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Duckwitz, Georg Ferdinand

H.A.M. 0

Georg Ferdinand Duckwitz
Diplomat


Geb. 29.9.1904 in Bremen
Ges. 16.2.1973 in Bremen-Lesum


„Ich weiß, was ich zu tun habe“

(G.F. Duckwitz am 19.9.1943


Der „Retter der dänischen Juden“ dürfte im Ausland bekannter (gewesen) sein als in Deutschland. Aus Anlass seines 100. Geburtstags veröffentlichte Auswärtige Amt eine gründlich recherchierte Schrift über diesen beispielhaften Widerständler und Nazigegner, der in den USA und in Israel vielfach geehrt wurde, im Jerusalemer Yad Vaschem sogar sogar als Gerechter unter den Völkern: Eine Auszeichnung, die aus der Diplomatengarde des „Dritten Reichs“ bislang nur ihm zuteil wurde. Erst unter Außenminister Joschka Fischer entdeckt das AA die vorbildhaften Mitarbeiter während der NS-Zeit. Einige von ihnen waren im Nachkriegsdeutschland von den ehemaligen Parteigenossen gemobbt worden. In Duckwitz aber manifestiert sich nicht nur die Läuterung eines ehemaligen NSDAP-Mitglieds und Parteifunktionärs, sondern auch die westdeutsche Nachkriegspolitik – vom Kalten Krieg bis zur Aussöhnung mit dem kommunistischen Osteuropa. Der Lebenslauf des ehemaligen Staatssekretärs ist eine beispielhaft deutsche Biographie des 20. Jahrhunderts.


Wie so viele Bürger nach dem ersten Weltkrieg war auch der junge Duckwitz nationalkonservativ eingestellt und kein Anhänger der Weimarer Republik. Vielleicht gerade deshalb wurde er bereits 1932 Mitglied der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei und Mitarbeiter im „Außenpolitischen Amt“ der NSDAP (das hieß tatsächlich so, obwohl doch Ämter eigentlich Behörden sind). Der dänische Historiker Hans Kirchhoff attestiert ihm jedoch in der Denkschrift zum 100. Geburtstag, daß Duckwitz sich schon in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts von der „falschen Seite“ entfernte und aktiver Widerständler wurde: „Es besteht kein Zweifel, daß die Metamorphose zum Gegner des Regimes und zum überzeugten Demokraten eine authentische ist. Einen besseren Bürgen für diese Wandlung als (den Exilanten) Willy Brandt wird man schwerlich finden.“


Doch bis dahin war es ein weiter Weg. Im von der Wehrmacht von 1940 bis 1945 besetzten Dänemark arbeitete Georg F. Duckwitz an der deutschen Botschaft in Kopenhagen als Sachverständiger für Schiffahrt. Das Rüstzeug dafür hatte er in der Praxis erlernt: Nach einer kaufmännischen Lehre Angestellter exportorientierter Firmen in Bremen sowie als Leiter der Kaffee-Haag AG in Dänemark sowie bei der Hamburg-Amerika-Linie (Hapag).
Der Experte Duckwitz musste an der Gesandtschaft zwar war Schiffe requirieren, was normalerweise in einem besetzten Land keine Freunde geschaffen hätte. Doch diese Besatzeraufgabe half ihm, der mit einer Schweizerin verheiratet und längst zum Gegner der Nazis geworden war, ein Beziehungsgeflecht zu Dänen und Schweden zu knüpfen. So konnte er den dänischen Widerstand im Untergrund von der bevorstehenden Judendeportation warnen und aktiv mithelfen, fast alle dänischen Juden ins sichere Nachbarland Schweden zu bringen. Rund 7.000 Menschen so vor dem Vernichtungstod gerettet.


Nach dem Ende der Hitlerdiktatur blieb Duckwitz in Dänemark, wurde 1951 im neuen deutschen Generalkonsulat Mitarbeiter des Auswärtigen Dienstes, ging 1953 für zwei Jahre nach Helsinki an die dortige Vertretung der BRD und 1955 als Botschafter zurück in die dänische Hauptstadt.

Die vermeintliche Karriere als Leiter der Ostabteilung im AA ab 1958 wurde zunächst der Anfang vom Ende seiner Laufbahn als Diplomat. Schon damals hatte er andere Vorstellungen von der Ostpolitik als die Adenauer-Regierung. Vor allem Polen lag ihm auf der Seele. Diesem Land gegenüber sollte man – so der Historiker Arnulf Baring über Duckwitz – ebenso wie Israel wegen des unglaublichen Ausmaßes nationalsozialistischer Ausrottungspolitik moralischen Kategorien den Vorrang geben. Doch die Zeit war dafür noch nicht reif. Frustriert ließ sich Duckwitz 1961 als Botschafter nach Neu Delhi und 1965 gar in den Ruhestand versetzen.


Dann kam in Bonn die große Koalition zwischen CDU und SPD. Der damalige Außenminister Willy Brandt reaktivierte Duckwitz, denn der frühere Berliner Regierende Bürgermeister von Berlin hatte den Diplomaten kennen- und schätzengelernt, als dieser noch die Ostabteilung des AA leitete. Das Lübecker Arbeiterkind Brandt und der Bremer Bürgersohn Duckwitz waren wohl von ähnlichem Naturell. Zudem geprägt durch Skandinavien, ähnlich in ihren Auffassungen gegenüber den USA, vor allem jedoch in der Ostpolitik und sogar mit derselben Vorliebe für einen guten Tropfen. Selbst als Willy Brandt 1969 Kanzler wurde und Duckwitz als Staatssekretär in dem von Walter Scheel geführten Außenministerium blieb, gehörte der Widerständler von einst zum engsten Beraterkreis des deutschen Regierungschefs und hat in dieser Eigenschaft die Aussöhnungspolitik Deutschlands gegenüber Polen, der Sowjetunion und den übrigen Ostblockstaaten mit gestaltet.

Daß sich jetzt die offizielle deutsche Politik auf die lange vergessenen oder verdrängten Widerständler besinnt, zu denen etwa auch Fritz Kolbe aus dem AA gehört, war überfällig. Ist doch einseitiger Negativismus auf Dauer nicht lebbar. Bleibt die Frage, wo bleiben die Sekretärinnen und Kuriere, die sogenannten Kleinen Leute, die mitgeholfen haben im Widerstand?

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Autor:

Hajo Jahn


Links (deutsch):

 

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