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Schickele, René

H.A.M. 0

René Schickele
Schriftsteller


Geb. 4.8.1883 in Oberehnheim (Elsaß)/ Frankreich
Gest. 31.1.1940 in Vence, Frankreich


Gestorben ist dieser deutschsprachige Autor und Rebell aus dem Elsass nach einer bösartigen Grippe mit anschließender Bauchfellentzündung kurz vor der geplanten Abreise nach Amerika, um Frankreich verlassen zu können. Zur Beerdigung kamen Emigranten aus Nizza, Cannes und Grasse, unter ihnen Theodor Wolff, Valeriu Marcu, Alfred Neumann und Walter Hasenclever. Doch der französische Schriftstellerverband glänzte ebenso durch Abwesenheit wie die Behörden der Stadt Vence in der Provence. Es war ja nur ein Emigrant gestorben…


Annette Kolb und Hermann Kesten schrieben Nachrufe in den Exilzeitschriften. Thomas Mann gedachte des Brieffreundes am 26. Mai 1940 in der New York Times Book Review: „Wenn Goethe recht hat mit dem Satz: ‚Höchste Wirkung der Kunst ist Gefühl der Anmut’, so war unser verstorbener Freund ein außerordentlicher Künstler, und gerade im germanischen Sprachraum, wo Helligkeit, Grazie, beschwingte Leichtigkeit so selten, ist seinem Lebenswerk unsterbliche Bewunderung sicher. Versteht sich, daß Schönheit auch hier ein Kind des Leidens war und der Triumph darüber – sieghafte Verklärung der Qual.“ Die Qual des Elsässers Schickele waren die zwei Weltkriege in Europa, vor allem die Nachbarschaftstragödie zwischen Deutschland und Frankreich.

Wenige Tage nach Schickeles Tod bestieg seine Witwe Anna das Schiff, das sie mit ihrem Mann zu den beiden Söhnen in die USA hätte bringen sollen. Nach dem Krieg kehrte sie über Vence 1951 zurück nach Badenweiler in das Haus des Dichters, wo sie am 12. November 1973 starb. 1956 hatte sie die sterblichen Überreste ihres Mannes von Vence nach Lipburg überführen lassen, getreu dem Wunsch ihres Mannes: „Nun, jedenfalls will ich dort begraben sein auf dem kleinen Lipburger Friedhöfle.“ Eine Gedächtnistafel in der Nähe seines Hauses schmückt ein Zitat von Kasimir Edschmid: „Sein Herz trug die Liebe und die Weisheit zweier Völker“.


René Schickele war Sohn eines Weingutbesitzers und Polizei-beamten deutscher Abstammung und einer französischen Mutter. Nach dem humanistischen Gymnasium in Zabern wechselte er später als Internatsschüler auf das bischöfliche Gymnasium in Straßburg. Es folgte ein naturwissenschaftliches Studium in Straßburg, München, Paris und Berlin. Ab 1902 gehörte er zu der von Otto Flake und Ernst Stadler gebildeten Aktionsgemeinschaft für progressive Dichtung im Elsaß und Mitarbeiter ihrer Zeitschrift Der Stürmer. Seine journalistische Laufbahn setzte er fort beim Neue Magazin für Literatur und Kunst, Journal Nord und Süd, der Straßburger Neuen Zeitung.

Vor allem das inzwischen im Titel leicht erweiterte Neue Magazin für Literatur, Kunst und soziales Leben war das Organ der jungen Moderne, der Expressionisten. Zum illustren Autorenkreis gehörten Arno Holz, Richard Dehmel, Hugo von Hofmannsthal, Hermann Hesse, Else Lasker-Schüler, Peter Hille sowie August Strindberg und überhaupt ausländische Autoren wie Emile Zola, Anton Tschechow, Oskar Wilde, Walt Whitman, Gabriele D’Anunzio, Charles Baudelaire, kurz: Die literarische Avantgarde jener Zeit.
Von 1913 an arbeitete Schickele auch für Franz Bleis Zeitschrift Die Weißen Blätter, für die expressionistische Autoren wie Johannes R. Becher, Gottfried Benn, Kasimir Edschmid, Albert Ehrenstein, Iwan Goll und eine Reihe pazifistisch gesinnter Intellektueller schrieben. Die antimilitaristische Haltung der Weißen Blätter löste nach Kriegsausbruch zunehmend Kritik und politischen Druck seitens der Deutschen Reichsregierung aus, woraufhin Schickele erstmals in die Emigration ging, als er die Redaktion 1916 in die Schweiz verlegte.


Enttäuscht vom Verlauf der 1918er „Revolution“, die der heimgekehrte Schickele in Berlin voller Enthusiasmus beobachtet hatte, kehrte er in die Schweiz zurück, war aber bereits 1919 aus finanziellen Gründen zum Umzug nach Badenweiler gezwungen. 1932 emigrierte der inzwischen auch als Lyriker und Romancier bekannt gewordene Schickele erneut wegen der sich abzeichnenden Diktatur in Deutschland. Diesmal nach Frankreich, wo er sich in Sanary-sur-Mer mit anderen deutschen Exilanten anfreundete. Seine Lyrik und seine Romane sind zwar von verschiedenen Stilen geprägt. Doch vor allem war Schickele einer jener Expressionisten, die der Meinung waren, daß sich Schriftsteller und Intellektuelle in die Politik einzumischen hatten.

Der René-Schickele-Preis, dessen Vergabe ursprünglich jährlich geplant war, wird – ein Kuriosum der deutschen Nachkriegsliteratur – aufgrund geringer Presseresonanz nur ein Mal vergeben, und zwar 1952 an Hans Werner Richter für seinen Roman Sie fielen aus Gottes Hand.


Autor:

Hajo Jahn


Anmerkungen:

Die frühen Gedichtbände Sommernächte (1902) und Pan – Sonnenopfer der Jugend (1902) enthalten Natur- und Stimmungslyrik im Geist des Jugendstils und des Symbolismus. Das Pathos dieser Bände findet seinen Höhepunkt in Mon Repos (1905), einer Sammlung der lyrischen Passagen des unvollendet gebliebenen Epos Sascha – Epos einer Jugend. Zwischen 1907 und 1909 entstand Schickeles erster Roman Der Fremde, die in neuromantischer Manier erzählte Entwicklungsgeschichte eines jungen Elsässers. Seit 1908 begann Schickeles, sich vom Jugendstil zu distanzieren. Sein 1910 erschienener Lyrikband Weiß und Rot ist von frühexpressionistischen Ansätzen und einer politisch-revolutionären Haltung geprägt. In den folgenden Jahren trat die literarische Produktion Schickeles immer mehr zugunsten seines politischen Engagements zurück. Zunächst auf seiten der elsässischen Liberal-Demokratischen Partei, dann durch die Arbeit für Die Weißen Blätter setzte er sich für die deutsch-französische Annäherung und die Entschärfung des Nationalitätenkonflikts ein. Seine Ablehnung des Krieges findet in der 1914 in nur acht Tagen niedergeschriebenen Komödie Hans im Schnakenloch, einer aberwitzigen Parodie auf den Krieg, ihren künstlerischen Ausdruck. Zuvor hatte er in dem Roman Benkal, der Frauentröster (1914) vorausschauend die Katastrophe des Krieges dargestellt.


Eingebettet in die Geschichte Benkals, der sich vom großsprecherischen Nichtsnutz zum Künstler entwickelt, wird das Schicksal des Volks der Mittelländer vom glücklosen Krieg gegen die Nachbarstaaten bis zur Befreiung durch eine Revolution gegen die kriegerische Adelsschicht erzählt. Die während dieser Zeit verfaßten Gedichtbände Die Leibwache (1914) und Mein Herz, mein Land (1915) stellen den Abschluß des lyrischen Werks Schickels dar, der sich zunehmend Dramatik und Prosa zuwendet. Es entsteht eine Reihe expressionistischer Erzählungen, darunter Meine Freundin Lo (1911, erw. 1931), Das Glück (1914), Trimpopp und Manasse (1914) und die von einer Reise nach Indien inspirierte Novelle Aissé (1915). Schickeles Hauptwerk Das Erbe am Rhein erschien in den Jahren 1925-31. Die aus den Bänden Maria Capponi (1925, zunächst unter dem Titel Ein Erbe am Rhein erschienen), Blick auf die Vogesen (1927) und Der Wolf in der Hürde (1931) bestehende Romantrilogie thematisiert am Beispiel des elsässischen Adelsgeschlechts von Breuschheim den deutsch-französischen Gegensatz. In der Antinomie der verfeindeten Brüder Claus und Ernst von Breuschheim wird der Gegensatz einer pazifistischen, zwischen den Staaten vermittelnden und einer unnachgiebig nationalistischen Haltung dargestellt. Mit dem Werk trat Schickele für seine Idee der Überwindung des Revanchismus und der Verständigung der europäischen Völker ein. Dabei wird in der Gestalt Claus von Breuschheims die Fähigkeit des Elsässers zum Ausgleich zwischen Deutschland und Frankreich herausgestellt. In seinem letzten abgeschlossenen Roman Die Flaschenpost (1937), einer grotesken Geschichte zweier Außenseiter und Emigranten, geht Schickele der Frage nach der Einsamkeit des Menschen und der Flucht vor dieser nach. – Obwohl Schickele heute noch als bedeutendster elsässischer Schriftsteller gilt, ist seine Rezeption in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zurückgegangen. Die Gründe hierfür liegen in der stilistischen wie inhaltlichen Uneinheitlichkeit seines Werkes, das Schickeles Selbstverständnis als deutsch-französischer Grenzgänger, der die Eigenarten der Dichtung beider Nationen in sich aufnimmt, widerspiegelt. Darüber hinaus bereicherte Schickele trotz eines sehr individuellen Stils die Literatur nicht mit neuen Motiven und Ausdrucksformen. Seine literarischen Experimente beschränken sich auf den Versuch, die Errungenschaften deutscher und französischer Dichtung zu vereinen und so der Rolle des Mittlers zwischen beiden Völkern gerecht zu werden.


Veröffentlichungen:

Sommernächte, 1902; Pan. Sonnenopfer der Jugend, 1902; Mon Repos, 1905; Voltaire und seine Zeit, 1905; Der Ritt ins Leben, 1906; Der Fremde, 1909; Weiß und Rot, 1910; Meine Freundin Lo. Geschichte aus Paris, 1911; Das Glück, 1913; Schreie auf dem Boulevard, 1913; Benkal, der Frauentröster, 1914; Die Leibwache, 1914; Trimpopp und Manasse, 1914; Mein Herz, mein Land, 1915; Aissé, 1916; Der neunte November, 1919; Die Genfer Reise, 1919; Der deutsche Träumer, 1919; Am Glockenturm. Schauspiel in drei Aufzügen, 1920; Die Mädchen. Drei Erzählungen, 1920; Wir wollen nicht sterben!, 1922; Die neuen Kerle. Komödie in drei Aufzügen, 1924; Ein Erbe am Rhein. Roman in zwei Bänden, 1925; Das Erbe am Rhein, 3 Bde.: 1. Maria Capponi, 1926; 2. Blick auf die Vogesen, 1927; 3. Der Wolf in der Hürde, 1931; Soeur Ignace. Ein elsässisches Vergißmeinnicht aus der Kongregation der Niederbronner Schwestern, 1928; Symphonie für Jazz, 1929; Elsässische Fioretti aus den Missionen. Lebensbild elsässischer Missionsschwestern, 1930; Die Grenze, 1932; Himmlische Landschaft, 1933; Die Witwe Bosca, 1933; Liebe und Ärgernis des D.H. Lawrence, 1934; Die Flaschenpost, 1937; Le retour, Souvenirs inédits, 1938 (dt.: Heimkehr, 1939); Grand’maman und Der Preuße. Zwei Romanfragmente, 1978. Übersetzertätigkeit:
G. Flaubert: Madame Bovary, 1907; H. de Balzac: Die Lilie im Tal. Die verlassene Frau, 1910.

Herausgebertätigkeit:

Der Stürmer. Halbmonatsschrift für künstlerische Rennaissance im Elsaß, 1. Jg. 1902; Der Merker. Halbmonatsschrift, mit O. Flake; 1. Jg. 1903; Das neue Magazin für Literatur, Kunst und soziales Leben, Jg. 73-74, 1904-05; Die weißen Blätter. Eine Monatsschrift, Jg. 2-7, 1913-20; Europäische Bibliothek, 11 Bde., 1918-19; Menschliche Gedichte im Krieg, 1918; Das Vermächtnis. Deutsche Gedichte von Walther von der Vogelweide bis Nietzsche, 1938; Forum-Bücher, Mit-Hrsg.; 18 Bde., 1939).
Ausgaben:
Werke in drei Bänden, hrsg. von H. Kesten, 1959; Romane und Erzählungen, 2 Bde., 1983. – Briefe: Annette Kolb und R. S. – Briefe im Exil 1933-40 (hrsg. von H. Bender, 1987; J. Meyer-Boghardt: »Cher maître« – Die Korrespondenz zwischen R. S. und Romain Rolland (In: LitJB 29/1988).


Literatur:

G.S. Böhm, Die Bedeutung der Frau in dem erzählerischen Werk R. S.s, 1969;
F. Bentmann, R.S. Leben und Werk in Dokumenten (1976); – C. Fichter, Le terroir, la religion et l’Europe dans l’œuvre »alsacienne« de R. S.: Das Erbe am Rhein (In: Saisons d’Alsace, 1985, H. 90, 124-31;
A. Finck, Introduction à l’oeuvre de R. S., 1982;
ders. und M. Staiber, Elsässer, Europäer, Pazifist – Studien zu R. S., 1984;
G. Martens, Vitalismus und Expressionismus, 1977; –
R. Matzen, R. S. – Ein Europäer aus dem Elsaß, 1990;
J. Meyer, Vom elsässischen Kunstfrühling zur utopischen Civitas Hominum: Jugendstil und Expressionismus bei R. S. 1900-1920, 1981;
H. Noe, Die literarische Kritik am 1. Weltkrieg in der Zeitschrift
»Die Weißen Blätter«: R. S., A. Kolb, M. Brod, A. Latzko, L. Frank, 1986;
G. Renard, L’œuvre de R. S. de 1902 a 1920, 1976; – J.J. Schumacher, Das Romanwerk R. S.s – Thematik und Entwicklung 1907-1937, 1960;
G. Ueberschlag, Poète, paysage et politique dans la trilogie
»Das Erbe am Rhein« (In: Revue alsacienne de litterature, 1985, H. 10, 35-42).
Hans Wagener, René Schickele. Europäer in neun Monaten,
Bleicher Verlag, 2000, ISBN 3-88350-667-2


Links deutsch):

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=5984&ausgabe=200305

http://www.bautz.de/bbkl/s/s1/schickele_r.shtml

http://www.litlinks.it/s/schickele.htm

http://www.dla-marbach.de/kallias/hyperkuss/s-29.html

http://www.perlentaucher.de/buch/13120.html

http://www.textkritik.de/editiontext/schickele.htm


International:

http://www.frankreich-sued.de/sanary-sur-mer-server/Schickele.htm

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