gericht in Gerona angeklagt, jedoch nach dem sachkundigen Gutachten einer jüdischen Schriftstellerin freigesprochen.

In Spanien beginnt wenig später der Bürgerkrieg der von Hitler unterstützten Faschisten Francos gegen die Republikaner. Am 10. Oktober 1936 verlässt Oscar Zügel das Land, um abenteuerlich, aber gezwungenermaßen mit falschem Pass, kurzfristig nach Deutschland zurückzukehren. Dort bereitet er die Ausreise in das zweite Exil vor. Seine Konten werden beschlagnahmt, er selbst kann nach Basel entkommen. Am 7. Juli 1937 schifft sich die Familie nach Argentinien ein, wo die harte Zeit der Umschulung zum Farmer nur dadurch etwas abgemildert wird, dass Zügels Frau Margarita Spanisch spricht und die beiden Töchter Katia und Rose geboren werden.
Die ungewohnte harte körperliche Arbeit ist für Zügel "die Zeit der versäumten Gemälde". An künstlerische Tätigkeit ist nicht zu denken, die Familie muss ernährt werden. Weitere Schicksalsschläge sind 1947 der Tod der Tochter Brigitte und Drangsalierungen durch die peronistischen Machthaber. Wieder greift ein autoritäres Regime in sein Leben ein. Und wieder bleibt als Ausweg nur eine weitere Emigration. Sie führt Zügel 1950 zurück nach Tossa de Mar, obwohl dort noch immer die Faschisten herrschen, mit Diktator Franco an der Spitze.

In Tossa de Mar findet er zwar die „Casa Zügel“ fast völlig ausgeplündert vor, aber doch überraschend auch einige seiner wichtigsten Bilder, darunter das Gemälde Sieg der Gerechtigkeit, das ihn einst vor Gericht gebracht hatte. Und noch einmal hat er Glück im Unglück: Auch in Stuttgart, das er inzwischen besucht, finden sich Werke von ihm wieder – jene Bilder, die 1933 beschlagnahmt worden waren, um verbrannt zu werden.
In Tossa de Mar kann Oscar Zügel wieder arbeiten. Er ist inspiriert, die Familie aus Argentinien nachgekommen. 1951 wird er eingeladen, zusammen mit Chagall, Klee, Kandinsky, Legér, Kirchner, Matisse, Miró und anderen bedeutenden Malern an einer Ausstellung in Florenz teilzunehmen. Weitere Ausstellungen folgen. Er baut ein kleines Hotel in Tossa de Mar mit seiner zweiten Frau Kläre, um so einigermaßen finanziell abgesichert sein künstlerisches Werk fortzusetzen. Es entstehen Bilder in einer abstrakten Formensprache, die von den Nazis als entartet verfolgt worden wären.

Autor:

Hajo Jahn