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Juchacz, Marie

H.A.M. 0

Marie Juchacz
Sozialpolitikerin

Geb.  15.3. 1879 in Landsberg an der Warthe
Gest. 28.1. 1956 in Düsseldorf


„Ich möchte hier feststellen und glaube damit im Einverständnis vieler zu sprechen, daß wir deutschen Frauen dieser Regierung nicht etwa in dem althergebrachten Sinne Dank schuldig sind. Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist“

(Marie Juchacz vor dem Deutschen Reichstag am 19.2.1919)


Ihre Kindheit und Jugend verlebt die Tochter eines Zimmermannes im stark ländlich geprägten Landsberg an der Warthe. Mit 14 Jahren beendet sie die Volksschule, ist in mehreren Haushalten als Dienstmädchen beschäftigt, arbeitet vorübergehend in einer Netzfabrik und über zwei Jahre als Wärterin in der  Provinz-Landes- Irrenanstalt. Mit dem in dieser Zeit ersparten Geld kann sie sich einen Schneiderei- und Weißnäh-Kurs leisten und erhält danach eine Stelle in der Werkstatt des Schneidermeisters Bernhard Juchacz, der 1903 ihr Ehemann wird.


Angeregt durch ihren älteren Bruder beginnt auch Marie Juchacz, sich für  Politik zu interessieren, darf sich jedoch in Landsberg nicht politisch betätigen und übersiedelt nach der Trennung von ihrem Ehemann mit ihren zwei Kindern und ihrer Schwester Elisabeth 1906 nach Berlin, wo sie sich im Osten der Stadt erst einmal mit Näharbeiten über Wasser halten.


Ihr weiterhin waches politisches Interesse führt die beiden Schwestern  zur Sozialdemokratie. Auf Vermittlung von Landsberger Genossen kommen sie in Kontakt mit der damals ersten Frauensekretärin der Gewerkschaft, Ida Altmann, die ihnen wiederum rät, sich an die sozialdemokratischen Männer im selben Wohnbezirk zu wenden, um mit deren Hilfe einen  Frauenleseabend aufzubauen. 1907 ziehen sie nach Schöneberg um und werden Mitglied im dortigen Frauen- und Mädchenbildungsverein. Da es Frauen zum gegenwärtigen Zeitpunkt laut  Preußischem Vereinsgesetz nicht erlaubt ist, sich politisch zu bestätigen, tarnen die Sozialdemokraten ihre Organisationen unter dem Deckmantel der Bildungsvereine.


Schon bald übernehmen die Juchacz-Schwestern erste Ämter in der sozialdemokratischen   Frauenbewegung, leiten Versammlungen und referieren zu Themen wie „Religion und Sozialismus“ oder „Die Frauenarbeit in der heutigen Gesellschaft“. 1908 übersiedeln beide nach Rixdorf. Im selben Jahr wird das  Preußische Vereinsgesetz vom Reichs- Vereinsgesetz abgelöst, damit erübrigen sich  die vormals als Tarnung gegründeten Frauenvereine und die Mehrheit der hier Organisierten tritt zur SPD über.  

Bei den nächsten Wahlen für den Rixdorfer Parteivorstand werden Marie Juchacz und die ehemalige Vorstandsfrau des Frauenvereins, Gertrud Scholz, als Vertreterinnen der Frauen gewählt. 1910 zieht Juchacz als Vertreterin der Frauen in den Zentralvorstand des sozialdemokratischen Wahlvereins Teltow- Storkow-Beeskow-Charlottenburg ein, gründet aber bald darauf aus Unzufriedenheit über den fehlenden Diskussionszusammenhang unter Frauen, wie sie ihn aus den Bildungsvereinen kennt, eine Arbeitsgemeinschaft für fortgeschrittene und interessierte Frauen, die sich auch und vor allem dem Studium programmatischer Texte widmet. 

Aufgrund von zwei- bis dreiwöchigen Vortragsreisen, die von der Frauenvertreterin des Reichsvorstandes arrangiert worden ist, werden die  Juchacz-Schwestern bald so bekannt, daß Marie Juchacz 1913 vom Partei-Bezirk Obere Rheinprovinz in Köln das Angebot erhält, dort als bezahlte Frauensekretärin zu arbeiten. Das ist der Beginn ihrer politischen Karriere. Elisabeth Juchacz übersiedelt kurz darauf ebenfalls mit den drei Kindern zur Schwester ins Rheinland.


Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges schließt sich die  sozialdemokratische Frauengruppe mit dem Stadtverband Kölner Frauenvereine zur Nationalen Frauengemeinschaft für Köln zusammen. Die bis dahin bestehende tiefe Kluft zwischen sozialdemokratischen und bürgerlichen Frauen soll damit endlich überwunden werden. Im Vordergrund der gemeinsamen Arbeit stehen nunmehr die Probleme von Frauen im Krieg.

Unter den Vertreterinnen der Nationalen Frauengemeinschaft, die in die Deputationen und Ausschüsse der Gemeinde berufen werden, die sich mit Kriegsfragen beschäftigen, ist auch Marie Juchacz: als Mitglied im Ernährungsausschuss entscheidet sie über die Verteilung der vom Reich rationierten Lebensmittel. Sie beschäftigt sich mit dem Armenrecht und der Armenverwaltung und erkennt sehr bald die Notwendigkeit einer verbesserten Armenpflege durch gelernte Kräfte aus der Arbeiterschaft, die die Notlage der Armen besser verstehen können als die bis dahin arbeitenden ehrenamtlichen Armenpfleger aus dem Bürgertum.

Die Nationale Frauengemeinschaft unterhält Kindergärten, Beratungsstellen für Frauen von Kriegsteilnehmern und Kriegshinterbliebenen von Kriegsteilnehmern und Kriegshinterbliebene und Flüchtlingsquartiere, bietet Hauspflege für Kranke und Invalide an und richtet Anstalten für Armenpflege und Kriegsfürsorge ein. Auf Marie Juchacz‘ Initiative hin wird außerdem eine Werkstatt eingerichtet, in der Mütter  Bekleidung für die Armee nähen und sich mit dem Werkstatt-Lohn selber unterhalten können.


Nach vier Jahren in Köln übernimmt Marie Juchacz 1917 die Stelle der zentralen Frauensekretärin der SPD in Berlin. Im Oktober 1917 wird sie als einzige Frau in den Parteivorstand der nach einer Abspaltung verbliebenen Mehrheitssozialdemokratie MSPD gewählt und baut die sozialdemokratische Frauenbewegung nach der Abspaltung neu auf.

Mit ihrem politischen Schwerpunkt Sozialpolitik widmet sie sich auch und vor allem der besonderen Notlage und dem Fürsorgebedürfnis jener Mütter, die durch die Kriegsjahre zunehmend erwerbstätig geworden sind und deren Existenzbedingungen sich zunehmend verschlechtert haben.


Im Januar 1919 werden Marie Juchacz und ihre Schwester Elfriede Kirschmann-Roehl in die Verfassungsgebende Versammlung der Weimarer Republik gewählt. Auf ihre Initiative im Verfassungsausschuss geht der Passus im Paragrafen 9 zurück: „Männer und Frauen haben die gleichen staatsbürgerlichen Rechte“. Allerdings mit dem Zusatz „grundsätzlich“, gegen den sich die streitbare Frauenrechtlerin vergeblich wehrt.


Am 19. Dezember 1919 wird auf ihre Initiative hin der Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt beim Parteivorstand der SPD ins Leben gerufen und Marie Juchacz übernimmt den Vorsitz in der Arbeiterwohlfahrt, die sich in ihren Anfängen die Verbesserung  der staatlichen Fürsorge zum Ziel genommen hat. Bereits Mitte der 20er Jahre hat die Arbeiterwohlfahrt an die zweitausend Ortsausschüsse. Ab Oktober 1926 erscheint zweimal monatlich die Zeitschrift Arbeiterwohlfahrt. Im Oktober 1928 eröffnet die  Arbeiterwohlfahrt in Berlin ihre erste und einzige Wohlfahrtsschule, in der Frauen und Männer aus der Arbeiterschaft zu Fürsorgerinnen und Fürsorgern ausgebildet werden.


Von 1920 bis 1933 gehört Marie Juchacz dem Reichstag an und konzentriert sich auf sozialpolitische Fragen und nimmt immer wieder zu frauenpolitisch-brisanten Themen wie der Reform des Ehescheidungsgesetzes oder des Paragrafen 218 StGB Stellung.

Bis 1933 ist sie SPD-Frauensekretärin im Parteivorstand und gehört dem Hauptvorstand des Verbandes der Arbeiterjugendvereine Deutschlands an.

Die Schwester Elisabeth Juchacz stirbt 1930, die mit ihr sehr eng verbundene Marie verstärkt ihr Engagement in der Arbeiterwohlfahrt, die sich 1933 auflöst, um der Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten zu entgehen. Nur einzelne ehemalige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen setzen ihre Fürsorgearbeit bis 1936 für Flüchtlinge, Inhaftierte und deren Familien ein. Marie Juchacz emigriert gemeinsam mit ihrem Schwager Emil Kirschmann ins das damals dem Völkerbund unterstehende Saargebiet  und engagiert sich in der dortigen Arbeiterwohlfahrt. Nach der Wiedereingliederung des Saarlands ins Deutsche Reich fliehen sie weiter ins Elsass, wo Marie Juchacz im Widerstand und später bei der Pariser Arbeiterwohlfahrt mitarbeitet.

Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges setzen beide ihre Flucht vor den Nazis Richtung Südfrankreich fort, erreichen Ende 1940 die rettende Hafenstadt Marseille und emigrieren von dort ;über Martinique in die Vereinigten Staaten. Hier lernt Marie Juchacz sehr schnell Englisch und baut die Arbeiterwohlfahrt – Opfer des Nationalsozialismus New York auf, in der sie dann bis 1948 arbeitet.

Anfang Februar 1949 kehrt die Frauenrechtlerin Juchacz nach Deutschland zurück. Die Ehrenvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt widmet sich in ihren letzten Lebensjahren neben der Verbandsarbeit dem Schreiben ihrer Autobiografie und einem Buch über herausragende sozialdemokratische Frauen unter dem Titel Sie lebten für eine bessere Welt.

Die Marie-Juchacz-Stiftung der Arbeiterwohlfahrt und eine Briefmarke aus der Reihe Frauen der deutschen Geschichte erinnern an die Parlamentarierin der ersten Stunde, nach der auch der Vorstandssitzungssaal der SPD-Fraktion im Berliner Reichstagsgebäude benannt ist.


Quelle:

Dipl.-Soz. Christina Rhein, Sie lebte für eine bessere Welt
Marie Juchacz geb. Gohlke (Im Rahmen des Projektes „Frauengeschichten in Treptow“), hier aus: Arbeiterwohlfahrt
Bundesverband e.V., http://www.awo.org/pub/archiv/juchacz/portrait_juchacz/view


Links (deutsch): 

http://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Juchacz

http://dispatch.opac.d-nb.de/DB=4.1/REL?PPN=128745452

http://berlin.spd.de/servlet/PB/menu/1020829/

http://www.awo.org/pub/archiv/juchacz/rede_juchacz.html

volume_up.gifhttp://www.beepworld.de/members78/dasjournal/juchacz.htm

http://www.bundestag.de/parlament/praesidium/reden/2004/010.html

http://www.bundestag.de/blickpunkt/105_Unter_der_Kuppel/0402047.html


International: 

http://www.iisg.nl/archives/en/files/j/10752878.php

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