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Steinweg, Leo

H.A.M. 0

Leo Steinweg
Motorrad-Rennfahrer


Geb. 1906 in Münster
Gest. 1945 KZ Flossenburg


Bereits als Kind träumte er davon, Rennfahrer zu werden. Nach abgeschlossener vierjähriger Mechaniker-Lehrer in Güstrow – wo auch sein Bruder lebt – geht er vorübergehend wieder zurück zu seinen in Münster lebenden Eltern. Über Kontakte mit der örtlichen DKW-Vertretung gelingt es ihm Verbindungen zu den DKW-Werken im sächsischen Zschoppau aufzunehmen. Im Frühjahr 1924 nimmt man den fast 19Jährigen als Fahrer unter Vertrag.


Zu Beginn der Saison 1924 erhält er per Bahn das erste Rennmotorrad, eine 175er DKW, mit der Leo Steinweg bei seinem ersten Rennen direkt den vordersten Platz in seiner Klasse gewinnt. Neben allen sportlichen Erfolgen sind aber für Steinweg auch bereits in diesen Jahren antisemitische Tendenzen spürbar, und seine katholische Freundin Emmy muß sich die Frage gefallen lassen, warum sie mit einem Juden „geht“.


In den nächsten Jahre sind die 400-Meter Zement- oder Holzbahnen in Gelsenkirchen, Hamborn, Elberfeld (heute: Wuppertal), Dresden, Hannover, Stettin und Münster das sportliche Zuhause für den Motorrad-Fahrer Steinweg. Zuerst auf 175ccm-Maschinen, später auch in der 250er Klasse. Der bald von den Zeitungen als Held des Tages betitelte Radsportler belegt dabei fast immer einen der vordersten Plätze. Mit den Preisgeldern kann Steinweg im Jahre 1929 schließlich sein eigenes Motor- und Fahrradgeschäft mit angeschlossener Werkstatt eröffnen.


Am 30. Januar 1933 ergreifen die Nationalsozialisten die Macht. Für den jüdischen Sportler Steinweg ist dies der Anfang vom Ende seiner erfolgreichen Karriere. Am 1. April wird das gutgehende Geschäft von SA-Leuten besetzt und geschlossen.

Dennoch übt er vorerst weiter seine Rennfahrertätigkeit aus, bis er im Juli 1933 ein Lizenzformular für die Ausübung des Rennsportes für das Jahr 1934 erhält, in dem unter anderem auch die Frage gestellt wird, ob er Arier sei. Spätestens jetzt weiß Steinweg, daß er seinen Beruf wird aufgeben müssen, fährt jedoch vorerst noch weiter, so lange es geht.


Im Sommer 1933 heiratet er seine Freundin – gerade noch rechtzeitig vor Inkrafttreten der Nürnberger-Rassegesetze 1935, die eine Eheschließung zwischen Juden und sogenannten Ariern unter Strafe stellen.


Den Vorschlag seiner Frau, Nazi-Deutschland zu verlassen, lehnt Leo Steinweg weiterhin ab, fest davon überzeugt, daß Hitler nur eine vorübergehende Ära sein wird. Das Münsteraner Geschäft des einstmals so erfolgreichen Rennsportlers gerät in immer größere finanzielle Schwierigkeiten – die Kunden bleiben weg oder bekommen Probleme, weil sie bei einem jüdischen Geschäftsmann ein Motorrad kaufen.


Ein Freund, der bei der SS ist, rät ihm im Sommer 1938 dringend zur Ausreise, und diesmal folgt Leo Steinweg dem Rat. Als Leo Israel, mit einem „J“ im Paß und 30 Reichsmark in der Tasche, überquert er am 1. September – als Besucher – die deutsch-niederländische Grenze bei Gronau-Enschede (bereits zu diesem Zeitpunkt hat die niederländische Regierung ein offizielles Einreiseverbot für Juden erlassen). In Münster kündigt seine Frau die gemeinsame Wohnung und verkauft alle Möbel. Bei der Auflösung des Geschäftes muß sie schließlich einen Verlust im sechsstelligen Bereich hinnehmen – die Käufer wissen sehr wohl, daß der einst hochgelobte Radrennfahrer Leo Steinweg so schnell nicht zurückkommen wird.

Die einzigen Andenken an seine erfolgreichen siebenjährigen Rennfahrer-Karriere – zwei Kisten mit Silberpokalen, Silberschalen und Kranzschleifen – hat er noch vor der Ausreise bei seinen Schwiegereltern deponieren können.


In den Niederlanden wird von der Polizei bald darauf Steimwegs Paß eingezogen. Er kann in Utrecht untertauchen – und hierhin folgt ihm auch später Frau Emmy. Im Mai 1940 überfallen deutsche Truppen die Benelux-Staaten. Das Ehepaar Steinweg lebt über zwei Jahre versteckt in der obersten Etage des Hauses Hartingstraat 18.

Am 28. August 1942 wird Leo Steinweg mitten in der Nacht abgeholt, kurz darauf mit dem Zug über Amsterdam ins Durchgansglager Westerbork deportiert und Anfang November ins Konzentrationslager Auschwitz. Mit Hilfe eines Wehrmachts-Bewachers kann er jedoch weiterhin brieflichen Kontakt mit seiner im niederländischen Exil lebenden Frau halten. Wiedersehen wird er sie allerdings nicht mehr – kurz vor der Befreiung durch die Alliierten stirbt Leo Steinweg im nahe der tschechischen Grenze gelegenen KZ Flossenburg.


Literatur:

Emmy Herzog: Leben mit Leo. Ein Schicksal im Nationalsozialismus, Aschendorffsche Verlagsbuchhandlung, Münster 2000, ISBN 3-402-05369-1

 

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