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NEU ERÖFFNET: MAX PECHSTEIN-MUSEUM IN ZWICKAU

In den Kunstsammlungen seiner Heimatstadt findet das Lebenswerk des gebürtigen Zwickauers Max Pechstein nun einen eigenen Ausstellungsort. Seit dem 12. April 2014 werden knapp 50 Werke aus Pechsteins gesamter Schaffenszeit...

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Weiss, Peter Drucken E-Mail

Peter Weiss
Grafiker, Maler, Experimentalfilmer und Schriftsteller
Geb: 8. 11. 1916 in Nowawes (Potsdam-Babelsberg)
Gest. : 10.05.1982 in Stockholm/Schweden.


Peter Ulrich Weiss war einer der wichtigsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Seine Ästhetik des Widerstands ist für den Theatermann Holk Freytag das Schlüsselwerk der 2. Hälfte des Jahrhunderts, sozusagen die Ergänzung des Zauberbergs von Thomas Mann. Das wollen aber die wenigsten heute noch wissen. Die Kommunisten-Phobie der Adenauer Zeit hat bislang überdauert. Weiss hat mit der Ästhetik des Widerstands der "Roten Kapelle", einer der wichtigsten Widerstandsbewegungen mit einem klaren Gesellschaftkonter, ein Denkmal gesetzt. Aber auch das wird meistens totgeschwiegen. Seinem Freund Peter Kien hatte er in Prag geraten, das Land zu verlassen, vor den Nazis zu flüchten. Kien kam über Theresienstadt nach Auschwitz und wurde ermordet. Peter Weiss überlebte in Schweden.


Seine protestantische Mutter Frieda Hummel (1885-1958) stammte aus dem Alemannischen. In erster Ehe war sie mit Ernst Thierbach ver­heiratet, aus der zwei Söhne stammten. Nach der Scheidung nahm sie Schauspielunterricht in Berlin und erhielt eine Anstellung am Deutschen Theater. Die jüdische Familie des Vaters Eugen (Jenö) Weisz (1885-1959) war im slowakischen Nitra ansässig und lebte später in Wien unter dem Namen Weiß. Als gut ausgebildeter Textilkaufmann war er zeitweilig in Südamerika tätig. Frieda und Eugen lernten sich in Berlin kennen, wo sie 1915 heirateten und eine Wohnung in Nowawes bw. Babelsberg bezogen, zusammen mit den Kindern Arwed und Hans Thierbach sowie der Haus­angestellten Auguste und dem 1916 geborenen Peter.

 

Nach Ende des Ersten Weltkriegs entschied EW sich für die tschecho­slowakische Staats­angehörigkeit, die auch seine leiblichen Kinder erhielten. Von 1919 bis 1930 lebte die Familie in Bremen und wechselte dort insgesamt viermal den Wohnsitz. Hier wurden auch die Ge­schwis­ter Irene (1920-2001), Margit (1922-1934) und Alexander (1924-1987) geboren. Im Februar 1921 ließ sich Eugen Weiß mit Peter und Irene in der lutheri­schen St. Ansgarii-Kirche taufen. In Bremen besuchte Peter zunächst die Volksschule im Stadtteil Horn und dann das Realgymnasium Bremen. Die in Bremen ver­brach­te Zeit seiner Kindheit war für PW sehr prägend und wirkte stark auf sein Schaffen ein.

 

Ab 1930 lebte die Familie in Berlin. Hier besuchte Peter das Heinrich-von-Kleist-Real­gymnasium und dann die Rackow-Handelsschule. Zusätzlich erhielt er privaten Malunterricht. Die Stiefbrüder verließen den Haushalt, die Schwester Margit kam im Spätsommer 1934 bei einem Autounfall ums Leben. Im März 1935 verlegten die Eltern den Wohnsitz nach Chislehurst in Eng­land, fühlten sich dort aber nicht wohl und gingen im Herbst 1936 nach Warnsdorf in Böhmen. Im Sommer 1937 unternahm Peter seine erste Tessin-Reise zu Hermann Hesse. Anschließend lebte er in Prag und besuchte dort die Kunstakademie. 1938 zog es ihn wieder in die Schweiz. Mit der Okkupation der ČSR durch Nazi-Deutschland und dem Verlust der tschecholowakischen Staats­angehörigkeit folgte Peter im Februar 1939 den Eltern nach Schweden in die Emigration. Im westschwedischen Alingsås hatte der Vater eine Textilfabrik einrichten und mit dem aus Warnsdorf dorthin transportierten Hausrat eine neue Bleibe finden können. Die bisherige Schreibweise des Familiennamens wurde geändert in Weiss.

 

Bis zu seinem ersten Aufenthalt in Stockholm November 1940 war PW eher widerwillig als Textilmusterzeichner in der väterlichen Silfa-Fabrik tätig. In Stock­holm konnte er endlich ein selbstbestimmteres Leben führen, wenn auch noch in finanzieller Abhängigkeit von den Eltern. Er bewegte sich als Suchender, der sich zwar nach Geborgenheit sehnte, aber eine bürgerliche Existenz ablehnte. Über Max Barth lernte er einige andere Exilierte kennen, hielt sich aber ansonsten fern von der deutschsprachigen Exilgesellschaft. 1943 heiratete er die Künstlerin Helga Henschen, die gemeinsame Tochter Randi (Rebecca) wurde im Juni 1944 geboren, die Ehe 1947 ge­schieden. Da war er schon länger mit der Dänin Le Klint liiert. 1948 heiratete PW die Spanierin Carlota Dethorey, 1949 wurde der gemeinsame Sohn Paul geboren. In diesem Jahr lernte er Gunilla Palmstierna kennen, beide heirateten 1964. 1975 wurde die Tochter Nadja geboren.

 

Im Zentrum seines Schaffens stand in den 1940er Jahren zunächst die Malerei mit einigen Ausstellungen. Eines seiner Hauptwerke war das 1945 entstandene Bild Parade: eine vielschichtige Bildlandschaft. Die Zeit um 1950 gilt als der Beginn seiner künstlerischen und auch schriftstellerischen Karriere. Zwischen 1952 und 1960 begeisterte PW sich für den experimentellen surrealistischen Film, wie z. B. Gesichter im Schatten. Dann stellten sich erste literarische Erfolge mit den imaginierenden Erinnerungsbüchern Abschied von den Eltern und Fluchtpunkt. Es folgten u. a. diese Theaterstücke: Die Ermittlung und Hölderlin. Bereits in den 1960er Jahren begann PW an seinem 1982 fertiggestelltem Hauptwerk Ästhetik des Widerstands zu arbeiten. Ein Arbeit, die ihn, den an Diabetes Erkrankten, physisch viel abverlangte. Während einer Theaterprobe erlitt er seinen letzten und tödlichen Herzinfarkt am 10. Mai 1982. Sein schmuckloses Grab befindet sich auf dem Norra Begravingsplatsen in St.-Solna. Für sein literarisches Werk erhielt Peter Weiss neben anderen Preisen 1965 den Svenska arbetarrörelsen litteraturpris, 1982 den Literaturpreis der Stadt Bremen und danach posthum den Georg-Büchner-Preis.

 

Autorin:

Dr. Anne E. Dünzelmann