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Poelchau, Harald

H.A.M. 0

Harald Poelchau (D)
Gefängnispfarrer im Widerstand

Geboren am 5. Oktober 1903 in Potsdam
Gestorben am 29. April 1972 in Berlin


Gedenktafel am Haus Afrikanische Straße 140b, in Berlin-WeddingHarald Poelchau verbrachte seine Kindheit in Brauchitschdorf, einem schlesischen Dorf, in dem sein Vater Pastor war. Er studierte in Bethel, Tübingen und Marburg evangelische Theologie. Bevor er zum (fast vergessenen) „Heiligen von dieser Welt“ wurde – siehe den folgenden Artikel, den uns Autor Klaus Harpprecht zur Verfügung stellte –  war Harald Poelchau Werkstudent bei Robert Bosch in Stuttgart, Geschäftsführer der Deutschen Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfe. Er promovierte mit einer Arbeit über „Die sozialphilosophischen Anschauungen der deutschen Wohlfahrtsgesetzgebung“.


Im April 1933 wurde er Gefängnispfarrer in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel. Loyal unterstützt von seiner Frau Dorothee wurde Poelchau zum Seelsorger für unzählige inhaftierte Regimegegner, unter anderem von Pfarrern der Bekennenden Kirche, bei der er wie im Kreisauer Kreis selbst Mitglied war, und bekannter Vertreter der Widerstandsorganisation Rote Kapelle, wie Arvid Harnack und Harro Schulze-Boysen.


Harald Poelchau: Ein Heiliger von dieser Welt
An der Außenfront des unscheinbaren Apartmenthauses in der Afrikanischen Strasse, in dem er mit den Seinen während der langen Jahre der Diktatur und des Krieges gelebt hat, ist eine kleine Erinnerungstafel angebracht. Eine Schule trägt seinen Namen, dessen Bedeutung die engagierteren unter den Lehrern den Absolventen der höheren Klassen einzuprägen versuchen. Eine Strasse ist nach ihm benannt, auch eine U-Bahn-Station weit im Berliner Osten. Das Gedächtnis dieses Mannes ist in den Herzen der Menschen, die durch seine Hilfe – und durch die seiner Frau – die Heimsuchungen überlebten, niemals erloschen. Er ist wach in den Herzen der Wenigen, die noch unter uns sind. Er ist eingeschrieben in das Buch der Gerechten unter den Völkern in Yad Vaschem. Dorothee, seine Frau, konnte nach seinem Tod ein Bäumchen zu seinem Gedenken pflanzen.


Dennoch ist er unter den Menschen des deutschen Widerstandes gegen das Regime des Nazismus fast ein Unbekannter geblieben. Harald Poelchau, Pfarrer im Gefängnis von Tegel, gehörte zur Elite der Köpfe und Charaktere, die Helmut James Graf von Moltke auf seinem Gutshof im schlesischen Kreisau und öfter in seiner Berliner Wohnung versammelte, um mit ihnen Pläne für ein neues Deutschland nach der Katastrophe zu planen: einen Staat des Rechtes, der sozialen Gerechtigkeit, der Freiheit – eine deutsche Demokratie, die den Namen verdiente. Ihr Verbrechen war, wie sie vor Freislers Gerichtshof klar be-zeugten, keine Tat, sondern das Denken. Sie dachten eine Zukunft, die es nach des Führers Willen nicht geben durfte.


Harald Poelchau wurde, als seine Weggenossen auf das Urteil und schließlich auf die Hinrichtung warteten, ihr vertrauter Seelsorger. Er trug, sorgsam in seinen Kleidern verborgen, die Botschaften ihrer Frauen und Freunde in die Zellen, und er trug die Briefe der Gefangenen heraus. Die Brautbriefe, die Bücher, die Dietrich Bonhoeffer in der Zelle schrieb, erreichten mit seiner Hilfe ihre Adressaten, die schließlich zu einer Weltgemeinde wurden: der wirkungsmächtigste Lehrer der Christenheit. Er beförderte die bewegende Korrespondenz zwischen Freya von Moltke und ihrem Mann, der sein engster Freund wurde (und sie, nach seinem Tod, die engste Freundin). Er besorgte die Botschaften seines Freundes Peter Graf Yorck von Wartenburg, der sich schließlich, zusammen mit Eugen Gerstenmaier, der Verschwörung des Grafen Stauffenberg anschloss. Poelchau dachte und plante mit, als Gerstenmaier, auch im Kerker ein Bündel von Energie und ungebrochenem Mut, mit gefesselten Händen die ersten Skizzen für das Evangelische Hilfswerk entwarf, das nach 1945 Hunderttausenden das Leben rettete.


Es ist ein Wunder, dass Harald Poelchau, nahezu als einziger aus der Gruppe der Kreisauer, der Verhaftung entging. Keiner der Männer des Zwanzigsten Juli verriet, unter der Folter, seine Mittler¬dienste. Erst recht schwiegen die Frauen, die er in Moabit durch eingeschmuggelte Honigbrötchen und andere Köstlichkeiten vor dem Verhungern und ihre Seelen vor der Verzagtheit bewahrte. Er hatte zuvor die Frauen und Männer des Widerstandsnetzes der so genannten Roten Kapelle, ob Kommunisten oder nicht, mit Kraft und, soweit sie es brauchten, mit Trost aufzurichten versucht, und er versagte einem kühnen, ja tollkühnen Geist wie Harro Schulze-Boysen, der seinen Eltern versprach, mit lachendem Stolz in den Tod zu gehen, seinen Respekt nicht einen Augenblick. Er war an der Seite der holländischen und belgischen und norwegischen Resistenten, als sie zum Erschießungsplatz geschleppt wurden, oft Stunden über Stunden wartend, bis die Reihe an ihnen war, die Stille oder die Gebetsworte von den Salven der Hinrichtungspeletons zerrissen. Bei der ersten Exekution im Jahre 1934 – es war ein junger Raubmörder, der durch das Handbeil fiel – versagten seine Nerven. Zwölf Jahre später summierte er, dass er etwa ein Tausend Menschen zu ihrem gewaltsamen Tod geleitet hat, und man darf ihm glauben, dass er mit jedem einzelnen starb.
In den Friedensjahren hatte er sich um die Kommunisten und Sozialdemokraten bemüht, die als erste in die Gefängnisse und Lager verschleppt wurden. Da sie, zumeist Atheisten, an den regulären Gefängnisgottesdiensten nicht teilnehmen durften, brachte er es zuwege, Unterrichtsstunden für Religionslose zu organisieren: eine Insel für den Austausch von Gedanken, für unüberwachte Gespräche, für geistige Anregungen, die vor allem diese Häftlinge brauchten, damit ihre Seelen nicht verdorrten. Poelchau versagte sich jeden Missionierungseifer. Er konnte sich – religiöser Sozialist aus Paul Tillichs Schule, der bedeutendste Schüler des großen Lehrers – ihrer Terminologie ohne Schwierigkeit bemächtigen. Er sparte sich die Bibelworte und Gesangbuchverse. Lieber dachte er mit den Dissidenten Partnern über ein Dichterwort nach. Seine Zurückhaltung ging so weit, dass manche der Kommunisten den Verdacht äußerten, er sei nur noch Pfarrer, um seine Hilfsaktionen zu tarnen. Darin täuschten sie sich. Poelchau sagte von den Gefangenen, gleichviel ob Politische oder Kriminelle: « Ich sehe niemals den ‘Fall’, sondern immer die Persönlichkeit und das Geschöpf Gottes. » Zuletzt wollte er nichts anderes, als den Menschen, die ihm anvertraut waren, den Zugang zur Gnade Gottes öffnen.


Keiner der Kriminellen, keiner der Kommunisten verpfiff ihn, wenn er sich über die Bestimmungen hinwegsetzte. Doch draußen im Berliner Untergrund ging sein Name von Mund zu Mund: der Pfarrer Poelchau und seine Freunde (ob die Pastorenfamilie Wendland oder der Kreis um Ruth Andreas-Friedrich) wüssten Rettung in äußerster Not, raunten sich die Verfolgten zu; sie könnten einen Schlafplatz, Lebensmittelmarken ohne dem Stempel « J », vielleicht sogar einen Laib Brot und ein Säckchen Erbsen, sie könnten Geld, Ausweise, womöglich eine Arbeit besorgen. Menschen, von denen Poelchau oder seine Frau Dorothee – schwäbische Pfarrerstochter und eine Cousine des tapferen Julius von Jan, der für eine wahrhaft prophetische Predigt nach der « Reichkristallnacht » fast mit dem Leben gebüßt hätte – niemals auch nur den Namen gehört hatten, standen unversehens in ihrer Wohnung, riefen an, begehrten Einlass in seine Amtstube draußen im Gefängnis (wie es Peter Schneider in seinem Bericht über das Geschick des Musikers Konrad Latte in einem Rowohlt-Buch geschildert hat). Jeder und jede die¬ser Unbekannten konnte ein agent provocateur der Gestapo sein. Mit jedem, mit jeder konnte die Falle zuschnappen. Poelchau und seine Frau verließen sich auf ihren Instinkt: Helfen war wichtiger.


Sie riskierten hundert Tode. Niemand verriet sie. Sie blieben bewahrt, obschon es kaum zu erklären ist, dass die Schergen des SD, der Gestapo, der Polizei, der Nazis unter dem Gefängnispersonal niemals Verdacht geschöpft hatten. Vielleicht schützte sie eine Aura der Unberührbarkeit. Wäre Poelchau katholischer Konfession gewesen, hätten die aufge-klärten der deutschen Bischöfe vermutlich längst den Prozess der Selig- und Heiligsprechung eingeleitet, trotz seiner nahezu aufsässigen Liebe zum Leben, zu den Segnungen der Sinne, zu gescheiten Frauen. Wichtiger wäre ihnen die kaum erklärbare Heiterkeit, mit der Poelchau durch die entsetzlichen Prüfungen jener Jahre schritt.


Er gab sie auch nach dem Kriege nicht preis, nicht als Generalsekretär des Evangelischen Hilfswerkes, nicht als Bediensteter der Justizverwaltung in der Sowjetisch Besetzten Zone, der sich erst 1949 von dem Experiment einer humanen Reform des Strafvollzuges resigniert zurückzog, nicht bei seiner Rückkehr in die Gefängnisseelsorge in Tegel, nicht als erster Berliner Sozialpfarrer, der eine Brücke über die tiefe Kluft zwischen der Kirche und der Arbeiterschaft zu bauen bemüht war.


Seine Kräfte aber hatten sich verzehrt, als er das Pensionsalter erreichte. Er starb 1972 im Ordinationszimmer seines Arztes. Am 5. Oktober würde er hundert Jahre alt. Er war ein tapferer, ein bescheidener, ein frommer und weltfrommer, ein großer Mann. Deutschland hatte nicht viele seinesgleichen. 


Quelle:

DIE ZEIT/Feuilleton 22-9-03 (zeitpoel)


Autor:

Klaus Harpprecht

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