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Strumpp, Emil

H.A.M. 0

Emil Stumpp
Maler und Zeichner


Geb.17. 3. 1886 in Neckarzimmern
Gest. 5. 4. 1941 im Gefängnis von Stuhm (poln. Sztum)


Gäbe es eine Auszeichnung für Mut in der Nazizeit, Emil Stumpp hätte ihn verdient. Die Kunstfertigkeit dieses Mannes, der als Maler, Journalist und vor allem als Zeichner im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts Millionen Menschen ein Begriff war, ging stets mit Zivilcourage einher. Diese Zivilcourage wurde ihm jedoch am 20. April 1933 zum Verhängnis: An jenem Tag erschien im Dortmunder „Generalanzeiger“ ein „kritisches“ Porträt des „Führers“. Die Auftragsarbeit war eine Art Karikatur des Diktators und wurde von den Nationalsozialisten sogleich als Verhöhnung empfunden. Die Zeitung wurde „gleichgeschaltet“ und Stumpp erhielt Berufsverbot. Durch den dadurch bedingten Fortfall der Pressefreiheit ist Emil Stumpp in die deutsche Pressegeschichte eingegangen, auch wenn dieses demokratische Prinzip später so oder so außer Kraft gesetzt worden wäre.


Berühmt geworden war er durch seinen unnachahmlichen Zeichenstil: Es gab kaum eine Persönlichkeit von Rang und Namen, die er nicht gezeichnet hat und deren Porträt nicht in irgendeiner in- oder ausländischen Publikation veröffentlicht wurde: Politiker und Intellektuelle, Wirtschaftsmagnaten, Musiker, Maler, Dichter und Sportler. Fast immer ließ er sei seine Zeichnungen signieren – wenn man so will, eine Marotte, oder anders gesagt: sein Markenzeichen, aber auch eine Aussage der Porträtierten, die damit ihr Einverständnis dokumentierten. Angeblich soll er der einzige Künstler gewesen sein, der die Genehmigung für ein Porträt des großen norwegischen Künstlers Edvard Munch erhielt.


Sein Deutsch-, Geschichts- und Philosophie-Studium hatte Emil – nach einem Semester an der Kunstgewerbeschule Karlsruhe – überwiegend in Deutschland absolviert. Gleich nach dem Staatsexamen in Marburg musste Emil Stumpp seinen Militärdienst ableisten. Nach mehreren Verwundungen an der Ostfront wurde er gegen Ende des ersten Weltkriegs in der Kommandantur des Königsberger Bahnhofs eingesetzt. Danach blieb er dort von 1919 bis 1924 als Kunst- und Sportlehrer (welche eine Kombination!) an einem Gymnasium, bevor er sich als Pressezeichner und Maler selbständig machte.

Der Erste Weltkrieg hat ihn nachhaltig geprägt. Seine Kunstfertigkeit ging seitdem einher mit einer politisch-moralischen Haltung, mit der er versuchte, das sittliche Grundgesetz des Königsberger Philosophen Emanuel Kant mit den Prinzipien des Sozialismus im Einklang zu bringen.


Verfolgt von den Nazis, wurde Emil Stumpp nach dem Dortmunder Eklat zur Unperson erklärt, durfte in der Öffentlichkeit nicht mehr erscheinen, also nicht publizieren. Wenn er sich nicht im Ausland aufhielt, lebte er abwechselnd in Berlin und in Königsberg. Seinen Lebensunterhalt bestritt er durch Verkauf oder Veröffentlichungen seiner Aquarelle und Lithographien auf diversen Reisen nach Südeuropa, Marokko, England, die Tschechoslowakei und immer wieder Schweden. Wohl oder übel musste er sich dem Käufergeschmack annähern und malte überwiegend Landschaftsbilder, obwohl seine eigentliche Stärke die Porträtzeichnungen waren, insgesamt mehr als 20.000.


Zu Skandinavien hatte Stumpp eine besondere Beziehung. In Uppsala war er einst kurze Zeit Student gewesen. Aus Schweden stammte seine Gattin und deren Familie, zu der er auch nach dem Tod seiner Frau enge Beziehungen unterhielt.

Aus Sorge um seine tödlich erkrankte Tochter Hilde reiste Emil Stumpp 1940 aus dem sicheren Schweden nach Königsberg. Einer von mehreren Gründen für seine Verhaftung war das Gespräch mit französischen Kriegsgefangenen – solche Kontakte mit dem Feind galten als subversiv und waren strengstens untersagt. Hinzu kam, dass ihn auch seine Wirtsleute wegen freimütig geäußerter Kritik am NS-Regime angezeigt haben sollen. Ein Sondergericht in Memel verurteilte den Volksschädling am 14. Januar 1941 wegen „Vergehens gegen das Heimtückegesetz und verbotenen Umgangs mit Kriegsgefangenen“ zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr. An den Folgen der Haftbedingungen starb der Künstler nach nur wenigen Wochen im Gefängnis von Stuhm in Westpreußen.


Das Sondergerichts-Urteil gegen Emil Stumpp wurde bis heute nicht widerrufen. In Worms, wo er in einer großen Familie seine Kindheit und Jugend erlebte, gibt es eine Straße, die an den großen Sohn erinnert, von dem Hunderte von Zeichnungen im Deutschen Historischen Museum in Berlin und im Dortmunder Institut für Zeitungsforschung aufbewahrt werden. Sogar der Deutsche Bundestag verfügt über eine Stumpp-Sammlung von mehr als 300 Porträts deutscher Politiker der Weimarer Republik.

Nach dem Tod des Künstlers und seiner dramatischen Beisetzung am 10. April 1941 in Königsberg wurde von seiner Tochter Hedwig und ihrem späteren Ehemann, dem Komponisten Kurt Schwaen, im Mai 1941 in Berlin das „Emil Stumpp-Archiv“ gegründet. Damals zog der Komponist mit in das Atelier von Stumpp in Berlin-Friedenau, Offenbacher Str. 29. Er heiratet Hedwig im März 1942. Von diesem Zeitpunkt an engagierte sich Schwaen 50 Jahre lang für dieses Archiv, zunächst mit Hedwig, nach deren Tod (1976) allein. Nach dem Krieg zog er mehrfach damit um, organisierte  zusammen mit Hedwig im Juni 1945 die erste deutsche Kunstausstellung nach dem Krieg in Berlin, katalogisierte die Lithographien, sorgte für Veröffentlichungen in der DDR, organisierte Ausstellungen, Lesungen, in denen er auch aus dem Buch Über meine Köpfe- Essays von Stumpp über die von ihn gemalten Persönlichkeiten las; Schwaen hat das Buch im Verlag Der Morgen herausgegeben, es ist noch in Antiquariaten zu finden, wird aber sonst nirgends erwähnt).


Unten den Porträts, die Emil Stumpp gezeichnet hat, waren viele jüdische Persönlichkeiten (darunter auch Else Lasker-Schüler). Wäre sein Archiv in die Hände der Nazis gefallen – und Schwaen stand ja unter Polizeiaufsicht – wäre er im KZ gelandet.  Darüber fällt in keiner Stumpp-Biographie ein Wort. Erst nach der Wende übergab Kurt Schwaen aus Altersgründen das Archiv dem Stumpp-Neffen Michael, der bereits in der Bundesrepublik Werke seines Onkels besaß.
Gelegentlich gab und gibt es Ausstellungen mit Werken von Emil Stumpp, werden seine Zeichnungen als Illustrationen für Bücher verwendet oder als Schallplatten-Cover und für eine Briefmarke der DDR. Radierungen von Emil Stumpp sind zu erwerben bei Michael Stumpp, seinem Neffen: Per Adresse Alte Leipziger Straße 40b, 63571 Gelnhausen.


Autor:

Hajo Jahn


Literatur:

Detlef Brenneke, Michael Stumpp (Hrsg.):
Emil Stumpp, ein Zeichner seiner Zeit
Berlin-Bonn, 1988, ISBN 3-8012-0135-X


Links (deutsch):

http://www.emil-stumpp.de

http://dispatch.opac.ddb.de/DB=4.1/REL?PPN=118757563

http://de.wikipedia.org/wiki/Emil_Stumpp

 

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