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Mombert, Alfred

H.A.M. 0

Alfred Mombert
Dichter

Geb. 6.2.1872 in Karlsruhe
Gest. 8.4.1942 in Winterthur, Schweiz


„Ist ähnliches je einem deutschen Dichter passiert?“ Als sich Alfred Mombert diese Frage stellte war er fast 70 Jahre alt und eingesperrt hinter Stacheldraht im Konzentrationslager Gurs in den Pyrenäen. Dorthin hatten ihn die Nationalsozialisten am 22. Oktober 1940 mit  mehr als 6.000 Juden aus dem Badischen und der Rheinpfalz verschleppt. Der Schriftsteller Hans Carossa erreichte bei Reichspropagandaminister Josef Goebbels die Freilassung Momberts. Gemeinsam mit seiner Schwester Ella Guttmann wurde er 1941in die Schweiz abgeschoben. Zu spät. An den Folgen der unmenschlichen Haftbedingungen starb Alfred Mombert am 8. April 1942 in Winterthur.


„Mein Werk ist in vollstem Sinne in den Abgrund der Zeit gestürzt – ich selber bin ins Geister-Reich gerettet.“ So bitter bilanziert Alfred Mombert sein Leben in einem ergreifenden Brief an die Freundin Ida Dehmel kurz vor seinem Tod, den er kommen sah. Die Erkrankungen aus dem KZ Gurs waren zu schwer, um noch geheilt werden zu können.


Akfred Momert stammte aus einer bürgerlichen, assimilierten jüdischen Familie. Er war der Sohn des Kaufmanns Eduard Mombert und dessen Ehefrau Helene, geborene Gombertz. Sein Cousin Paul Mombert war ein bekannter Nationalökonom. Und wie viele deutsche Juden absolvierte Alofred Mombert (nach dem Abitur) seinen Miliärdienst als Freiwilliger. Danach studierte er in Hedelberg, Leiopzig und Berlin Jura. In Heidelberg arbeitete er nach Staatsexamen und Promotion ab 1899 als Rechtsanwalt.


Aber die Juristerei war nicht so ganz „sein Ding“, wie man heute sagen würde. Er hängte die Anwaltsrobe an den Nagel, begann zu dichten und bildete sich fort auf Reisen, studierte Geografie und Orientalistik. Der Poet  Mombert wurde zu einem der Wegbereiter des Expresionismus. 1928 wurde der „Dichter-Seher“ zum Mitglied der Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste in Berlin gewählt.


Martin Buber und Richard Dehmel schätzten seine mystisch-visionären Arbeiten, die in der Tradition Friedrich Hölderlins und Friedrich Nietzsches; seine Lyrik weist Ähnlichkeiten mit der von Rainer Maria Rilke und Stefan George auf. Dennoch verboten die Nazis seine Werke und schlossen ihn aus der Akademie der Künste aus. Weil er Jude war.
„Jetzt erst recht“, dürfte er sich gesagt haben. Und blieb in Deutschland bis zu seiner Deportation ins südfranzösische Gurs.


alfred_mombert.jpgEin Beispiel der Dichtkunst von Alfred Mombert (aus der Trilogie „Aeon“, von ihm selbst als „sinfonisches Drama“ bezeichnet):
AEON’s Völker-Zeit ist um / Dröhnend war sie, sie war sehr herrlich, / in der schö­nen Helden-Lust und – Kraft; / gewaltig umdrang sie die rollende Erde. / O es waren da die Räume jung. / Auch tönten dazwischen göttliche Stimmen; / ich horchte sie freudig ein ) in irdischen Landschaften, an geliebten Strömen: / am Nil, am Hwangho, an den Donau-Fluten; / ein seliger Jüngling hielt indes mein schnaubendes Roß. / Und überall auf den Ländern saßen meine Kaiser. / Karl der Große. Harun al Ra­schid. / In den Kuppeln ihrer Gold-Throne sangen Morgen-Lerchen, / auf Stufen vor ihnen prangten die Frauen; / ruhten die ernsten Löwen; zechenden Krie­ger. / Unten am Hügel pflügte ein nackter Mensch die Erde. / Fern blies ein Horn. Fern klang eine Trommel. / Droben über den Himmel zogen strahlende Wol­ken, / schwammen langgehalste Kraniche. – / * Nun kommt wieder das All mahnend mit vielen Lichtern auf mich zu. / In die Gassen meiner Menschen-Städte / lagert sich Lichtstaub von Orion-Nebeln. / Entfärbt der Helden blaue Enzianen-Pfade; / das irdische Jugend-Lächeln auf dem Firn des Himalaja. / Von Wolken-Türmen blicken Geister auf mich herunter; / Flötenspieler lehnen über mir auf himmlischen Brü­cken. / Meine Gestalt beginnt schon zu verstirnen. / Völker-Gedanken zerrinnen im Unendlichen. / Meine Taten zerrinnen im Unendlichen. / Es duftet jetzt so wunderbar von Rosen. / Es sinkt mir die Schwere der Geschichte von den Schultern. / Es ergreift mich lichter Äther: heitere Wahrheit. / Mir wird wunderbar leicht. / Da kommt das schwere Gesetz über meine Völker: / Die ernste Wahrheit: die dunkle Grablegung. / Wie herrlich alle in mir zusammenklangen – / ihre Harmonien in meinem Geist – : / Was jene waren, weiß nie mehr ein Geist. * Hier ist ein Ziel; / endet ein Welt-Alter; / hier ist der Stern Erde durchgangen; / hier dreht sich Aeons ewiger Welten-Gang. / Hier wurden Zeugung und Geburt ein Traum. / Sie blick­ten liebend gewendet in die Welten; / zwei goldene Engel, priesen sie den Himmel, / sie faßten sich zum Tanze, / sie schwebten in Äther, in ewige Schimmer: / sie tanzten hinüber ins Glück ihrer neuen Sfäre. – / Ihnen wandert Aeon nach.“


Autor:

Hajo Jahn

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