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Kaléko, Mascha

H.A.M. 0

Mascha (Golda Malka) Kaléko
Schriftstellerin


Geb. 7.6.1907 in Chrzanów/ Galizien
Gest. 21.1.1975 in Zürich/ Schweiz


Interview mit mir selbst

„Ich bin vor nicht zu langer Zeit geboren
In einer kleinen, klatschbeflissenen Stadt,
Die eine Kirche, zwei bis drei Doktoren
Und eine große Irrenanstalt hat.

Mein meistgesprochenes Wort als Kind war <nein>.
Ich war kein einwandfreies Mutterglück.
Und denke ich an jene Zeit zurück:
Ich möchte nicht mein Kind gewesen sein.

Im letzten Weltkrieg kam ich in die achte
Gemeindeschule zu Herrn Rektor May.
– Ich war schon zwölf, als ich noch immer dachte,
Daß, wenn die Kriege aus sind, Frieden sei.

Zwei Oberlehrer fanden mich begabt,
Weshalb sie mich – zwecks Bildung – bald entfernten;
Doch was wir auf der hohen Schule lernten,
Ein Wort wie <Abbau> haben wir nicht gehabt.

Beim Abgang sprach der Lehrer von den Nöten
Der Jugend und vom ethischen Niveau –
Es hieß, wir sollten jetzt ins Leben treten.
Ich aber leider trat nur ins Büro.

Acht Stunden bin ich dienstlich angestellt
Und tue eine schlechtbezahlte Pflicht.
Am Abend schreib ich manchmal ein Gedicht.
(Mein Vater meint, das habe noch gefehlt.)

Bei schönem Wetter reise ich ein Stück
Per Bleistift auf der bunten Länderkarte.
– An stillen Regentagen aber warte
Ich manchmal auf das sogenannte Glück…“

aus: Mascha Kaléko „Das lyrische Stenogrammheft * Kleines
Lesebuch für Große“, rororo Taschenbuchausgabe, Juni 1959


Eigentlich heißt sie Mascha Aufen-Engel und stammt aus dem polnischen Galizien. Als Tochter russisch-jüdischer Emigranten wächst sie in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf. 1914 flüchtet die Familie nach Deutschland und wohnt ab 1918 in Berlin. Mascha absolvierte eine Lehre bei der jüdischen Arbeiter-fürsorge, besuchte Abendkurse an der Humboldt-Universität und heiratet 1928 den Journalisten und Hebraisten Saul Kaléko.

Ab 1929 erscheinen erste Gedichte in der „Vossischen Zeitung“, dem „Berliner Tageblatt“ , dem „Querschnitt“ und der „Weltbühne“. Ernst Rowohlt entdeckt sie und verlegt 1933 ihr erstes Buch Das lyrische Stenogrammheft, kurz darauf das Kleine Lesebuch für Große: eigenwillig-ironisch, schnoddrig-unsentimentale Momentaufnahmen aus dem Großstadtalltag. Man feierte Kaléko im Romanischen Café, Treffpunkt der literarischen Boheme mit Else Lasker-Schüler als glitzernden Mittelpunkt. Klabund, Tucholsky, Ringelnatz, Thomas Mann und Hesse rühmen Kalékos neuen Ton ihrer Zeitgedichte, gemischt aus Skepsis und Trauer, Humor und Wehmut. Sie
selbst nennt sich eine „Großstadtlerche“.


Kalékos Dichtungen haben zwar Erfolg, aber keine Wirkung mehr. Dabei hatte der Kritiker Alfred Polgar sie einst wegen ihres „zärtlich-weiblichen Rhythmus voller Melancholie, Ironie und politischen Schärfe“ gerühmt

1933 verbrennen die Nationalsozialisten in Berlin ihre Bücher; 1938 flieht Kaléko mit ihrem zweiten Mann Chemjo Vinaver, einem Musikwissenschaftler und Komponisten, und ihrem Sohn nach New York. Dort schreibt sie für die Exilzeitung „Der Aufbau“ und verdient ihren Lebensunterhalt als Werbetexterin und Übersetzerin für ihren Mann. Die Erfahrung des Exils bestimmen Kalékos Poesie nach 1938. In ihrem nach dem Krieg erschienen Lyrikband Verse für Zeitgenossen hat Kaléko dies literarisch verarbeitet.

In den späten Gedichten leistet sie eine unbarmherzige Inventur ihres Lebens,geprägt von Sehnsucht nach der verlorenen Heimat. Ihre Lyrik hat manches mit Kästner, Morgenstern und Ringelnatz gemeinsam, ihr wirklicher Geisterverwandter aber bleibt der „Flüchtling Heinrich Heine“. Sie ist seine legitime Erbin.


Im Heine-Gedenkjahr 1956 wird Das Lyrische Stenogrammheft erneut aufgelegt und verkauft sich wiederum mit großem Erfolg.

Dem <Heiligen Franziskus>
vom Rowohlt Verlag Anno Dazumal

Dies Versbuch, lang vergriffen und verboten, Widme ich dem Gedächtnis eines Toten — Franz Hessel, Dichter, Heiliger und Lektor, Mein Schutzpatron und lyrischer Protektor, Der milde tadelnd, und mit strengem Lob Das <Stenogrammheft> aus der Taufe hob.
Er ruht voll Sanftmut und Melancholie
In Frankreichs Erde, nah bei Sanary,
Und redigiert im Schatten edler Palmen
Fürs Paradies die allerneusten Psalmen.
— Und wenn sein ferner Blick sich erdwärts neigt,
Dann lächelt er geheimnisvoll, und schweigt…

Im Februar 1956


Ebenfalls 1956 reist die Dichterin zum erstenmal wieder nach Europa, vor allem in die Schweiz. Ihre neuen Gedichtbände bleiben jedoch von Kritik und Öffentlichkeit weithin unbeachtet, denn von den Exilanten wollen die Deutschen nichts wissen – nicht einmal die Mitglieder der Gruppe 47.

In den 60ern übersiedelt die Familie nach Jerusalem, wo Mascha Kaléko allerdings – im Gegensatz zu New York – nie heimisch werden wird, sich nach dem Tode ihres Sohnes und ihres Mannes aber auch nicht zur endgültigen Rückkehr nach Europa entschliessen kann.


Copyright:

Das Copyright für die Texte von Mascha Kaleko liegen bei: Textboerse Lore Cortis, Landshuter Allee 42, D-80637 München


Autor:

 

Hajo Jahn

Die beiden Zitate wurden dem folgenden Buch entnommen:

Mascha Kaléko:
„Das lyrische Stenogrammheft * Kleines Lesebuch für Große“
RORORO TB-Verlag, Hamburg, Juni 1959, S. 6 u. 8


Literatur: 

Mascha Kaléko: „In meinen Träumen läutet es Sturm“, dtv, München
ISBN 3-423-01294-3, EUR 7,50

Jutta Rosenkranz: Mascha Kaléko,
dtv, München 2007
ISBN 978-3-423-24591-3

Renate Wall: Lexikon deutschsprachiger Schriftstellerinnen im Exil 1933-1945, Haland & Wirth/ Psychosozial-Verlag 2004,
ISBN 3-89806-229-5


CDs:

„Interview mit mir selbst“. Mascha Kaleko spricht Mascha Kaleko. Deutsche Grammophon, Katalog-Nr. 0602517147324

volume_up.gifHörprobe
„Chanson vom Montag“. Günter Gall singt und spricht Lieder, Lyrik, Prosa von Mascha Kaleko, bearbeitet von: Ingo Schneider (Bestell-Nr. AP-1203-CD, Verlag Artichoke, Rheinstr. 103, 26382 Wilhelmshaven, Internet: artichoke.de


Links (deutsch):

http://www.uni-protokolle.de/buecher/kat/1073918

http://kaleko.magiers.de/webmascha.html

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/631319/

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