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Becker, Jurek

H.A.M. 0

Jurek Becker
Schriftsteller

Geb. 30.9. 1937 in  Łódź/ Polen
Gest. 14.3. 1997 in Sieseby


Jurek Becker„Sooft ich in der Vergangenheit nach Herkunft und Abstammung gefragt worden bin“, leitet Jurek Becker seinen Essay „Mein Judentum“ ein, „habe ich geantwortet: Meine Eltern waren Juden“, und wenn der Frager daraus schließen wollte „Sie sind also Jude“, berichtigte er ihn, indem er wiederholte: „Meine Eltern waren Juden.“ Der Unterschied schien ihm, dem deutschen Schriftsteller, der sich selbst als Atheist bezeichnete „irgendwie wichtig zu sein.“ Allein der „Umstand“, dass er vermutlich am 30.09.1937 in Lodz in eine jüdische Familie hineingeboren wurde, sollte für seinen weiteren Lebenslauf nicht ohne erhebliche Folgen sein.


Als Sechsjähriger wurde er mit seiner Mutter aus dem Ghetto Lodz nach Ravensbrück deportiert, der Vater nach Auschwitz und später Sachsenhausen. Wenige Wochen nach der Befreiung aus dem Lager starb die Mutter an Unterernährung – Zeit seines Lebens trug Becker an der Last, er hätte auf Kosten seiner Mutter überlebt, die ihm ihr bisschen Essen gegeben hatte. Nach Kriegsende fand der Vater (erst mit Hilfe der American Jewish Joint Distribution Organization) einen fast verhungerten Siebenjährigen, der viel jünger aussah und eine Mischung aus Polnisch, Ghetto-Jiddisch und der „Lagersprache Ravensbrück“ sprach.


Jakob der Lügner

Der Vater ging mit seinem Sohn nicht zurück nach Lodz, sondern nach Berlin. Er hielt es für angemessen, dort nicht aufzufallen: aus Jerzy und Mieczyslaw Bekker wurden Georg und Max Becker. So wie die Eltern seit der Geburt ihres Sohnes zu Hause nur noch Polnisch gesprochen hatten, um dem Kind die Erfahrungen des Antisemitismus zu ersparen, so sollte der kleine Jurek (von Jerzy abgeleiteter Kosename) im Nachkriegs-Berlin nun Deutsch lernen, um nicht aufzufallen. Welches also war die „Muttersprache“ des späteren Autors? Seine ersten deutschen Worte, so erinnerte er sich als Erwachsener, waren Kommandos der Wachen: „Antreten – Zählappell“ und „dalli-dalli“.

Die Vergangenheit wurde zwischen Vater und Sohn zum Tabuthema. Beckers erster „Judenroman“, „Jakob der Lügner“ (1969) ist die erste Annährung an diese der Erinnerung nicht zugängliche Zeit. Anhand von sorgfältigen Recherchen wird hier ein mögliches Leben rekonstruiert, wie es sich im Lodzer Ghetto hätte ereignen können. Einer zwingenden Not folgend, lügt Jakob, indem er behauptet, im Besitz eines Radios zu sein, was doch unter Androhung der Todesstrafe verboten ist. Er lügt jedoch nur, weil diese Lüge immer noch glaubwürdiger scheint, als die Tatsache, dass er aus dem Polizeirevier entkommen ist, das vor ihm noch kein Jude wieder lebend verlassen hat. Nur zufällig hat er hier gehört, dass sich russische Truppen unaufhaltsam dem Ghetto nähern. Als von anderen Ghettobewohnern bedrängter geheimnisvoller Radiobesitzer erfindet Jakob deshalb weitere Geschichten, um bei seinen Leidensgenossen die Kraft zum Überleben zu wecken.

Jakob reflektiert nicht sein Judentum, sondern lebt es, genauer, versucht es zu überleben. Und weil es ihm aus allzu bekannten Gründen nicht gelingt, ist sein Leidensgefährte ein Erzähler, der uns Jakobs Geschichte überbringt. Vieles schwingt im Titel mit: die Geschichte vom „Betrüger“ Jakob aus dem alten Testament, der seinen Bruder Esau um das Erstgeburtsrecht bringt; auch das Klischee vom lügenden Juden, das der Jude Otto Weiniger seinem philosophischen Konstrukt „Geschlecht und Charakter“ als These zugrunde legt. Beckers Jakob widerlegt sie beide – er ist ein altruistischer Betrüger. Er „lügt“, um zu retten. Die Lüge wird ihm zur Korrektur einer verbrecherischen Welt. Seine erste Notlüge, die den jungen Mischa vorm sicheren Tod bewahrt, zieht viele weitere nach sich, denn die nach Hoffnung süchtigen Ghettobewohner bedrängen ihn stündlich nach lindernden Neuigkeiten.

Jakob hat Bedenken, wehrt sich, weiß doch, dass die ursprüngliche Mitteilung mit jeder weiteren zum Versprechen wird, das er nicht wird halten können. Aber nachdem der orthodoxe Jude Herschel Stamm vor seinen Augen erschossen wird, weil er den in einen Viehwagon gepferchten Juden eine baldige Befreiung in Aussicht stellt, nimmt Jakob seine Rolle als Helfer bewusst an, wird mit der Stärke des Schwachen zum Helden wider Willen. Dieses Buch vom Menschsein unter unmenschlichen Bedingungen ist ein Paradigma für die Banalität des Guten. Denn der kurzfristige Erfolg bleibt nicht aus. Es gibt keine Selbstmorde mehr im Ghetto, die vom Tod bedrohten Menschen schwelgen in Zukunftsplänen. Und als das ganze Lager wenig später doch noch deportiert wird, steht Jakob zum Schluss tatsächlich als Lügner da. Der jedoch will sich mit einem solch „blasswangigen“ Ende nicht zufrieden geben. Er malt ein anderes aus, wonach Jakob zwar auch stirbt, aber als Märtyrer, denn das Ghetto wird rechtzeitig von den Russen befreit.


Der Boxer

In „Der Boxer“ (1976), seinem zweiten „Judenroman“, ist der Autor Jurek Becker dann zweifach präsent. Als Figur des Erzählers, der den widerwilligen Aron über sein Leben ausfragt und eben das tut, was der reale Sohn beim realen Vater versäumt hat, als auch in der Figur des Kindes Mark, das vom Vater nach dem Kriege wieder gefunden wird. Arons Leben kennt von da an nur ein Ziel: seinem Sohn alle Schmerzen zu ersparen, die ihn gebrochen haben. In der Praxis heißt das für Aron, die Vergangenheit totzuschweigen. Sein erster Gang gilt der Fälschung seiner Personalien: Er verjüngt sich um sechs Jahre Lager und germanisiert seinen Namen zu Arno. Dass er sich dabei selbst verleugnet und dass ihn dies notgedrungen zu lähmender Selbstentfremdung fuhren muss, kann Aron nicht voraussehen. Die ihm von der Nachkriegsgesellschaft zugedachte Opferidentität weist er zurück, weil er sich durch sie ein zweites Mal stigmatisiert sieht. Vor allem aber meint Aron, im Interesse seines Sohnes zu handeln. Als Mark eines Tages verprügelt aus der Schule kommt, ist der Vater überzeugt, dass es sich um einen antisemitischen Vorfall handelt. Er will den Sohn lehren, was ihm selber noch nie gelungen ist: sich zur Wehr zu setzen. Dass der Sohn sich dann von einem defensiven in einen offensiven Boxer entwickelt, lag nicht in der Absicht des Vaters. Doch hat auch Marks Verhalten seine eigene Logik. Die Tatsache, dass der Vater ihn weder über seine jüdische Herkunft noch über seine Lagervergangenheit aufklärt, empfindet der Sohn als Identitätsraub. Die Rollenverweigerung nämlich, die der Vater aus freiem Entschluss fasst, wird dem Sohn aufgezwungen. So kompensiert der Sohn die Bevormundung des Vaters auf gewaltsame und – wie sich herausstellt – selbstmörderische Weise.


Liebling Kreuzberg

Opfersein und Lügenmüssen – eines der Erzählmotive Beckers. Aber es gab auch den Becker, der sich sagte: „Überlebenswille ja – Anpassung nie!“ – im Leben wie im Beruf. Als Schriftsteller wusste er, wie er es einmal formulierte, dass auf Opportunismus die Höchststrafe steht – die Bedeutungslosigkeit. Als DDR-Bürger protestierte er im Herbst 1976 gegen den Ausschluss Reiner Kunzes aus dem Schriftstellerverband und die Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der DDR. Becker flog aus der SED und aus dem Autorenverband und verließ ein Jahr später die DDR in Richtung West-Berlin.

Weiterhin sich vorwiegend seinen Romanen widmend („Schlaflose Tage“ 1978; „Aller Welt Freund“ 1982 und „Bronsteins Kinder“ 1986) war Becker im Westen auch als Drehbuchautor erfolgreich. Nach einer Idee des Produzenten Otto Meißner und des Hauptdarstellers Manfred Krug verfasste er die Drehbücher für die Fernsehserie „Liebling – Kreuzberg“. Sie handelt von den Alltagsfällen, die der Kreuzberger Anwalt Liebling mit schlagfertigem Witz, kleinen juristischen Tricks und persönlichen Marotten bearbeitet. „Liebling“ war ein großer Publikumserfolg, für seine Mitarbeit an der Serie erhielt Becker 1987 den Adolf-Grimme-Preis in Gold. Trotz der mannigfachen Anerkennung mochte Becker in dem anderen Deutschland sich nicht heimisch fühlen. Ein „Westmensch“, wie er es nannte, wurde er nie. „Ich werde die Empfindung nicht los, ich mische mich hier in die Angelegenheiten fremder Leute ein“, sagte er noch im Dezember 1994, als seine Vereinigungssatire „Wir sind auch nur ein Volk“ im Fernsehen lief. Sein kritischer Blick für die Bevölkerung in beiden Teilen des Landes ging ihm niemals verloren. So verfasste er mit „Amanda Herzlos“ (1992) einen hinreißenden Abgesang auf die DDR. Drei Männer erzählen, jeder aus seiner Sicht, ihr Leben mit Amanda im letzten Jahrzehnt der DDR: der biedere Sport-Journalist, der dissidentische Schriftsteller, der westdeutsche Hörfunk-Korrespondent. Ihre Geschichten fugen sich zu einem Liebes- und Entwicklungsroman, dessen hintergründiges Thema die Identitätssuche einer ostdeutschen Frau ist.

„Amanda Herzlos“ sollte Jurek Beckers einziger „Frauenroman“ bleiben. Er ist am 14. März 1997 nach einem langen Krebsleiden in seinem Haus in Sieseby/ Schleswig-Holstein verstorben.


Autor:

Andre Schlüter

Der Artikel Geborener Jude, selbsternannter Atheist und deutsch-deutscher Schriftsteller“ – Zum 10. Todestag von Jurek Becker wurde dem Exil-Archiv freundlicherweise von der Redaktion der  Zeitschrift diesseits, herausgg. vom Humanistischen Verband Nordrhein- Westfalen, zur Verfügung gestellt (21. Jhg., 2. Quartal, Nr. 79/ 2007, S. 30/ 31).


Links (deutsch):

http://www.ub.fu-berlin.de/internetquellen/fachinformation/germanistik/autoren/multi_ab/beckerju.html

http://edoc.ub.uni-muenchen.de/archive/00002266/01/Wen_Xin.pdf

http://dispatch.opac.d-nb.de/DB=4.1/REL?PPN=118829742

http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/BeckerJurek/

http://www.cinegraph.de/lexikon/Becker_Jurek/biografie.html

http://www.hamburger-bildungsserver.de/welcome.phtml?unten=/faecher/deutsch/autoren/becker/

http://www.stonee.de/trickfilm/szenen.html

http://www.kaindlstorfer.at/interviews/becker.html

http://www.perlentaucher.de/autoren/15942.html

http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/nullpunkt/pdf/becker_klage.pdf

http://www.freitag.de/2003/06/03061401.php

http://www.petersell.de/ddr/32_becker.htm

http://www.bela1996.de/literature/becker-koelbl.html

http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,208702,00.html

http://www.zeit.de/1978/11/Zt19780310_031_0076_li

http://www.arte.tv/de/geschichte-gesellschaft/archivs/Widerstand/792530,CmC=792518.html

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