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Sommer, Alice

H.A.M. 0

Alice Sommer
Pianistin


Geb. 26.11. 1903 Prag/ Österreich-Ungarn


„Der Mensch braucht nicht Essen, er braucht nur einen Inhalt. Und das kann die Musik sein. Nicht die Malerei und nicht der Goethe mit dem Shakespeare, denn die Musik macht uns vergessen. Zeit existiert dann nicht mehr. Man hört, und speziell in einer schwierigen Situation ist man verzaubert, in einer anderen, in einer besseren, hoffnungsvolleren Welt.“

„Ich bin einer der glücklichsten Menschen auf diesem Planeten.“

(Alice Sommer)


Das Kind einer jüdischen Fabrikantenfamilie wächst im Umfeld eines aufgeklärten Bürgertums auf. In ihrem Elternhaus in Prag verkehrten Schriftsteller, Wissenschaftler, Musiker und Schauspieler, Sigmund Freud und Franz Kafka. Die junge Alice lernt mehrere Sprachen und besucht die Klavier-Meisterklasse von Conrad Ansorge (bei dem auch der junge Furtwängler einst studiert hat). Bereits zu Beginn der dreißiger Jahre ist sie eine bekannte Pianistin.


Als die deutschen Truppen 1938 die Tschechoslowakei besetzen, beginnt auch hier die Verfolgung der jüdischen Bürger. Alice Sommer bekommt Auftrittsverbot und kann nur noch zu Hause spielen. 1942 wird ihre Mutter deportiert – den Schock darüber kann Alice nur am Klavier bewältigen. Sie beschließt, die außerordentlich komplizierten 24 Etüden von Chopin – die kein Musiker je vor ihr beherrscht hat – einzustudieren. Im Jahr 1943 wird die Pianistin, zusammen mit ihrem Mann, dem Geiger Leopold Sommer, und dem 1937 geborenen Sohn Raphael, ins Konzentrationslager abtransportiert. Und auch hier, in Theresienstadt, ist es wieder die Musik, die ihr hilft, zu überleben.


Aus der Musikerin Alice Sommer wird die Pianistin von Theresienstadt, die mit ihren gelegentlichen Konzerten den Mithäftlingen Mut macht – und ihren kleinen Sohn vor den abgründigen Schrecken des Lagers bewahren kann. Die Freundschaft zu der Wienerin Edith Kraus, ebenfalls eine Pianistin, bietet Alice Herz Sommer in Theresienstadt Halt. Acht Stunden arbeiten die beiden Musikerinnen täglich nebeneinander und spalten auf Befehl der SS transparente Steine, die in Öfen als Sichtfenster eingebaut werden. Alice Sommers Mann wird im Oktober 1944 ins KZ Auschwitz deportiert.


Alice Herz-Sommer und ihr Sohn überleben das Grauen und übersiedeln 1947 ins damalige Palästina. Mitte der 80er Jahre verlegt die bereits Hochbetagte ihren Wohnsitz zu Raphael Sommer nach London. Der international gefeierte Cellist und Dirigent wird 1995 im Auftrag der Jeunesses Musicales Deutschland musikalischer Leiter der weltweit erfolgreichen Kinderoper Brundibár (eine Hans-Krasá-Komposition, im KZ Theresienstadt, u.a. mit Greta Klingsberg in der Hauptrolle, über 55 mal aufgeführt). Im November 2001 stirbt Raphael Sommer plötzlich und unerwartet während einer Israel-Tournee.


Alice Herz-Sommer bleibt in Großbritannien. Sie trifft sich regelmässig mit Freundinnen und anderen Holocaust-Überlebenden, pflegt weiterhin zahlreiche Kontakte in sieben (!) Sprachen – und spielt immer noch täglich drei Stunden Klavier. Sie liest viel (nicht zuletzt, weil sie seit ihrer Kindheit eine schlechte Schläferin ist). Und besucht außerdem die University for the third age, die Universität für das dritte Lebensalter. „Dort sind Leute von 60 bis 100 Jahre. Ich bin die Einzige, die sehr alt ist“, so die 100Jährige in einem Interview mit der tageszeitung im November 2003. Ihr Resumée: „Der Jugend gehört die Welt. Glücklich ist man im Alter. Warum? Weil man vollkommen anspruchslos ist. Man verzichtet mit Leichtigkeit. Die ungeheure Erfahrung, die man hat, Weite, Ruhe, man kann lesen, Musik genießen“. (taz Nr. 7221 vom 29.11.2003, Seite 23, 224 Zeilen (Portrait), ANNE PRZYBYLA)


Literatur:

Melissa Müller/ Reinhard Piechocki:
Alice Herz-Sommer – „Ein Garten Eden inmitten der Hölle“
Ein Jahrhundertleben.
Verlag Droemer Knaur, München 2006, ISBN: 3-426-27389-6/ ISBN-13: 978-3-426-27389-0


Links (deutsch):

http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/561/86475/

http://www.wdr.de/tv/dokumentation/die_pianistin.html

http://www.nmz.de/nmz/2004/03/feature-kraus.shtml

http://www.taz.de/pt/2003/11/29/a0122.nf/text


International:

 

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