DeutschEnglishSpanishČeštinaHebrew (Israel)FrenchFarsiPolish

Spenden

Betteln ist eine sehr unangenehme Sache,  betteln aber und nichts bekommen ist noch unangenehmer. (Heinrich Heine)

Helfen sie uns mit beim weiteren Aufbau dieses Zentrums!

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!

Veranstaltungen

NEU ERÖFFNET: MAX PECHSTEIN-MUSEUM IN ZWICKAU

In den Kunstsammlungen seiner Heimatstadt findet das Lebenswerk des gebürtigen Zwickauers Max Pechstein nun einen eigenen Ausstellungsort. Seit dem 12. April 2014 werden knapp 50 Werke aus Pechsteins gesamter Schaffenszeit...

Wir auf Facebook

1.
Ce que moi, j’ai trouvé en ce lieu désert, c’est la perte d’espoir, perdre pied, la perte de la patrie mais en même temps, que l’endroit de rencontre avec ceux qui sont animés par les mêmes idées.
C’est-à-dire le lieu de la solitude et du noir, être sans lumière et chercher la sortie,
Comme si l’étranger se trouvait à l’intérieur,
Comme si la recherche de soi-même était dans la poussière.

2.
C’est une seule débâcle, désastre, miracle,
On dort, on sort, on part séparé
Le désordre me serre, me sèche, me laisse
Sans reste
Je déteins, je descends, desséché, déserté

Donnerstag, 29. August
Der Donnerstagmorgen ist ein kühler Morgen, aber der Himmel verspricht gutes Wetter, warmes, sonniges, wolkenloses Wetter. Der Morgen dieses Donnerstags gehört erneut dem „Atelier d’écriture“, geleitet von Dorothée Volut.
Die Gruppe findet sich um halb zehn unter den provenzalischen Nadelbäumen an den großzügigen Tischen in der „Gentiane“ zusammen. Wörterbücher und Schreibutensilien werden gestapelt, Dorothée Volut hat wieder Bücher mitgebracht und türmt diese vor sich auf. Das Atelier beginnt mit einer Einführung durch Dorothée Volut, sie stellt die Dichter Christophe Tarkos und Christian Prigent vor. Mit Texten von Tarkos war schon am Mittwochnachmittag in der Übersetzungswerkstatt gearbeitet worden und er ist einigen daher bereits bekannt. Sein rhythmischer, spielerischer Schreibstil entführt die Zuhörer tief in die Texte. Als Dorothée Volut sie liest entstehen Melodien, beinahe Lieder, ein Klangspiel und immer auch ein Spiel mit der Sprache, mit den Wörtern. Die Wörter werden ihrem gewohntem Sinn entrissen und neu kombiniert, sie werden wiederholt, durch ähnlich klingende Wörter erweitert oder intensiviert, sie gleiten, sie stolpern, die hopsen der Vorlesenden über die Lippen. Wie ein Strudel, der an ihnen reißt, halten den Zuhörer die Texte fest. Entlassen wird er dann wie eine Taube zum Flug, wenn der Text zu Ende, wenn das letzte Tarkos’sche Wort gelesen ist.

Die Teilnehmer des Ateliers bekommen nun, die Eindrücke der gelesenen Texte sind noch frisch, Drucke von Gemälden (von Malern wie z.B. Max Ernst) vorgelegt. Jeder Teilnehmer sucht sich ein Bild aus, zu dem er alles was er sieht niederschreibt. Die Beschreibung des Bildes soll so detailgenau und so erschöpfend wie möglich sein, lautet die Vorgabe. Anschließend dient diese Bildbeschreibung als Grundlage für eigene Texte, ist sozusagen eine Wortquelle. In Anlehnung an die „Carrés“, die in viereckiger Form gefassten Texte von Tarkos aus seinem gleichnamigen Buch, schreibt jeder Teilnehmer, ausgehend von drei aus der Bildbeschreibung ausgewählten Sätzen jeweils drei eigene Gedichte. Ein aus der Bildbeschreibung entnommener Satz wie zum Beispiel „La femme à droite...“ wird nun zum Auftakt eines eigenen Textes in quadratischer Form. An den eigenen Gedichten zu arbeiten entführt jeden Teilnehmer eine intensive, konzentrierte Phase, eine sehr persönliche Zeit der Suche nach Rhythmen und manchmal auch nach den passenden Wörtern im Wörterbuch. In Einzelgesprächen mit Dorothée Volut werden die Texte dann besprochen. Das Schreibatelier dieses Vormittags schließt damit ab, dass jeder Teilnehmer mindestens eines seiner drei Gedichte vorliest. Den anderen beim Vorlesen ihrer Gedichte zu lauschen und der Gruppe sein eigenes Gedicht vorzulesen ist ein spannender Teil des Ateliers, dieser Prozess des Austauschens der kreativen Produktionen spiegelt die unterschiedlichen Schreibstile, er zeigt wie verschieden die Bilder beeinflusst haben und verdeutlicht die Bemühungen eines jeden Teilnehmers, in einem Viereck ein Strudel von Wörtern rauschen zu lassen. Um diesen Fluss, diesen Strudel an Wörtern zuzulassen, den schließlich die Hand auf das Papier bringen soll, rät Dorothée Volut dazu, die Radiergummis weit wegzuschmeißen und den Stift nicht vom Blatt zu heben, bis zum letzten Wort.

Den Nachmittag des Donnerstags verbrachte die Gruppe in Marseille. Hier folgten wir der Führung von Sabine Günther, ihrer „Balade litteraire“, einer Stadtführung auf den Spuren der Schriftsteller, Maler, Musiker und Politiker, die sich in den Jahren 1939-42 nach Marseille geflüchtet hatten. Anna Seghers, Thomas und Heinrich Mann, Franz und Alma Werfel, André Breton und Max Ernst sind nur einige Namen. Mit der Hilfe vom „Comité de Secours“ des Amerikaners Varian Fry konnten die berühmtesten Exilanten der Gerichtsbarkeit dieser bewegten Zeit entfliehen.
Der Treffpunkt für die „Balade litteraire“ war der Vieux Pot im Herzen von Marseille. Von hier aus startete die Gruppe ihre historisch Entdeckungstour...
Von 1939 bis 1945 spielte Marseille eine entscheidende Rolle für jene Exilanten, die dem Nazieuropa entfliehen wollten. Dies ist nicht zuletzt darauf begründet, dass der Hafen von Marseille der einzige europäische Hafen war, aus dem man zu dieser Zeit gen Amerika auslaufen konnte. Leider war es mit der Sicherheit in Marseille nicht weit her, da die Mafia sich mehr und mehr im alten Viertel „Le Panier“ festsetzte. Der Bürgermeisetr wurde seines Amtes enthoben und nach 1940 war es der Präfekt, der Marseille verwaltete. Es wurden Internierungslager errichtet, die folglich als Transitlager dienten (Sanary/Mer, Les Milles).
Wir können uns leicht vorstellen, wie Anna Seghers einst hier am alten Hafen spazieren ging und wie sie hier ihren Roman Transit niederschreib, dessen Geschichte sich in Marseille, im Café „Le Mont-Ventoux“ (Le Mont-Vertoux in Transit) abspielt, als wir Sabine Günther lauschen, die uns einzelne Gebäude als Schauplätze der Geschichte beschreibt.
Nachdem wir den Vieux Port verlassen haben, führt uns Sabine Günther die „Cannebière“ hinauf, wo wir erfuhren, dass die Exilanten trotz ihres geteilten Schicksals nicht zu einander hielten. Die Situation war schwierig und sogar gefährlich, da man sich seines gegenübers nie sicher sein konnte. Es gab keine Solidarität zwischen den einzelnen Exilanten, jeder war auf sich gestellt. In Alfred Döblins Schicksalsreise. Bericht und Bekenntnis ist dies nachzulesen. In der Rue Beauveau, auf die wir hier stoßen, hatte die junge Amerikanerin Marie Jane Gold im Hotel Continental (heute: Hotel Kyriad) gewohnt. Ihre Entscheidung den Kontinent zu verlassen, kam ins Schwanken, als sich in einen Marseiller Taugenichts verliebte. Sie wandte sich an Varian Fry, der ihr jedoch seine Hilfe verweigerte, da er ihr misstraute. Mithilfe ihres Geldes verschaffte sie sich letztendlich doch Gehör und konnte Varian Fry von ihrer Hilfebedürftigkeit überzeugen.
Schließlich biegt die Gruppe, Sabine Günther folgend, links in die „Cours Belsunce“ und die enge Gasse, „Rue du Relais“ ein. Auch hier stoßen wir auf Spuren der Exilanten: das Restaurant „Au Mage“, welches früher auch ein Hotel gewesen war, diente Anna Seghers als Unterkunft. Als die Gruppe vor dem Restaurant den Erläuterungen der Animatrice lauscht, mischt sich eine Frau ein, die im ersten Stock des gegenüberliegenden Hauses aus dem Fenster schaut. Auch sie weiß um die Bedeutung von „Au Mage“ zur Zeit des Zweiten Weltkrieges bescheid. Wir erleben Geschichte zum Anfassen, obwohl die Bedeutung Marseilles zu jener Zeit den wenigsten Einwohnern überhaupt bekannt ist.
Die Balade führt im Folgenden durch winklige Gassen des alten Marseilles, unter anderem durch eine Straße mit frisch restaurierten und renovierten Häusern, die in früheren Zeiten der Ort war, an dem sich Prostituierte anboten und sich heute kleine Galerien und Künstlerläden aneinander reihen.
Schließlich gelangen wir zu dem Ort, an dem die Balade litteraire mit einem weiteren Vortrag von Sabine Günther und dem Raum für Fragen abschließt: Le Centre Régional de Documentation Pédagogique, Boulevard des Athènes. Hier erfahren wir, dass in besagter Zeit der amerikanische Journalist Varian Fry in einem Zimmer des Hotel Splendide, welches sich auf demselben Boulevard befindet, Unterkunft fand. Rund 15.000 Menschen hatten ihn damals um Hilfe gebeten, ihnen bei ihrer Flucht behilflich zu sein. Er jedoch trug eine Liste mit 1000 Namen (intellektueller und linker Persönlichkeiten) darauf bei sich. Um ihn herum hatte sich schnell eine Arbeitsgruppe mit Auswanderern gebildet, die ihre Hilfe anboten. Varian Fry hatte auf die Hilfe des Amerikanischen Konsulats und der französischen Autoritäten gesetzt, die er leider nie erhielt. In der Folge der Rettung vieler Juden über die französisch-spanische Grenze, wurde diese schließlich stärker überwacht. Hier fand auch die Philosophie „Jeder für sich und Gott für alle“ ihre Geburtsstunde.
Als die Gruppe sich im Centre Documentaire eingerichtet und jeder einen Sitzplatz gefunden hatte, erfuhren wir über Heinrich Mann, der während seiner Zeit im Exil im Hotel Normandie (gegenüber des Centre Documentaire) untergekommen war und sterbenskrank in Marseille angekommen, dort um ein Haar gestorben wäre. Wir hörten vom Maler Marc Chagall, dessen Name sich ebenfalls auf Varian Frys Liste befand. Dieser wollte sich nicht von Luberon fort bewegen, da er sich dort, Kühe malend, in Sicherheit fühlte. Varian Fry überzeugte ihn schließlich, nach Amerika zu gehen, als er Marc Chagall auch dort schöne Kühe versprach. Er stach am 28. November 1940 von Marseille in Richtung Amerika auf der Captaine-Paul-Lemerle in See. Auch Walter Benjamin kam im September 1940 nach Marseille und entschloss sich, seine Flucht über die französisch-spanische Gerenze zu wagen, die aber, wie bereits erwähnt, streng bewacht wurde. Also beschloss er zurückzukehren und verkündete, dass er nurmehr im Selbstmord seinen Ausweg sah. Trotzdem ihm keiner Glauben schenkte, war es dieser Weg, den er wählte.

Sabine Günther schloss ihren Vortrag über die bewegte Zeit im Marseille der Exilanten mit der Nachricht, dass die Emigration im Jahr 1941 ihr Maximum erreichte, aber Ende November 1942 die Nazis in Marseille eintrafen und das Quartier „Le Panier“ und ein großer Teil des „Viex Port“ durch Sprengstoff zerstört wurden. Die Exilanten, die Marseille bis dahin nicht verlassen hatten, fanden sich in der Nazi-Falle. Marseille war also nicht für alle das Tor zur Freiheit gewesen.